Interview

Adrian Ballmer: «Ich will mich nicht mit einer Merkel vergleichen»

Endlich mehr Zeit für Musse: Adrian Ballmer fällt der Abschied von seiner Direktion zwar schwer, doch freut er sich auch auf mehr Zeit mit seinen Grosskindern.

Endlich mehr Zeit für Musse: Adrian Ballmer fällt der Abschied von seiner Direktion zwar schwer, doch freut er sich auch auf mehr Zeit mit seinen Grosskindern.

Adrian Ballmer geht auch eine Woche nach seiner Stabsübergabe noch in der Finanz- und Kirchendirektion ein und aus. Im Interview erzählt er, dass er sich nicht als animal politique sieht und wie schwer ihm sein Abschied fiel.

Die Arbeit geht Adrian Ballmer nicht aus. Auch eine Woche nach der Stabsübergabe an Anton Lauber geht er in «seiner» Finanz- und Kirchendirektion (FKD) ein und aus. Noch immer stapeln sich die Kisten. In 13 Jahren Regierungsarbeit kommt so einiges zusammen. Immerhin: Der 66-Jährige versucht, nur noch morgens die Rheinstrasse 33b in Liestal aufzusuchen - und nicht mehr um fünf Uhr in der Früh aufzustehen. Es scheint also nur konsequent, dass Ballmer die bz zum Gespräch in die FKD lädt. Da es sich in seinem alten Büro bereits Lauber bequem gemacht hat, muss das Sitzungszimmer genügen.

Herr Ballmer, haben Sie Anton Lauber ein Präsent auf dem Bürotisch hinterlassen?

Adrian Ballmer: Ja, ein paar Akten. Dabei habe ich versucht, sie so auf das Wesentliche zu fokussieren, dass er es möglichst gut verstehen kann.

Ihr Geschenk ist also Arbeit.

Natürlich, deshalb wollte Anton Lauber ja Regierungsrat werden.

Sie dagegen wurden zum Abschied sicher reichlich beschenkt. Wie hat sich ihr Team in der FKD von Ihnen verabschiedet?

Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mir nichts schenken - aber falls sie möchten, dann bitte nichts, das man abstauben muss. Jetzt schicken sie mich für 14 Tage ins Kloster Disentis. Da war ich schon etwas überrascht. Aber ich kann die Zeit gut gebrauchen, um in aller Ruhe nachzudenken. Und gesund wird es wohl auch sein.

Schon als Sie Ihren Rücktritt als Regierungsrat Ende letzten Jahres im Landratssaal verkündeten, nahm Sie das sichtlich mit. Wie war es nun Ende Juni, als Sie sich endgültig von Ihrem Team verabschieden mussten?

Das war nicht einfach. Meine Mitarbeitenden sind mir schliesslich ans Herz gewachsen. Es sind sehr gute Leute, mit denen ich sehr eng zusammengearbeitet habe. Unsere Beziehung war geprägt von gegenseitiger Wertschätzung. Schwierig war natürlich auch die lange Übergangsphase von einem halben Jahr, bis mein Nachfolger feststand.

Sie haben ihre Direktion stark geprägt. Glauben Sie, dass der Wechsel zu Anton Lauber nun Probleme bereitet?

Sicher hat jeder seinen eigenen Führungsstil. Das Team hat sich an meinen gewöhnt. Ich habe mich immer bemüht, gute Leute anzustellen und ihnen dann den nötigen Freiraum zu lassen. Nun folgt vielleicht eine gewisse Phase der Unsicherheit, doch ich bin überzeugt, dass sich die Mitarbeiter auch an den Stil und die Persönlichkeit von Anton Lauber gewöhnen werden.

Apropos Persönlichkeit: Wir haben Leute aus Ihrem politischen und sozialen Umfeld gefragt, wie sie Adrian Ballmer charakterisieren würden. Die positiven Attribute waren: intelligent, neugierig, liebevoll, hilfsbereit, selbstbewusst, bodenständig, klar bürgerlich, engagiert, clever und mit hohem Fachwissen. Erkennen Sie sich darin wieder?

(zögert) Diese Beurteilungen freuen mich. Ob ich intelligent bin, sollen andere beurteilen. Ich glaube aber, insgesamt einen anständigen «Ausbildungs-Rucksack» zu haben.

Vermissen Sie in der Liste eine positive Eigenschaft?

Mir hat man mal gesagt, ich hätte keinen mehrheitsfähigen Humor. Das mag stimmen, da längst nicht alle verstehen, wenn ich etwas ironisch meine. Das wiederum finde ich dann lustig.

Es wurden allerdings auch einige negative Begriffe genannt, die für Sie typisch seien: etwas verschlossen, wenig vorausschauend, unflexibel, hart, manchmal egoistisch und vor allem stur.

Die Menschen, die das gesagt haben, kennen mich nicht wirklich. Es stimmt zwar, dass ich nicht allzu gerne an Apéros teilnehme und Smalltalk mache. Und was einige als stur bezeichnen, könnte man auch konsequent, gradlinig, verlässlich nennen. Zudem: Wer schon mit mir verhandelt hat, weiss, dass ich nicht unflexibel bin. Mit mir kann man durchaus Vergleiche machen. Ich wurde höchstens «harter Hund» genannt.

Es gibt auch Stimmen, die sagen, Sie hätten sich in den 13 Regierungsjahren verändert - und zwar nicht zum Besseren.

