Alex Frei, finden Sie auch, der FC Basel ist sympathischer geworden?

Alex Frei: Ja, da ist sicher etwas dran.

Woran liegt das?

In erster Linie sicher an unserem sportlichen Erfolg. Wenn du gut bist, mögen dich viel mehr als in schwereren Zeiten. Aber auch die Vereinsführung macht im Moment vieles richtig. Als man Thorsten Fink verloren hatte, blieb man ruhig und hat mit Heiko Vogel genau wie vorher weitergearbeitet. Diese und andere richtige Entscheide haben in meinen Augen zur Sympathiesteigerung beigetragen.

Ist der FCB auch beliebter, weil Sie nicht mehr in der Nationalmannschaft spielen?

Das müssen Sie andere fragen. Dank dem Rücktritt konnte ich viel Ballast abwerfen. Ich werde seither nicht mehr als Nati-Captain, sondern nur noch als Stürmer des FC Basel bewertet. Dadurch bin ich viel gelassener geworden, auch gegenüber Dingen, gegen die ich mich früher gewehrt hätte.

Was hat Ihnen der Rücktritt sportlich gebracht?

Ich habe seither nochmals einen Schritt vorwärts gemacht, bin stärker geworden. Auch, weil die körperliche Belastung nicht mehr so hoch ist.

Und persönlich?

Heute, knapp ein Jahr danach, kann ich sagen, dass es der richtige Schritt war. Für diese Erkenntnis brauchte es Zeit. Ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut und habe meinen Seelenfrieden gefunden.

Spüren Sie Wehmut, wenn Sie an Ihre Zeit als Nationalspieler zurückdenken?

Was heisst hier Wehmut? Ich war zehn Jahre lang Stammspieler, habe 84 Länderspiele gemacht und bin Rekordtorschütze. Ich brauche nicht zu leugnen, dass mich das stolz macht. Dem jetzigen Team mag ich jeden Erfolg gönnen, aber für mich ist das Kapitel abgeschlossen.

Ihre Teamkollegen Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka werden von allen möglichen Grossklubs umworben. Sprechen Sie mit ihnen darüber oder kommen die Spieler auf Sie zu?

Die Jungen kommen schon ab und zu und fragen, wie das damals bei mir war, als ich ins Ausland ging. Aber ihre und meine damalige Situation kann man nicht vergleichen.

Warum nicht?

Sie werden ganz anders vorbereitet auf ihre Karrieren. Sie haben bereits mit 16 Jahren einen oder mehrere Berater, ihnen wird das Blaue vom Himmel versprochen. So wissen sie im jungen Alter bereits, wie das Geschäft läuft.

Das heisst aber nicht, dass sie die richtige Entscheidung treffen.

Stimmt, das ist das Schwierigste. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass viele nicht das Gespür für den richtigen Entscheid im richtigen Moment treffen. Das herauszufinden, ist eine Kunst.

Was raten Sie jungen Spielern?

Es gibt Spieler, denen hätte ich einen anderen Weg empfohlen, wenn sie mich gefragt hätten. Wenn ich eine Banklehre machen will und Ambitionen habe, dann gehe ich zur besten Bank der Schweiz, nicht zur zehntbesten. Es gibt für einen jungen Spieler keine bessere Schule, als sich von den Besten etwas abzuschauen. Bei mir hiessen die Lehrmeister Kubilay Türkyilmaz und Stéphane Chapuisat. Es ist wie in jedem anderen Beruf: Mit 19 bist du nicht einfach Profi, auch Fussballer ist ein Beruf, den man lernen muss.

Was war damals der ausschlaggebende Punkt, dass sie nach Rennes gewechselt sind?

Ich habe mich über den Klub erkundigt, erfahren, dass mit Marco Grassi und Christophe Ohrel zwei Schweizer dort waren. Ein Argument pro Rennes war auch, dass ich im Welschland aufgewachsen bin und so die französische Sprache beherrschte. Am Schluss war es reines Bauchgefühl, dass ich mich zwischen Rennes, Stuttgart und Gladbach für Ersteres entschieden habe.

Wären Sie gerne noch einmal 20?

Erstens: Ich freue mich sehr auf die Zeit nach der Karriere. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Das Privileg, Fussballer zu sein, ein Job, dem Millionen junger Menschen nacheifern, würde ich gerne noch einmal erleben. Nochmals 15, 16 Jahre lang Profi sein, das wäre toll. Aber nicht, um irgendetwas anders zu machen. Ich habe das Beste aus mir herausgeholt, so viele schöne Dinge erlebt. Ich habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Anderes Thema: Beim FCB ist alles ruhig, es gibt fast nur Positives zu melden. Anderswo rumort es mit den Fällen Sion und Xamax im Schweizer Fussball. Wie beobachten Sie das aus der Distanz?

