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Basel ist dem Untergang geweiht

Weltweiter Papiermangel und lokale Wasserfluten. Dazu schnell wachsende Fingernägel. Das kann ja nichts Gutes verheissen.

Andreas W. Schmid
Andreas W. Schmid
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Quartierflohmarkt am kommenden Sonntag im Gotthelf/Iselin. Die ideale Gelegenheit, um vorher auszumisten. Denn wer Gerümpel hortet, dem drohen laut verschiedenen Studien Herz-Kreislauf-Pro­bleme, Müdigkeit. Er wird antriebslos, verwirrt, gefährdet damit den Familienfrieden und versperrt den Blick auf das Wesentliche, wie sich zum Beispiel gerade in dieser Kolumne zeigt.

Ich stosse beim Entrümpeln auf Schachteln, die seit 20 Jahren nicht mehr geöffnet wurden. In einer finde ich alte Zeitungen, und weil nichts älter ist als die Zeitung von gestern und ausserdem weltweit Papiermangel herrscht, verabschiede ich mich leichten Herzens von ihnen. Ich binde die Exemplare vorbildlich zu einem Bündel zusammen – nicht zu schwer darf es sein, damit die Männer von der Papierabfuhr (eine Frau habe ich noch nicht gesehen, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren) sich keinen Leistenbruch holen.

Der versteckte «Blick»

Dabei fällt mir eine «Blick»-Ausgabe vom 12. Juni 2004 herunter. Zuerst einmal wundere ich mich, dass ich einen «Blick» aufbewahrt habe. Den «Blick» habe ich früher immer in einer anderen Zeitung versteckt, weil ich mich für die Lektüre schämte. Später machte ich dasselbe mit der «Weltwoche». (Heute kaufe ich sie nicht mehr, deshalb muss ich sie auch nicht mehr verstecken.) Und während der Blocher-Zeit war es die BAZ, die ich unter der «bz Basel» verbarg, obwohl ich damals noch selber bei der «besten Zeitung der Welt» arbeitete.

Im erwähnten «Blick» von damals lese ich eine unglaub­liche Schlagzeile: «Die Erde verschluckt Basel.» Darunter heisst es: «Unerbittlich reisst die Glutschmelze im Erdinnern Europa mitten entzwei: Eines fernen Tages wird der Rheingraben zum riesigen Meer und die Region Basel für immer in den Fluten versinken.»

Die verheerenden Folgen

Die Ursache für das ganze Desaster beschreibt der 17 Jahre alte Artikel so: «Das geologische Bild der Erde ändert sich ständig. Mit den auf der Glutschmelze schwimmenden Erdplatten bewegen sich auch die Kontinente – im Schnitt so schnell, wie unsere Fingernägel wachsen: mit einem Millimeter pro Woche.» Was für Basel verheerende Folgen hat.

Die ersten Vorboten zeigten sich in den letzten Wochen, als der Rhein Wassermengen mit sich führte, die man sonst nur im Pazifik gesehen hat. Ganze Uferborde mitsamt den dort ansässigen Fischergalgen wurden vom reissenden Gewässer verschlungen. Keine Frage, Basel ist dem Untergang geweiht, was sehr bedauerlich ist – letztes Jahr noch hätte die Stadt nicht viel zu verlieren gehabt, aber jetzt mit der Auferstehung des örtlichen Fussballklubs ist es doch sehr schade, dass die böse Erde das liebliche Basel verschlucken wird.

Und das kann noch früher der Fall sein, als vom «Blick» prophezeit: Erst gestern hat mir meine Frau zugeraunt, dass meine Fingernägel aber brutal schnell wachsen würden – mindestens einen Zentimeter pro Woche dürften es sein. Ich habe deshalb kurzfristig beschlossen, gleich unseren ganzen Haushalt aufzulösen. Rechtzeitig auf den Quartierflohmarkt hin. Sie finden uns an der Bartenheimerstrasse 56. Alles muss weg. Nur raus aus dieser Stadt. Nach uns die Sintflut.

Andreas W. Schmid arbeitet als freier Autor in Basel und liebäugelt mit einer Bleibe in La Paz – Hauptsache hoch gelegen.

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