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Selbstgespräch: Ein Journalist befragt sich selbst

Maler fertigen ja auch Selbstporträts an. Dann darf sich ein Journalist wohl auch mal selber befragen: Ein Interview über die Banalitäten des Alltags, den FCB und umstrittene Pizzen.

Andreas W. Schmid
Andreas W. Schmid
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70'000. So viele Fragen habe ich in meiner bald 30-jährigen Berufskarriere als Journalist gestellt. Die Rechnung ist einfach: Nehmen wir als Durchschnitt zwei Interviews, die ich pro Woche geführt habe. Macht rund 100 Interviews pro Jahr, in 28 Jahren sind das 2800 Interviews insgesamt. In jedem Interview habe ich durchschnittlich 25 Fragen abgefeuert. 2800 mal 25 macht 70'000 Fragen. Darunter hatte es alles: philosophische, humorvolle, inves­tigative, aber auch 08/15- oder «saublöde» Fragen, wie der frühere Abfahrtsstar Peter Müller in seiner gewohnt mürrischen Art einmal anmerkte.

Wie auch immer – ich finde, nach so vielen Fragen, die ich an die Frau oder an den Mann brachte, habe ich das gottgegebene Recht, den Spiess umzudrehen und endlich selber Fragen zu beantworten, die ich mir der Einfachheit halber gleich selber stelle. Berühmte Maler haben ja auch Selbst­porträts gemalt. Man denke an Vincent van Gogh, mit und ohne Ohr. Also los!

Wer sind Sie?

Ich bin ein Lohnschreiber, ein Akkordarbeiter, ein Zeilen­fresser, eine Mediennutte, ein ­Lügenpresser, ein Newsjunkie, ein Phrasenschwätzer, ein Zeitungsfritze – suchen Sie sich, je nach Sympathie, die Sie für mich hegen, was aus.

Wer wären Sie gerne?

George Clooney. Der Lebensabschnittspartner von Jennifer Lopez. Hape Kerkelings Katze.

Was umtreibt Sie?

Banalitäten des Alltags. Zum Beispiel: Warum gibt es Basler Behörden, die an einem Freitagnachmittag geschlossen haben – laut Telefonbeantworter ­«wegen eines Feiertags am nächsten Tag». Beim Feiertag handelte sich um den 1. Mai, einen Samstag notabene!

Worüber haben Sie sich zuletzt genervt?

Ich stieg am Bahnhof auf den letzten Drücker in den Express-Bus zum Euroairport ein. Zuerst dankte ich dem Chauffeur für seine Grosszügigkeit, stellte jedoch bald entsetzt fest, dass der Bus direkt durchfährt und erst wieder am Flughafen anhält; ich aber wollte beim Brausebad ­wieder raus. Also versuchte ich alles, flehte, ging auf die Knie, schimpfte, brach in Tränen aus – nichts zu machen. «Ich darf unterwegs nicht anhalten», sagte der Fahrer und öffnete erst wieder am Euroairport die Türen. Okay, auch das eine Bana­lität des Alltags, aber trotzdem.

Ihre denkwürdigste Schlagzeile?

In einem früheren Leben, als der FCB Meister wurde, schrieb ich als Titel: «Es ist vollbracht!» Am nächsten Tag hatte ich Dutzende von wütenden Kirch­gängern am Telefon.

Ihr erstes FCB-Spiel im Joggeli?

Stade Reims. 1975. Alpencup. 0:0. Ich ging trotzdem wieder hin.

Die meistgehörte Phrase in Ihren Interviews?

«Ich war total am Boden, mir ging's dreckig, aber ich bin froh darum.»

Kauen oder schlingen Sie?

Ich kaue, und zwar eine Ewigkeit. «Die Gurke gehört 33-mal gekaut», sagte schon meine Oma. Im Landdienst bekam ich dann vom Bauern zu hören: «So, wie man isst, so arbeitet man.»

Ihre Lieblingspizza?

Pizza Hawaii. Falls man mir mit Rauswurf droht, dann halt eine Pizza marinara mit extra viel Knoblauch.

Ihre Botschaft an die Menschheit?

Haltet euch nicht mit den Banalitäten des Alltags auf. Schaut lieber auf das grosse Bild.

Was steht dereinst auf Ihrem Grabstein?

Die Frage stelle ich in meinen Interviews nur unter 70-Jährigen. Alles andere wäre taktlos. Der Komiker Michael Elsener (36) antwortete: «Er hat's nicht überlebt.» Passend zum Thema könnte bei mir stehen: «Wer fragt, ist ein Narr für eine Minute. Wer nicht fragt, ist es ein ganzes Leben lang.» Auch gut: «Er hatte keine Fragen mehr, also ging er.»

Andreas W. Schmid hat Blut geleckt und beantwortet gerne weitere Fragen: info@awsmedien.ch

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