Zweiter Weltkrieg

Als am Sonntag Bomben fielen

Vor 75 Jahren bombardierte die amerikanische Luftwaffe aufgrund eines Fehlers Teile Basels – davon zeugt heute noch eine Karteibox.

Es war ein Sonntagmorgen. Kurz nach 10 Uhr flog von Norden her ein amerikanisches Bombergeschwader heran, das Basel mit einem Ziel im Dritten Reich verwechselte. Die Army Air Forces warfen über dem Güterbahnhof Wolf etwa 50 Sprengbomben im Gewicht von 250 Kilo ab, über dem Gundeldingerquartier mehr als 2000 Stabbrandbomben. Etwa 100 Menschen wurden am 4. März 1945 verletzt, ein Knabe verlor ein Auge. Wie durch ein Wunder ist niemand tödlich verletzt worden. Nicht so wie in Zürich, wo gleichentags bei einem ähnlichen Malheur fünf Menschen das Leben verloren hatten oder beim schwersten Angriff auf Schweizer Boden, dem Bombardement von Schaffhausen im Frühling 1944. Basel war im Zuge der Schlussoffensive für eine deutsche Stadt gehalten worden, wenige Monate später war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Das Bombardement war ein Irrtum, ein unbedeutender Nebenschauplatz, Glück im Unglück. Doch jener Sonntagmorgen ist nicht spurenlos geblieben in Basel.

Zu den Geschädigten zählte das Familienunternehmen Rapp, das die Brüder Wilhelm und Joachim an der Hochstrasse führten. «Unsere Liegenschaften waren von Brandbomben übersät», hielt einer der Brüder später fest. Er selbst hatte sich bei Löscharbeiten in der angrenzenden Villa versengt: «Glücklicherweise waren die Augen durch die Brille geschützt.» Auf einer Fotografie sieht man, wie hilflos die Gebrüder Rapp diesen Tag über sich ergehen lassen mussten. Neben den beiden Patrons steht der Basler Regierungs- und Ständerat Gustav Wenk. Was die besorgt dreinblickenden Herren gesehen haben, zeigen andere Schnappschüsse: Flammen züngeln aus den Fenstern, dunkle Rauchwolken steigen in den Himmel, Hilfskräfte retten, was zu retten ist. Da die Angestellten sonntags frei hatten, galt die Aufmerksamkeit dem Hab und Gut. Vielleicht haben die beiden Brüder der ausgerückten Luftschutzmannschaft zugeraunt: «Die Pläne! Holt die Pläne!» Auf den Bildern sieht man, wie uniformierte Männer Stapel um Stapel aus den brennenden Büros tragen. Ein Rettungsarbeiter raucht dabei nonchalant eine Zigarette.

Viel konnte man nicht mehr ausrichten: Hunderte Dokumente mussten dem Feuer überlassen werden. Den Wert der vernichteten Unterlagen bezifferte ein Versicherungsexperte später auf 395803 Schweizerfranken und 90 Rappen. Die in diesem Gutachten hochgerechnete Arbeitsleistung entspräche heute ungefähr 2 Millionen Franken – aber solche historische Kalkulationen sind nie genau, und vor allem stand damals mehr auf dem Spiel als Geld. Die Familie Rapp musste sich fragen, wie es mit dem Unternehmen weitergehen soll.

