Toni Brüderli

Auch einer der grössten Gastrounternehmer in der Region stösst langsam an seine Grenzen

Er wagt auch Neues in der Krise: Grossbeizer Toni Brüderli.

Er wagt auch Neues in der Krise: Grossbeizer Toni Brüderli.

Die Coronakrise schüttelt die Gastrobranche durch. Das bekommt auch Toni Brüderli zu spüren, der in den Kantonen Baselland und Aargau fünf teils renommierte Lokalitäten führt und einer der grossen regionalen Caterer ist. Wie er die Coronakrise managt, legt er in der bz offen.

Toni Brüderli führt uns durch die Schaltzentrale seines Gastroreichs im «Liebrüti» in Kaiseraugst. Er klagt nicht, gibt allenfalls kurze Erklärungen ab. Worte sind auch gar nicht nötig, der Blick sagt alles. Es ist kurz vor Weihnachten, in normalen Jahren die Hochzeit der Gastronomiebranche, jetzt steht fast alles still.

Die riesige Küche ist aufgeräumt, geputzt und menschenleer, genau gleich wie das Restaurant. Die zahlreichen Vorratsräume im Untergeschoss sind im besten Fall halb voll, bezeichnend der Kühlraum fürs Fleisch: Eine einsame Speckschwarte liegt auf einem der vielen Regale, wo sich ansonsten zu dieser Jahreszeit Fleischberge für die beliebten Fondue chinoise türmen. In der Einstellhalle stehen die Lieferwagen, die Hälfte nummernlos, da sie nicht mehr eingelöst sind. In den Büros ist es dunkel, keiner schreibt Offerten und Rechnungen. Nur die freundliche Buchhalterin arbeitet am Jahresabschluss. Deswegen sind wir auch hier: Herr Brüderli, wie war das Coronajahr für Sie als einer der grössten Gastrounternehmer in der Region?

Nach dem ersten Lockdown ein kurzes Aufblühen

Brüderli beginnt bei dem, was ihn am stärksten belastet: «Soeben habe ich die erste Entlassung aussprechen müssen. Einer der drei Tellerwäscher muss gehen.» Bisher konnte er seine fünf Betriebe – das «Liebrüti» und den «Adler» in Kaiseraugst, die «Kaserne» und das Café Libretto in Liestal sowie das «Pantheon» in Muttenz – ohne Kündigungen durchs Krisenjahr führen. Zwar ist der Personalbestand von 85 auf 75 Vollzeitstellen geschrumpft, doch das konnte Brüderli lösen, indem er Pensionierungen und Abgänge nicht ersetzte. «Wenn das noch lange so weitergeht, sind aber auch Bürostellen gefährdet», fügt er an.

Dabei begann das 2020 so gut. «Ich ging motiviert ins neue Jahr, die Tendenz zeigte im Januar und Februar nach oben. Ich war zuversichtlich, die Einbussen aus dem 2019 wieder reinzuholen.» Damals hatte das «Pantheon» einen Knick zu verzeichnen. Brüderli erklärt das mit den Bauarbeiten am Schänzlitunnel. Sobald die Ausfahrt gesperrt gewesen sei, seien viele Kunden ausgeblieben. Doch im März wies «die erste Hiobsbotschaft» den weiteren Weg: die Basellandschaftliche Kantonalbank sagte ihre Zertifikatsversammlung in der St.-Jakobs-Halle von Mitte April ab. Dazu Brüderli: «Das ist unser grösster Catering-Auftrag im Jahr mit 7000 Nachtessen.»

Darauf folgte die Absage-Kaskade Schlag auf Schlag

Brüderli erwähnt drei grosse Generalversammlungen mit jeweils um die 1000 Nachtessen, das Basler Tattoo, das Römerfest und so weiter. Andere Grossanlässe wie das Jubiläumsfest des Hauseigentümervereins Liestal wurden auf den Herbst verschoben, um dann ebenfalls abgesagt zu werden.

Im Sommer und Frühherbst ein kurzes Aufblühen: Vor allem der «Adler» und die «Kaserne» mit ihren Gartenwirtschaften seien sehr gut gelaufen. Der selten um neue Ideen verlegene Brüderli half dem mit einer kulinarischen «Tour d’Europe» nach: «Weil die Leute nicht ins Ausland konnten, haben wir das Ausland hierher geholt.» Jeweils zwei Wochen lang gab es Menus aus Frankreich, Griechenland, Spanien, Italien und Österreich.

