About Schmid
Die Macht einer verlorenen Seele

Wie zwei Strassenmusikanten einige verzaubern und andere dazu bringen, die Polizei zu rufen.

Andreas W. Schmid
Andreas W. Schmid
Merken
Drucken
Teilen
Sie machten einen normalen Abend aussergewöhnlich.

Sie machten einen normalen Abend aussergewöhnlich.

Andreas W. Schmid

Von weit her, so schien es, schwappte ganz leise der liebliche Klang einer Gitarre herüber. Es war ein ebenso lieblicher, weil lauer Sommerabend in einem Basler Aussenquartier. Die Vögel zwitscherten, wie immer um diese Zeit schwirrten die Schwalben am Himmel herum, in den Hinterhöfen hörte man die Nachbarn miteinander reden. Alles schien seinen Gang zu gehen, wenn da nicht dieser Sound einer Gitarre gewesen wäre, der allmählich lauter wurde – und mittlerweile auch einer Stimme, die auf Italienisch sang: «O bella, ciao! Bella ciao, bella, ciao, ciao, ciao!» Drei Wochen ist das her.

Es klang zuerst so, als habe jemand seine Musikanlage zu Hause aufgedreht. Um uns an diesem Lied der italienischen Widerstandsbewegung gegen den Faschismus teilhaben zu lassen. Viele wissen vermutlich nicht um die Bedeutung des Textes, doch die Melodie ist als Ohrwurm weltberühmt geworden. «… bella, ciao, ciao, ciao!», hörte man weitere Stimmen mitsingen. Applaus brandete auf, die Stimme bedankte sich: «Grazie. Erlauben Sie uns, dass wir Ihnen an diesem schönen Abend eine Überraschung bereiten.»

So langsam dämmerte es mir, dass da nicht einer aus der Nachbarschaft mit den anderen seine Musikvorlieben teilen wollte. Sondern, dass der Sound live irgendwo in der Umgebung erzeugt wurde. Und tatsächlich: An der Strassenecke standen zwei Musiker, der eine mit Gitarre, der andere mit einem Kontrabass. Gap’s orchestra stand auf ihrem geöffneten Koffer geschrieben. Sound around the world. Alessandro und Giacomo sangen italienische Gassenhauer, die in der Regel das Gemüt erfreuen. Ihre Bühne hatten sie zufällig ausgewählt. Von überall strömten die Menschen herbei, die einen mit einem Lächeln im Gesicht, die anderen schauten neugierig, was es mit dieser Musik auf sich hatte. Auch die Terrassen füllten sich. Innert weniger Minuten hatten die beiden ein dankbares Publikum gewonnen.

«Volare, oh oh.» Alessandro und Giacomo brachten die Zuhörer zum Fliegen. Es fühlte sich gerade alles so leicht an. Wie viele solcher Abende zählt das Jahr, an denen hier nicht alles seinen gewohnten Gang geht? Viele sind es nicht, und auch dieser Abend sollte nicht ewig währen. Denn nach einer halben Stunde ging die Sonne unter – ein Polizeiwagen kreuzte auf. Jemand habe sich über den Lärm beklagt. Ungläubiges Kopfschütteln überall. Ein paar Minuten Lebensfreude waren dieser verlorenen Seele offenbar schon zu viel. Den Beamten war es sichtbar peinlich: Bitte spielt ohne Verstärker und kommt bald zu einem Ende! Für die beiden Italiener, die schon in 30 Ländern gewesen waren, nichts Ungewöhnliches: «Als Strassenmusiker sind wir so etwas wie Piraten.»

Ohne Verstärker war es fast noch schöner. Das letzte Lied sangen die Menschen mit, und für ein paar Minuten ging nochmals die Sonne auf. «O sole mio.» Dann war Schluss. Die Menschen aber zeigten sich grosszügig, die Münzen klimperten. Zu Recht, denn Alessandro und Giacomo hatten ja nicht einfach nur dagesessen, sondern etwas geschaffen – magische Momente. Danach ging es für alle zurück in die Häuser, die Strasse leerte sich und wurde ruhig. Alles war wieder wie immer.

Andreas W. Schmid ist freischaffender Autor und lebt in Basel. Strassenmusikanten gibt er gerne etwas.