Ich glaube nicht, dass ich mich gross verändert habe. Wenn, dann bin ich vielleicht etwas ungeduldiger geworden - aber nur gegenüber dem Landrat, wenn dieser immer wieder um dieselben Themen kreist.

Nun, mit etwas Abstand betrachtet: War es wirklich der richtige Entscheid, mitten in der Legislatur zurückzutreten?

Wenn ich die vielen Laudationen an der letzten Landratssitzung als Gradmesser nehme, bin ich zu früh zurückgetreten. Klammer: Ironie. Nein, es war der richtige Entscheid. Ich wollte zurücktreten, solange ich trotz meiner latenten gesundheitlichen Probleme noch etwas unternehmen kann. Als Regierungsrat ist man terminlich sehr, sehr fremdbestimmt. Jetzt versuche ich, mehr auf meinen Körper zu hören. Wegen des Amtes bin ich auf alle Fälle nicht zurückgetreten. Natürlich haben für mich auch politische Überlegungen eine Rolle gespielt: Ich finde, dass die SVP in der Regierung vertreten sein sollte. Die Wahl von Thomas Weber hat mir da ja recht gegeben.

Herr Ballmer, Sie als animal politique ...

(unterbricht) Ich bin kein animal politique Lange konnte ich mir gar nicht vorstellen, «Berufsbaselbieter» zu werden. Als ich es dann doch wurde, habe ich mich aber nie verbiegen lassen. Ich bin nicht «Slalom» gefahren, wohl wissend, dass ich dadurch anecken würde. So habe ich mir auch nie Netzwerke aufgebaut. Ich war immer der Sache verpflichtet In diesem Sinne bin ich kein typischer Politiker.

Wer ist denn für Sie ein typischer Politiker?

Ich will mich zum Beispiel nicht mit einer Angela Merkel (Bundeskanzlerin Deutschlands, d. Red.) vergleichen, die, nur weil es populär ist, irgendwelche teuren Projekte ankündigt, die gar nicht bezahlbar sind. Sie ist natürlich nicht die Einzige, die das macht. Das sind für mich typische Politiker. Und so etwas ist für mich überhaupt nicht erstrebenswert.

Wie intensiv werden Sie die Baselbieter Politik weiter verfolgen - oder gar mitgestalten?

Ich halte nichts davon, wenn abgetretene Regierungsräte in den Medien ständig gute Ratschläge geben. Auch werde ich nicht immer von der Landratstribüne aus das Geschehen weiter verfolgen. Wofür ich mich aber engagieren möchte, ist die Selbstständigkeit des Baselbiets.

Heisst das, wir werden Sie bald im Komitee «Für ein selbstständiges Baselbiet» wiedersehen?

Das möchte ich zurzeit noch offen lassen. Ich will mich erst genauer informieren, welche Pro-Baselbiet-Bewegungen es alles gibt.

Glauben Sie denn daran, dass Baselland langfristig selbstständig bleibt?

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob die Fusionsinitiative abgelehnt wird. Überzeugt bin ich aber davon, dass dann der definitive Fusionsentscheid, der ja erst in einem späteren Schritt kommen würde, keine Chance haben wird.

Dann können Sie dieser ersten Abstimmung ja gelassen entgegenschauen.

Keineswegs. Ein Ja zur jetzigen Initiative wäre fatal, da die Prozesse, die sie auslöst, die Baselbieter Politik über Jahre absorbieren würden. Mein Vater war in den 60er-Jahren Verfassungsrat. Ich weiss also, wovon ich rede. Auch ist die Frage, ob die beiden Basel wieder fusionieren sollen, derart emotional, dass sie Parteien, Freunde und Familien entzweien würde - wie schon in den 60ern. Ich bin überzeugt, dass die beiden Kantone in wilder Ehe besser zusammenleben können, als vereint. Die Debatte jetzt ist ein Sargnagel für die wichtige Partnerschaft.

In den vergangenen Monaten standen Sie dank Entlastungspaket und Pensionskassen-Reform oft im Kreuzfeuer der Kritik. Vermissen Sie etwas die Wertschätzung ihrer Erfolge als Regierungsrat, etwa der Defizitbremse oder dem Triple-A-Rating Basellands?

In der Politik darf man nicht den «Dank der Republik» erwarten. Die Menschen, die mir wichtig sind, haben mich immer unterstützt. Ausserdem ist Lob auch oft interessengesteuert. Das brauche ich nicht. Gesundes Selbstvertrauen hilft allerdings, denn am Ende ist es immer meine Haut, um die es geht.

Welche Niederlage schmerzte am meisten?

Das war sicher das Volks-Nein zum Rahmengesetz des Entlastungspaketes im Juni 2012. Allerdings weiss ich als alter Handballgoalie, dass es nichts bringt, bei einem Gegentor lange zu trauern. Man muss sofort wieder bereit sein. Ausserdem: Was ist das für eine Niederlage? Die wahren Verlierer erkennt man oft erst später.

Noch sichten Sie Aktenstapel in der FKD. Doch wie sieht das Leben Adrian Ballmers danach aus?

Ich möchte mich mehr mit Freunden treffen, mehr Zeitungen und Bücher lesen, endlich einmal spontan Ausflüge machen, im Winter vielleicht ein Skirennen besuchen. Kurz: Mehr Zeit für Musse. Ganz oben auf der Liste stehen aber meine Grosskinder. Neben dem Spielen möchte ich für sie auch gerne eine Art Hauslehrer sein und mit ihnen meine Erfahrung teilen.

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