Statt 300 gerade mal zwei Firmen-Weihnachtsessen

Dann das brutale Jahresfinale: Anstelle von normalerweise 300 Firmen-Weihnachtsessen in den Monaten November und Dezember konnte Brüderli in seinen Restaurants gerade mal zwei kleine KMU zum vorweihnachtlichen Festmahl begrüssen. Unter Brüderlis Schlussstrich nach dem Coronajahr sieht es denn auch entsprechend düster aus: Der Gesamtbetrieb hat 51 Prozent des Umsatzes eines Durchschnittsjahres erzielt. Am härtesten traf es den Catering-Bereich: Er kam auf noch 25 Prozent des Normalumsatzes.

Trotzdem will Brüderli nicht Trübsal blasen. Ihm gehe es finanziell noch relativ gut. Dies dank des Corona-Kredits des Bundes, eines zinslosen Kredits der Basellandschaftlichen Kantonalbank in der Höhe von einem halben Jahresumsatz, den er in Form von Catering-Dienstleistungen zurückzahle, einer Kulanz-Zahlung seiner Epidemie-Versicherung sowie eines privaten Kapitaleinschusses. Letzterer hat einen Bezug zu Brüderlis reglementarischer – nicht faktischer – Pensionierung: Er wurde in diesem Jahr 65 Jahre alt, liess sich das Pensionskassenkapital auszahlen und steckte die Hälfte davon in sein Unternehmen.

Diese Gelder hälfen ihm jetzt auch, die 13. Monatslöhne auszubezahlen und den Lockdown im Januar zu überstehen, doch bis im Frühling seien sie aufgebraucht. Denn monatlich lege er 50000 bis 60000 Franken drauf für Energiekosten, Mieten und jene Personalkosten, die nicht über die Kurzarbeitsentschädigung abgedeckt seien.

«Es macht traurig, dass die Branche kaputtgeht»

In diesem Zusammenhang windet er seinen Vermietern – Brüderli pachtet alle seine Lokale – ein Kränzchen: «Alle waren grosszügig und halbierten die Miete während des Lockdowns. Und das einvernehmlich, ohne dass ich kämpfen musste.»

Weniger freundlich äussert sich der Gastrounternehmer zur Coronapolitik der Kantone: «Am schlimmsten ist, dass jeder Kanton einen anderen Weg beschreitet. Das Schizophrenste dabei war, dass Basel-Stadt die Restaurants schloss und Baselland sie offenhielt. Das führte dazu, dass das ‹Pantheon› in Muttenz über Mittag immer voll war.» Auch im «Adler» in Kaiseraugst habe er den Basler Schliessungsentscheid gespürt.

Auf die Zukunft seiner Branche angesprochen, sagt Brüderli: «Was ich sehe, bereitet mir schlaflose Nächte. Viele werden dieses Coronajahr nicht überleben und es macht mich traurig, dass die Branche kaputtgeht. Es dürfte vor allem mittelgrosse Betriebe und die Stadt mehr als das Land treffen.» Der Gewinn sei im Gastrobereich nicht so hoch, dass man sich grosse Polster für solche Situationen wie jetzt schaffen könne. Er rechne mit drei bis vier Jahren, bis der überlebende Teil der Branche wieder das Vor-Coronaniveau erreiche.

Statt aufs «Liebrüti» setzt er auf «Waage» in Muttenz

Seine eigene Zukunft sieht Brüderli «vorsichtig optimistisch». Und er ergänzt: «Sonst würde ich die ‹Waage› in Muttenz nicht übernehmen.» Damit sind wir wieder in der Schaltzentrale im «Liebrüti»: Brüderli verlässt nächsten Sommer das schon längere Zeit serbelnde Einkaufscenter in Kaiseraugst, das beim Bau vor über vier Jahrzehnten eines der ersten seiner Art in der Schweiz war.

Es gibt mit seinen zahlreichen leerstehenden Räumlichkeiten auf den drei Etagen rund um den grosszügigen Innenhof ein trauriges Bild ab. Doch Brüderli hat nicht in erster Linie deswegen seinen Pachtvertrag auslaufen lassen, sondern weil in diesem Innenhof ein 90 Meter hohes Hochhaus geplant ist. Dieses tangiert auch seine Lokalitäten.

Als Ersatz übernimmt er eben die «Waage» im Muttenzer Dorfzentrum. Brüderli: «Sonst müsste ich die 15 Mitarbeiter im ‹Liebrüti› entlassen. Und das will ich nicht.» Corona habe ihm aber diesen Entscheid nicht eben leicht gemacht.

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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