Basler Stadtgeschichte(n) – Teil 26

All dies zu Ehren Gottes?

Das Mandat von 1789 verbindet anschaulich altes und neues Denken.

Das Mandat von 1789 verbindet anschaulich altes und neues Denken.

So ging die frühneuzeitliche Stadt mit Fällen von Blasphemie um.

Handwerker Hans Geörg Möringer hatte seinen Kunden Johann Brunner wegen einer ausstehenden Zahlung verflucht: Wenn Brunner ihm «die schuldige 4 bz nicht bringe, so woll der Donner und Hagel Jhne, und alles wz er habe, in den Boden hinein schlagen». Dafür wurde Möringer vor den Kleinen Rat geladen und, nachdem er das Aufgebot zweimal missachtet hatte, verhaftet.

Die Befragung von Nachbarn und Bekannten ergab, dass Möringer häufig fluchte. Nach Verhör und Einholung von je einem theologischen und juristischen Gutachten verurteilte der Rat Geörg Möringer zu Pranger, Zungenschlitzen und bei Strafe des Schwerts zu ewigem Stadt- und Landesverweis; aber auch die Nachbarn kamen nicht ungeschoren davon und wurden wegen missachteter Anzeigepflicht ermahnt. Man wollte ein Exempel statuieren.

Diese Geschichte ereignete sich im Jahr 1693. Der Basler Rat war in dieser Zeit um eine christliche Gesellschaft bemüht, wie sie die reformierte Orthodoxie verlangte. Zahlreiche Regierungserlasse, sogenannte Mandate, mahnten die Bevölkerung zu entsprechendem Lebenswandel. Und da man sich nicht auf deren verständige Einsicht verlassen konnte, gab es verschiedene Gremien, welche die Bevölkerung kontrollierten.

Dies alles geschah zu Gottes Wohlgefallen: Das damalige Gottesbild war zutiefst geprägt von der Vorstellung eines strafenden und belohnenden Gottes. Blasphemie galt als schweres Vergehen, das mit dem Tod bestraft werden konnte, weil es durch Missbrauch des göttlichen Namens die Ehre Gottes direkt verletzte. Grundlage waren die Zehn Gebote und die theologisch-juristischen Konzepte des späten Mittelalters.

Rund 60 Fälle sind in der zweiten Hälfte des 17. bis Ende des 18. Jahrhunderts in der Stadt Basel aktenkundig geworden. Meist blieb es bei Ermahnungen, Geld- oder kurzen Haftstrafen.

Gotteslästerung immer weniger geahndet

Der eingangs erwähnte Fall Möringer steht an einem Übergang. Im 18. Jahrhundert gingen die Fälle deutlich zurück. In den Mandaten schrumpfte der Paragraf betreffend Gotteslästerung, der einst über mehrere Seiten an prominenter Stelle abgehandelt wurde, auf wenige Zeilen, rückte nach hinten oder fiel ganz weg. Die Theologen wurden kaum mehr in die Verfahren einbezogen. Dies hatte vor allem mit dem neuen Gottes- und Menschenbild der Aufklärung zu tun: Gott war immer weniger ein in menschlichen Kategorien gedachter vergeltender Gott, der Mensch bekam mehr Eigenverantwortung, die Religion rückte ins Private – oder diente dem Schutz der gesellschaftlichen Ordnung.

Der veränderte Umgang mit der Blasphemie zeigt sich an folgender Geschichte, die sich 100 Jahre nach der Verurteilung Möringers ereignete. Als Ratsredner Abraham Ecklin im Jahr 1794 im Wirtshaus zum Besten gab, «der Bättag sey nur ein Heucheltag, ein Dienst für den Teufel, unser Herr Gott sey ein Aristokrat, wenn der Sansculotte Gott komme der den Despotismus unter den Boden trete, werde es eine ganz andere Welt geben», so zog dies zwar auch ein Verfahren und eine empfindliche Strafe nach sich: Ecklin wurde aller Ämter enthoben und zu fünf Jahren Zuchthaus mit anschliessendem Wirts- und Weinhäuserverbot verurteilt.

Doch dem traditionellen theologischen Gewicht solcher Äusserungen wurde kaum mehr Rechnung getragen. Die Argumentation einer göttlichen Vergeltung findet sich nicht in den Akten, die geistliche Obrigkeit wurde nicht involviert und unterliess es auch, sich einzuschalten. Reden wie jene von Ecklin waren in erster Linie ein öffentliches Ärgernis, umso mehr ihres politischen Bezuges wegen; sie zu ahnden gebot die öffentliche, gesellschaftliche Ordnung.

Der sogenannte Blasphemieartikel des Schweizerischen Strafgesetzbuchs (Art. 261) wird immer wieder diskutiert, so beispielsweise Ende 2018 im Zusammenhang mit einer Resolution der Freidenker-Vereinigung Schweiz. Diese forderte die Aufhebung des Artikels, da er unzeitgemäss und gegen das Recht auf freie Meinungsäusserung sei. Heute geht es nicht mehr um Blasphemie, sondern um die Wahrung des öffentlichen Friedens in religiösen Fragen.

Rebekka Schifferle ist Historikerin lic. phil. I mit Schwerpunkt Frühe Neuzeit und Neuere Geschichte und seit 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Namenbuch der Nordwestschweiz.

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