Basler Fasnacht

Ältester Film der Basler Fasnacht aufgetaucht: Filmwissenschaftler entdecken Aufnahmen von 1898

«Der Keenig vo Wange» war das Sujet der Breo-Clique – die Verhältnisse in der Berner Kaserne waren damals schweizweit ein Thema.

«Der Keenig vo Wange» war das Sujet der Breo-Clique – die Verhältnisse in der Berner Kaserne waren damals schweizweit ein Thema.

In einem Archiv haben Filmwissenschafter der Universität Basel Aufnahmen der Fasnacht von 1898 entdeckt. Vieles wirkt vertraut, aber in den knapp vier Minuten tauchen einige Überraschungen auf.

«99 boîtes sans titres», 99 Spulen ohne Titel. Die archivarische Bezeichnung alleine zeigt, dass sich lange niemand wirklich für die filmischen Schätze interessiert hat, die in der Cinémathèque française gelagert werden. Über Jahrzehnte müssen die Schachteln mit den vergilbten und teilweise stark beschädigten Filmspulen auf dem Estrich der Familienvilla in Cannes vor sich hingemodert haben, bevor Anfang der 1990er-Jahre ein Enkel des Geschäftsmanns und Filmpioniers François-Henri Lavanchy-Clarke (1848–1922) auf die Aufnahmen stiess und diese ins staatliche französische Filmarchiv brachte. Doch auch dort gerieten die Filme bald in Vergessenheit. Erst vor wenigen Jahren stiess eine Gruppe von Medienwissenschaftern der Universität Basel auf die filmhistorischen Schätze.

Unter den rund 50 Filmen aus der Schweiz findet sich aus Basler Sicht eine kleine Sensation. Sechs der Filme, die aufgrund der damaligen Filmtechnik maximal 50 Sekunden dauern, zeigen den Montags-Cortège der Fasnacht 1898. Die insgesamt rund vier Minuten sind somit die ältesten Filmaufnahmen der Basler Fasnacht überhaupt. Gesehen haben diese bisher erst eine Handvoll Eingeweihter. Auch der Basler Filmemacher und Dozent Hansmartin Siegrist versuchte, seine Entdeckung bisher unter dem Deckel zu halten. Einerseits, weil immer wieder urheberrechtliche Fragen in Zusammenarbeit mit den französischen Filmarchiven auftauchen. Andererseits, weil Siegrist und seine Mitstreiter um David Bucheli die Filme zuerst in Ruhe untersuchen wollen, bevor sie damit an die Öffentlichkeit gehen. «Ich konnte anfangs fast nicht glauben, was wir gefunden hatten», sagt Siegrist.

Ungewöhnliches Wetter half bei der Datierung der Aufnahmen

Entdeckt hatten die Medienwissenschafter die Aufnahmen, als sie die Entstehung des ältesten bekannten Basler Films «Bâle – le pont sur le Rhin» rekonstruierten. Der Streifen ist Teil des Archivs der französischen Filmpioniere Gebrüder Lumière. Auch diesen Film hatte Lavanchy-Clarke, der von den Lumière-Brüdern konzessioniert war, realisiert. 50 Sekunden lang flanieren scheinbar zufällig Passanten über die Mittlere Brücke. Die detektivische Kleinarbeit des Teams um Siegrist wies nach, dass der Film in Wahrheit ein inszeniertes Schaulaufen des damaligen Who’s who rund um den Kleinbasler Seidenfärber Achilles Lotz war. Die Erkenntnisse aus den Forschungsarbeiten sind im über 400 Seiten dicken Buch «Auf der Brücke zur Moderne» festgehalten, das kürzlich im Christoph-Merian-Verlag erschienen ist.

Die Arbeitstechniken, welche sich das Team angeeignet hatte, nutzen sie nun zur Erforschung der Fasnachtsfilme. So war anfangs unklar, in welchem Jahr die Filme gedreht wurden. Also wurden die wenigen Fasnachtswagen und Laternen, die in den Aufnahmen zu sehen sind, mit Bebilderungen aus dem Staatsarchiv abgeglichen. Dabei konnte das Team von der Universität Basel auf sogenannte Fasnachtsbögen zurückgreifen. Da Ende des 19. Jahrhunderts fotografische Reproduktionen teuer und nur schwarz-weiss waren, liessen viele Cliquen Skizzen und Zeichnungen ihrer Sujets, Kostüme, Laternen und Requisiten anfertigen. Mit diesen konnten die Aufnahmen auf das Jahr 1898 datiert und gleichzeitig mehrere Cliquen identifiziert werden. Bei der genaueren Analyse half Petrus. Am Montagmorgen, 28. Januar 1898, schneite und regnete es, am Nachmittag zeigte sich aber bald die Sonne. So konnten die Aufnahmen zeitlich besser eingeordnet werden.

Arnold-Böcklin-Sujets und Helvetik des Cortèges 1898

Auf den Aufnahmen sieht man den Cortège auf der alten Mittleren Brücke, bei der Schifflände und in der Eisengasse, durch die damals noch das Tram fuhr. Gedreht wurde vom Balkon des einstigen Cafés Spillmann und auf dem Dach des damals benachbarten alten Zollhauses – also lustigerweise fast aus der gleichen Perspektive, wie auch das Schweizer Fernsehen den Cortège jeweils filmt. Auf den Aufnahmen sind mehrere Sujets klar erkennbar. Besonders die Breo-Clique ist mehrfach abgebildet. Deren Laterne hatte die Form einer überdimensionalen Krone. Dahinter folgt eine militärische Feldküche, von der aus «Spatz» verteilt wurde. Das Sujet «Der Keenig vo Wange» spielte offensichtlich auf einen Skandal in der Kaserne Wangen an der Aare an.

