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Vom Wert abgelaufener Schuhsohlen

Die besten Erlebnisse macht man draussen. Das gilt auch für Journalisten, auch wenn da der Trend zur Heimrecherche geht.

Andreas W. Schmid
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Journalisten brauchen für ihr täglich Brot Futter, und dieses Futter holten sie sich in der Vergangenheit, indem sie in die weite Welt hinausgingen. Heute aber bleiben immer mehr Journalisten zu Hause, weil ihre Arbeitgeber kein Geld mehr haben, aktuell wegen Corona, viel zu oft aber auch aus Bequemlichkeit.

Informationen würden zunehmend vor dem Computer und in sozialen Netzwerken recherchiert, stellte Papst Franziskus unlängst tadelnd fest. Die Journalisten täten dies, «ohne jemals auf die Strasse zu gehen, ohne sich die Schuhsohlen abzulaufen, ohne Menschen zu begegnen, um nach Geschichten zu suchen oder bestimmte Situationen zu verifizieren».

Auf dem Weg in die Mongolei

Das ist bedauerlich, denn die besten Erlebnisse hat man tatsächlich draussen. Ich erinnere mich an die Olympischen Spiele 2008 in Peking, wo ich als Reporter an einem schönen Nachmittag mit vier anderen Schreiberlingen im Taxi Marathonläufer Viktor Röthlin für einen Vorbericht besuchen wollte. Röthlin war in einem Hotel namens Hongfu Garden untergebracht.

Eine halbe Stunde hätte die Fahrt in die Peripherie von Peking dauern sollen, am Ende wurden es fünf Stunden, und statt im Hongfu Garden wären wir fast in der Mongolei gelandet, in einer Gegend, wo noch nie ein Fremder hingelangt war. Auf unsere Frage, wann wir denn nun endlich in diesem verfluchten Hotel seien, antwortete der Taxifahrer immer nur mit diesem einen, äusserst hilfreichen Satz: «Welcome to Beijing!» Als wir das «Hongfu Garden» doch noch erreichten, fiel ich dem verdutzten Röthlin weinend um den Hals.

Von Bolt zu Wilson

Von den Spielen 2012 in London ist mir als Begegnung in besonderer Erinnerung, wie der Basler Sprint-König Alex Wilson nach dem Halbfinal-Aus in den Katakomben des Olympiastadions gross tönte: «Dr Bolt isch verby, jetzt chunnt dr Wilson!» Was sich als richtig herausstellen sollte, denn Weltrekordmann Usain Bolt hörte danach auf und verschwand in der Versenkung, während Alex Wilson heute – neun Jahre später – immer noch für reichlich Gesprächsstoff sorgt, und zwar mehr denn je.

Oder Rio 2016: An einem Morgen war ich im Medienbus unterwegs, um die Wettkämpfe der Fechter zu besuchen. Ich setzte mich neben einen Japaner mit Bärtchen und Brille und kam mit ihm ins Gespräch. Er ging, wenig erstaunlich, zum Judo. Beim Aussteigen nahm er versehentlich mein Handy mit, das mir aus dem Hosensack auf seinen Sitz gerutscht war. Als ich den Irrtum wenig später bemerkte, rannte ich verzweifelt zum Judo-Stadion und fragte ungefähr 500 japanische Journa­listen, die alle Bärtchen und Brille trugen: «iPhone?» Und bekam nur diese Antwort: «No, Samsung.» Offenbar hatte ich mich ausgerechnet neben den einzigen Japaner setzen müssen, der ein iPhone besitzt!

Verzweiflung beim Fundbüro

Ich war verzweifelt, es fühlte sich an, als habe mir jemand ein Körperteil abgeschnitten. Am Abend meldete ich den Verlust im «Lost and Found», dem Fundbüro des Hauptpressezentrums, allerdings ohne grosse Hoffnung. Am nächsten Morgen hatte ich eine Mit­teilung in meiner Mailbox: «Soeben hat ein Japaner ein silbernes iPhone zurückgebracht. Wir gehen davon aus, dass es sich um Ihres handelt.» Was tatsächlich der Fall war.

Wie gesagt: Wer etwas erleben will, muss in die weite Welt hinausgehen (wollen). Chef­redaktoren sind deshalb gut beraten, Journalisten bei einem Anstellungsgespräch zuerst auf die Schuhe zu schauen.

Andreas W. Schmid hat bisher als Journalist für gute Umsätze in Schuhgeschäften gesorgt.

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