«Feuer und Flamme» 4

Anja Dirks vom Theater Basel und ihre Liebe zu Prince

1994 liess sich Prince in Monaco vom Fotografen Albert Steffen ablichten.

1994 liess sich Prince in Monaco vom Fotografen Albert Steffen ablichten.

Stünde ihr Haus in Flammen, so würde Anja Dirks, die Co-Leiterin des Schauspiels am Theater Basel, eine Fotografie des Musikers und Popkünstlers Prince retten.

«Die Frage, welchen Gegenstand ich mitnehmen würde im Falle eines Feuers in der Wohnung, ist interessant. Im Ernstfall hätte ich ja keine Zeit darüber nachzudenken. 95 Prozent der Menschen würden wahrscheinlich reflexartig nach dem Laptop greifen. Aber am Ende des Tages ist das Quatsch. Die Daten sind ja eh alle auf einer Cloud.

Insofern würde ich Kunst retten, denn sie ist unersetzbar. Und zwar ein Foto von Prince. Es verbindet viele Dinge, die mir wichtig sind. Geschossen hat es der Fotograf Albert Steffen 1994 während einer Session in Monaco. Die Bilder wurden nie veröffentlicht. Bis meine beste Freundin aus der Schulzeit, Yasmine Benhadj-Djilali, in ihrer Galerie in Berlin eine Ausstellung mit diesen Fotografien gemacht hat.

Yasmine und ich gingen als Teenager beide auf eine frankophone Schule in Köln. Ich, weil ich vorher in Frankreich lebte; sie, weil sie aus Algerien kam. Wir sprachen französisch miteinander, wurden beste Freundinnen und waren eingefleischte Prince-Fans.

Mein Mann und meine Tochter haben mir das Foto, das es nur in limitierter Edition gibt, 2016 zu Weihnachten geschenkt. Insofern steht das Bild einerseits für Menschen, die mir wichtig und lieb sind, und andererseits für meine Verehrung für diesen ausserordentlichen Künstler.

Der Sound von Prince aus den Achtzigerjahren war meine musikalische Prägung. Ich kann alle Platten aus dieser Zeit immer noch auswendig. Dieser extrem eklektizistische Stil liegt mir sehr, auch heute noch.

Princes Songtexte als emanzipatorische Geste

Yasmine und ich hatten uns damals gegenseitig den Text von «Darling Nikki» auf den Rücken unserer T-Shirts ­geschrieben. Das ist der Song, wegen dem Tipper Gore, die Ehefrau des späteren US-Vizepräsidenten Al Gore, das «Parental-Advisory»-Logo eingeführt hat. Weil ihre elfjährige Tochter dieses Lied, das so explizit eine selbstbewusste weibliche Sexualität beschreibt, rauf und runter gehört hat. Die T-Shirts ­waren schon eine emanzipatorische Geste für uns.

Wir sind Prince damals, im Rahmen unserer Möglichkeiten, nachgereist. Oft an Stadionkonzerte, die ich eigentlich gar nicht so mag. Mit fast dreissig Jahren haben wir dann in Köln eines seiner legendären Aftershow-Konzerte miterleben dürfen, in einem Saal mit etwa 300 Zuschauern. Da wurde nur gejammt, nix Greatest Hits – das war extrem beeindruckend. Noch näher gekommen bin ich ihm einmal in Berlin, als ich für die MTV-Awards jobbte. Aber natürlich bekam ich kein Wort heraus, als mein Idol an mir vorbeiging.

Anja Dirks

Seit ihrer Jugend ist sie ein eingefleischter Prince-Fan. Damals reiste sie dem Musiker sogar nach.

Seit ihrer Jugend ist sie ein eingefleischter Prince-Fan. Damals reiste sie dem Musiker sogar nach.

Meine grosse Fanphase liegt nun ein paar Jahre zurück. Damals fand ich die Musik toll und war fas­ziniert von dieser Figur. Aber im Nachhinein denk ich schon, dass Prince auf mehreren Ebenen seiner Zeit voraus war.

Da ist diese einmalige Mischung von Stilen, zum Beispiel auf dem Album «Purple Rain»: Funk und R&B sind die Basis, dann schneidet er aber mit grossen Gitarren-Soli den Stadion-Rock der Siebziger rein. Das war schon beinah dreist. Nur wenige Künstler haben so lange ein solches Innovations-Niveau erreicht. Die allermeisten Prince-Songs altern auch gut. Nicht wie viele andere Stücke aus den Achtzigern.

Aber Pop ist ja immer mehr als nur die Musik. Prince hat sich extrem verspielt und frei inszeniert, als schillernde, androgyne Figur. Einige fanden seine Rüschenhemden oder seine Lila-­Phase zwar lächerlich. Aber genau um solche Dinge ringen wir ja auch heute noch. Jede und jeder sollte doch so auf die Strasse gehen können, wie sie oder er sich wohlfühlt. Dieses Normen sprengende, was Sexualität und Gender betrifft, das war damals schon krass.

Widerstand gegen den Moloch der Musikindustrie

Prince war sehr jung sehr erfolgreich. Trotzdem behielt er sich seine Unabhängigkeit wie nur wenige Pop-Künstler seiner Generation. Er liess sich nicht aufsaugen vom Moloch der Musikindustrie und hat seine Kunst auch nicht bis zum bitteren Ende durchkommerzialisiert. Er hat immer sein eigenes Ding durchgezogen, ist in Minneapolis geblieben, förderte ein Bewusstsein für Produktionsverhältnisse, hat für die Rechte auf seine Songs gegen die grossen Labels gekämpft, sich als «Symbol» neu erfunden, als einer der ersten seine Musik im Internet veröffentlicht. Das finde ich immer noch sehr zeitgenössisch.

Von seinen Platten habe ich leider nur noch ein paar wenige. Als ich von zuhause auszog, hab ich sie zurückgelassen. Mein Bruder hat sie dann irgendwann auf dem Flohmarkt verhökert.

Der Tag, an dem Prince starb, war für mich ein sehr emotionales Erlebnis, ein Schock, weil der Tod dermassen unerwartet kam. Es war im April 2016. Dass gerade Prince, der Konzerte unterbrochen hat, wenn die Leute gekifft haben, der Drogen abgelehnt hat, dass gerade er an einer Überdosis Schmerzmittel stirbt, ist perfide. Aber wer seine Shows gesehen hat, weiss dass er seinen Körper verschlissen hat wie ein Akrobat. Und eben: «Some­times it Snows in April».»

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