Ein Dokument der Urbanisierung und Modernisierung von Basel

«Die Lage war für uns niederschmetternd», resümierte der Ingenieur Joachim Rapp nach dem «furchtbaren 4. März 1945.» Wenigstens hatten die Rettungskräfte einen historischen Schatz geborgen: die Kundenkartei. Sie steht heute im Foyer der Firma Rapp, an der Hochstrasse 100, genau dort, wo damals Brandbomben niedergingen. Das Familienunternehmen hat den Schicksalsschlag überlebt. Heute steht das historische Objekt in einer Vitrine. Der schwarze Russ an der Schachtel bezeugt die vernichtende Kraft der Flammen. An den darin aufbewahrten Kärtchen sind die Bergungsarbeiten nicht spurlos vorbeigegangen: Die Ränder sind vom Wasser stumpf geworden, die Abdrücke der Schreibmaschine verblassen, verlaufen, verschwommen. Doch die Zeichen auf den Karteikärtchen sind lesbar. Das älteste der aufgelisteten Bauprojekte datiert 1874, das jüngste 1943, in den dazwischen liegenden Jahren entwickelte sich Basel zur Grossstadt. Die Wohnbevölkerung vervielfachte sich von etwa 45 000 auf gut 160 000 Menschen. Ganze Quartiere mussten neu gebaut, hygienische Missstände behoben, die Verkehrswege für die aufkommenden Trams und Autos gelegt werden. Rapp war an diesem Prozess unmittelbar beteiligt. Die angekohlte Kundenkartei ist nicht nur eine Art Gedächtnis der Firma, sondern ein Dokument der Urbanisierung und Modernisierung der Rheinstadt.

Fast alle der verzeichneten Projekte sind nach 1896 entstanden. Es ist das Jahr, in dem die Brüder Wilhelm und Joachim das Geschäft von ihrem Vater, dem aus Deutschland eingewanderten Joachim Rapp senior (1825–1897), übernommen hatten. Neben dem angestammten Tiefbau erwarb sich das Familienunternehmen fortan als Ingenieurbüro einen guten Ruf. Der Name Rapp stand in der Region für jene Infrastrukturen, die untrennbar mit einem «modernen Leben» verbunden sind: Bahngleise und Strassen, Masten und Pumpen, Wasserleitungen und Abwasserrohre.

Hauptkunde war das Baudepartement der Stadt. Der Kanton Basel-Stadt beauftragte Rapp unter anderem mit der Kanalisation am mittelalterlichen Petersgraben (Bauzeit: 1900), den Tiefbauarbeiten am Hörnli-Friedhof (1926–31) oder den Sondierungen für das Stadion St. Jakob an der Grenze zu Muttenz. Obwohl Rapp für das Fussballstadion Wasser gebohrt, Leitungen gegraben und Nagelfluh gesprengt hatte, sollte das «Joggeli» erst für die Weltmeisterschaften 1954 fertig werden.

Zu den Grosskunden von Rapp zählten auch die SBB, das Militär, die Basler Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwerke (heute IWB), verschiedene Gemeinden der Region sowie die Industrie, allen voran Roche und die Vorgängerfirmen von Novartis (Ciba, Geigy, Sandoz). Für die längst global agierende Basler Chemie arbeiteten Ingenieure von Rapp auch in São Paulo (1937–39) oder in Warschau (1931). Trotz diesen internationalen und einigen nationalen Projekten: Der Schwerpunkt von Rapp lag eindeutig in Basel. Hier plante und baute man an jener Stadt mit, die am 4. März 1945 kurzzeitig in Schockstarre verfallen sollte.

Firma erholte sich schnell vom Kriegsschock

Die angesengte Kundenkartei hat Symbolkraft. Sie steht nicht nur für die Vergangenheit der Firma, sondern bildete die Grundlage für eine Zukunft. Die Kärtchen in der Box verweisen auf das Netzwerk, das es Rapp ermöglichte, sich vom Kriegsschock zu erholen: Die Kunden blieben dem Spezialisten für Planungs- und Bauarbeiten weitgehend treu. Provisorisch kamen die Angestellten an der Rittergasse 20 unter. Das Geschäft ging weiter.

Bereits 1946 baute Rapp an der Stelle des niedergebrannten Gebäudes neue Büros, heute beschäftigt das Unternehmen gut 450 Personen, es zählt zu den führenden Planungs- und Beratungsgruppen der Schweiz. Der Sitz liegt immer noch an der Hochstrasse. Angesengt, aber ansonsten intakt, so steht sie da, die kleine Box. Sie hält Basler Baugeschichte in ihrem Leib und eine Spur Weltgeschichte an der alten Haut.

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