Nachruf

Andy Scherrer (1946–2019)

Es gibt in der Schweiz kaum einen Saxofonisten, der nicht bei Andy Scherrer gelernt hätte. Er war der unumstrittene Doyen der hiesigen Sax-Szene und eine herausragende Stimme im europäischen Jazz. Als Sideman in grossen Kisten wie dem Vienna Art Orchestra, als Förderer von jungen Talenten – oder auch als hervorragender Pianist.

Scherrer erhielt mit sieben Jahren Violinunterricht und brachte sich das Saxofonspiel mit 15 Jahren autodidaktisch bei. Daneben spielt er weitere Instrumente wie Klavier. Im Jazz zählen John Coltrane, Wayne Shorter und Joe Henderson zu seinen grossen Vorbildern.
Ich habe Andy Scherrer ab 1974 in Club-Konzerten kennen gelernt. Seit 1972 arbeitete er als Musiker in eigenen Gruppen, aber auch mit dem Slide-Hampton/Joe Haider-Orchester, den Hot Mallets von Isla Eckinger, Free Bop von Billy Brooks mit Renato Anselmi und der Formation Magog um Klaus König. Letztere waren sehr erfolgreich und konnte sich auch in Montreux durchsetzen.

Das erste Konzert, das ich mit dem Andy Scherrer Quartet durchführte, fand 1980 im Theater Basel statt. Andy war damals schon nebst George Gruntz das Aushängeschild der Basler Jazzszene. Seit 1991 war er Mitglied des Vienna Art Orchestra (VAO), das wir zweimal im Stadtcasino Basel auftreten liessen. Schön war auch, dass Gruntz Scherrer in seine Concert Jazz Band aufnahm.

Das wohl innovativste Konzert, das Offbeat mit Andy durchführte, war «Chapter 12» 1995 im Atlantis, in dem Andy Jazz mit Hip-Hop verband – ein revolutionäres Konzept! Auch die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Avantgarde-Pianisten Bill Carrothers zeigte Andy von einer neuen Seite. Ich hatte den Eindruck, dass er hier seine Bescheidenheit und Introvertiertheit ablegen konnte.

Andy Scherrer, den ich am häufigsten im Bird’s Eye ab 1995 geniessen durfte, war für mich ein typisches Beispiel eines Schweizer Jazzmusikers, der sich marketingmässig zu wenig zutraute, der bescheiden sich selbst blieb, der das Scheinwerferlicht der internationalen Jazzszene mied und so leider international nur Insidern bekannt war. Ein «Musicans Musican» im wahrsten Sinne des Wortes, dessen Weltklasse international zu wenig Beachtung fand.


Grossartiger Improvisator und Interpret

Das letzte Konzert, das Offbeat mit Andy Scherrer durchführte, fand in der Martinskirche Basel im Frühling 2013 statt. Zwei Duos standen auf dem Programm: Andy Scherrer mit Ann Malcolm, Alex Hendriksen mit Fabian Gisler. Ein grosser Abend zweier Saxofon-Giganten aus zwei Generationen. Ein denkwürdiges Konzert!
In der Nacht auf gestern Mittwoch ist Andy Scherrer 73-jährig verstorben. Die Jazzszene verliert einen unverkennbaren Stilisten, einen grossartigen Improvisator und Interpreten, der Wegweiser war und gleichzeitig die Tradition nie ganz aus den Augen liess.
Ich habe Andy zum letzten Mal im September bei der Preisverleihung im Kunstmuseum Basel gesehen und ihm zum Schweizer Musikpreis gratuliert. Eine wohlverdiente Auszeichnung!

Urs Blindenbacher, Veranstalter Offbeat und Jazzfestival Basel

Das Bird’s Eye veranstaltet am 24./25. April 2020 die Gedenk-Konzerte «This is for Andy».

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