Ein weiteres Sujet, das viele Cliquen aufgriffen, waren die Misstöne zur Böcklinfeier von 1897. Anlässlich seines 70. Geburtstages wurden in der Kunsthalle die Werke des Basler Künstlers Arnold Böcklin gezeigt. Der Malerfürst blieb aber in seiner toskanischen Wahlheimat und liess sich durch seinen Sohn und einen Früchtekorb vertreten. Auf den Fasnachtsfilmen sind zwei Cliquen zu sehen, die das Sujet aufgreifen. Ein Wagen mit Säulenhain ist der italienischen Villa von Böcklin in arkadischer Landschaft nachempfunden. Ein weiterer thematisiert den Korb, welchen der Künstler den Baslern im doppelten Sinne des Wortes gegeben hatte. Zu sehen ist weiter ein Wagen, auf dem eine Statue in Anspielung auf den internationalen Malerstar den Schriftzug «Er ist unser» hochhält. Auch das 100-Jahre-Jubiläum der Helvetischen Republik wird thematisiert – eine Clique deutet mit einer Guillotine auf ihrem Wagen die französischen Gepflogenheiten an. Eine weitere Fasnachtsgruppe trägt eine Laterne in Form eines Globus vor sich her – hier ist nicht klar, worauf genau angespielt wurde.

Reiter und geschminkte Gesichter statt Waggis und Guggen

Der Kameramann schien genau zu wissen, wann er mit dem Drehen der Kurbel seines Kinematografen zu beginnen hatte. Die Sujets, die im Film zu sehen sind, finden sich grossenteils auch in der damaligen Fasnachtsberichterstattung der Zeitungen. Gleichzeitig fällt auf, dass einige Filmaufnahmen anfänglich schlecht komponiert sind: Mehrfach ist zu sehen, dass die Kameraeinstellung nachgebessert wurde. In einer Einstellung ist vor allem viel Himmel und das Hotel Les Trois Rois zu sehen, während der Cortège unten halb abgeschnitten an der Schifflände vorbeizieht. Für Siegrist ist dies ein starkes Indiz, dass der Filmpionier Lavanchy-Clarke persönlich oder sein Bruder hinter dem Kinematografen stand. Denn Lavanchy-Clarke war eigentlich eher als Vermarkter der Filme tätig. Der Geschäftsmann organisierte regelmässig Vorführungen in der ganzen Schweiz, wo er seine Werke präsentierte.

Die Tätigkeit des Kameramanns erforderte damals aber ganz spezifische Fähigkeiten. Da der Kinematograf über keinen Sucher verfügte, brauchte es viel Erfahrung, um den richtigen Bildausschnitt zu treffen. Ausserdem musste der Kameramann antizipieren, was in den bevorstehenden 50 Sekunden passieren würde, bevor sein Filmstreifen zu Ende war. Klar ist auch: Lavanchy-Clarke kannte Basel gut. Er hatte als junger Mann mehrere Jahre die Missionsschule auf der Chrischona besucht. Entsprechend finden sich im Lumière-Archiv neben dem Schaulaufen auf der Mittleren Brücke und den Fasnachtsfilmen auch noch Aufnahmen des letzten Kavallerie-Wettrennens auf der Schützenmatte.

Interessant sind die Cortège-Aufnahmen, wenn man nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden der damaligen zur heutigen Fasnacht sucht. Die Laternen und Requisiten haben eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zu aktuellen. Dagegen sieht man auf den Aufnahmen wenig Tambouren und Pfeifer. Von Waggiswagen und Guggenmusik natürlich ganz zu schweigen. Dafür sind im Cortège immer wieder Männer auf Pferden zu sehen, die mit Reiterkluft, Perücke und Dreispitzhut eher an den Zürcher Zunftanlass Sechseläuten erinnern. Auch witzig: Viele Aktive sind mit jovial geschminkten Gesichtern unterwegs – heutzutage eine Todsünde unter Basler Fasnächtlern.

Dokumentarfilm mit frühen Aufnahmen der Schweiz geplant

Viele Fragen rund um die Fasnachtsfilme sind noch offen. Das hat auch mit der teilweise schlechten Erhaltung der Filme zu tun. Teilweise mussten in Kleinstarbeit einzelne Schnipsel sorgfältig zu einem Film rekonstruiert werden. Zurzeit werden im französischen Filmarchiv gerade Aufnahmen im hochaufgelösten 4K-Format hergestellt. Diese sollten dann genauere Analysen erlauben. Nicht zuletzt erhofft sich Siegrist, dass er auch ein paar alte Bekannte wiedertrifft: «Die Vermutung liegt nahe, dass auch auf diesen Aufnahmen Personen aus dem Netzwerk von Lavanchy-Clarke zu sehen sind, die schon im Film auf der Mittleren Brücke mitgewirkt haben.» Tatsächlich hatte der Filmpionier, der sich auch oft gerne selber in seine Werke reinschmuggelte, ein Faible für prominente Gastauftritte. So entdeckten die Wissenschaftler bei der Analyse der Filme von der Landesausstellung 1896 in Genf plötzlich den Maler Ferdinand Hodler und viele seiner Kollegen.

Bis die historischen Aufnahmen zu sehen sind, muss man sich noch etwas gedulden. Siegrist und sein Team planen einen Dokumentarfilm über Lavanchy-Clarke. Der Arbeitstitel: «Der Mann, der die Schweiz ins Kino brachte.» Dort werden dann auch die Fasnachtsfilme einen prominenten Platz erhalten. Fertig sein, soll der Film in rund eineinhalb Jahren.

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