Es ist ein Seich, dass es solche Sachen gibt. Unsere Erfolge oder die des FC Zürich gehen dadurch unter. Es ist schade, dass dies in der Schweiz geschieht. Hier kommt es bei nur zehn Vereinen in der höchsten Liga viel mehr zum Tragen als in anderen Ländern. Dass das bei uns passiert, ist einfach schlecht. Sehr schlecht für das Erscheinungsbild des Schweizer Fussballs. Wie sieht das denn aus, wenn einer Mannschaft die Insolvenz droht und die andere startet mit minus fünf Punkten in die Rückrunde? Ich kenne zwar nicht alle Fakten im Detail, aber klar ist, dass das grosser Mist ist für den Schweizer Fussball.

Wie kann man denn solche Fälle in Zukunft verhindern?

Vielleicht muss man die Lizenzen strenger prüfen. Wir haben zwar bereits strenge Richtlinien, aber trotzdem muss man noch genauer hinschauen. Dass es nicht möglich ist, dass ein Tschagajew einen Klub kauft, ohne dass er im Voraus Garantien hinterlegt. Was mich im Fall Xamax besonders schmerzt, ist, dass Gilbert Facchinetti (Ehrenpräsident; Anm. d. Red.) alles mit ansehen muss. Ich kenne ihn schon lange von den Reisen mit der Nati. Dass mit seinem Verein, seinem Lebenswerk jetzt solche Dinge geschehen, das stimmt mich traurig.

Mal abgesehen von den angesprochenen Störfaktoren, befindet sich der Schweizer Fussball auf dem richtigen Weg?

Auf jeden Fall, das zeigt sich auf Verbandsebene am besten durch die vielen Erfolge der Juniorennationalteams. Vor dieser Jugendförderung muss man den Hut ziehen. Es gibt in keinem anderen Land ein so gutes Preis-Leistungs-Verhältnis wie in der Schweiz: Wenn du als Verein einen jungen Schweizer verpflichtest, bekommst du auch etwas Anständiges für den Preis. Es wird jedoch auch in Zukunft nicht möglich sein, die besten Talente in der Schweiz zu halten. Am Ende des Tages ist und bleibt die Schweiz ein Ausbildungsland.

Und das bleibt so? Dürfen wir in 15 Jahren nicht realistisch von einem internationalen Titel reden?

Bei sieben Millionen Einwohnern ist es schwer, eine grosse Fussballnation zu sein. Es gibt zwar Holland, das einigermassen gleich gross ist wie die Schweiz und vor zwei Jahren Vizeweltmeister wurde. Nur gibt es dort seit über 30 Jahren eine Jugendförderung und nicht erst seit zehn.

Sie haben in der Winterpause das C-Diplom gemacht. Streben Sie nach der Aktivzeit eine Trainerkarriere an?

Erstens habe ich es gemacht, weil ich Zeit hatte, zweitens ist das Trainermetier eines, das mich interessiert. Bereits in Rennes und Dortmund habe ich mir Übungen aus den Trainings aufgeschrieben, hier beim FCB helfe ich ab und zu bei der U16 aus. Aus heutiger Sicht sehe ich mich in Zukunft aber eher im Jugendbereich als bei den Profis.

Trauen Sie sich die Profis nicht zu?

Als Trainer ist es wie als Spieler: Du musst, wie ich vorhin gesagt habe, eine Lehre durchlaufen und dir bei den erfahrenen Berufskollegen Dinge abschauen.

Was macht für Sie einen guten Trainer aus?

Das Wichtigste ist eine klare Linie gegenüber jedem Spieler, zumindest vor der Gruppe. Er muss authentisch sein, wenn er eine Entscheidung fällt, und die vertreten können. Er muss immer sich selber sein: Jeder gute Trainer hat mal einen Wutausbruch, aber wenn du bei vier Spielen zwei Mal rumtobst, dann kennt dich die Mannschaft und denkt: Ah, jetzt kommt er wieder und schreit. Du musst die Harmonie mit dir selber finden, dir überlegen, wann du draufhaust und wann du ruhig bleibst.

Müssen Sie etwas an sich ändern, um der Trainer sein zu können, den Sie eben beschrieben haben?

Ich muss lernen, ändern muss ich mich nicht. Ich habe das Glück, bereits jetzt einen Rucksack voll mit Erfahrungen zu haben. Wie ich den Rucksack anwende, muss ich lernen.

Sie haben drei Jahre bei Borussia Dortmund gespielt, ein Erzrivale von Bayern München. Holen Sie sich da zusätzliche Tipps, wie die Bayern zu schlagen sind?

Vorbereitet werden wir vom Trainer. Das Team von Bayern hat sich seit meinem Weggang aus Dortmund nicht gross verändert, gegen die neuen Spieler habe ich in der Bundesliga auch schon gespielt. Auf mich kommt nicht viel Neues zu.

Was sagen Sie Heiko Vogel, wenn er für Tipps auf Sie zukommt?

Selber werde ich ihm nicht viel sagen können. Aber ich würde ihm empfehlen, sich mal bei Jürgen Klopp zu melden. Dortmund hat Bayern im letzten Jahr zwei Mal auswärts geschlagen. Jürgen kennt da sicher einige Varianten.