Basel
Auf dem Schwyzerörgeli örgelen, bis die Ohren wackeln

Jahrelang brüteten Politiker über einem Kulturleitbild fürs Baselbiet. Davon unberührt blieb Beatrice Tschümperlin – die Schwyzerörgelerin lebt Kultur ohne politische Debatten.

Miriam Glass
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Seit 35 Jahren am Schwyzerörgeli: Beatrice Tschümperlin in ihrem Musikzimmer.Kenneth Nars

Seit 35 Jahren am Schwyzerörgeli: Beatrice Tschümperlin in ihrem Musikzimmer.Kenneth Nars

Für Werbung gibt Beatrice Tschümperlin keinen Franken aus. Denn Schüler hat sie genug, sagt sie. Auch wenn sie ein Instrument unterrichtet, das nun wirklich nicht in Mode ist: das Schwyzerörgeli.

Die Leute, die es lernen wollen, finden den Weg zu ihr über Bekannte oder über die Jodlerchilbis, Schwingfeste, Ländlertreffen oder Privatanlässe, an denen Beatrice Tschümperlin auftritt.

Wo sie mit dem Schwyzerörgelitrio Eggflue oder der Grossformation Schwyzerörgelifründe Eggflue spielt, dass den Zuhörern die Ohren wackeln, bis zu fünfzigmal im Jahr.

Beatrice Tschümperlin, 47, lebt mit ihrer Familie im Laufentaler Dorf Duggingen. Für ihre Örgeli hat die zierliche blonde Frau neben dem Autoabstellplatz ein eigenes kleines Haus eingerichtet.

Ein Raum mit Giebeldach, innen eine Nespresso-Maschine und Plastikbecher, die Wände tapeziert mit Fotos von Auftritten und Zeitungsausschnitten. Hier bringt sie ihren über vierzig Schülerinnen und Schülern das Örgelen bei.

Als Zwölfjährige entdeckte sie das Instrument und hatte damit auch ihren Stil gefunden, «das Volkstümliche», wie sie sagt. Ein Innerschweizer gab ihr ein paar Tipps. Seither spielt sie aus dem Stegreif, ohne Noten.

Was zählt, ist das Gehör. Tschümperlin lernte durchs Zuhören, beim Autofahren dreht sie Örgelimusik auf CD voll auf, um die Feinheiten anderer Spieler zu studieren.

Leidenschaft fürs Schwyzerörgeli

Wie ein Wasserfall redet sie, wenn sie von ihrer Leidenschaft fürs Schwyzerörgeli spricht. Aber nicht immer gab sie so gern Auskunft: Als Schülerin in Reinach, wo sie aufgewachsen ist, hielt Tschümperlin ihr Hobby geheim.

Aus Angst, ausgelacht zu werden – was prompt geschah, als ein Mitschüler das Örgeli entdeckte und die Glocken ihres Bruders, ein Schwinger wie ihr heutiger Mann.

«Mit dem Schwyzerörgeli haben gerade Junge im Unterbaselbiet einen schweren Stand», sagt Tschümperlin. Deshalb will sie einen Treff für junge Örgeler einrichten, alle unter vierzig Jahren sollen willkommen sein.

Den Generationenkonflikt soll das entschärfen, denn den gebe es bei den Örgelern wie auch bei den Jodlern: «Die Älteren haben Mühe, den Jungen Platz zu machen und neue Ideen zuzulassen», fasst Tschümperlin das Problem zusammen.

Beatrice Tschümperlin kümmert sich um die Nachwuchsförderung, sie pflegt Schweizer Brauchtum und ist aktive Musikerin und Komponistin – jenseits der Institutionen, ohne formell bescheinigte Ausbildung oder öffentliche Gelder.

Sie ist ein Teil der Baselbieter Kulturlandschaft, die Kulturpolitiker in den vergangenen drei Jahren erforscht haben, um sie im kürzlich publizierten Kulturleitbild zusammenzufassen.

Kulturpolitikhat keine Priorität

Doch von der Debatte hat Beatrice Tschümperlin nichts mitbekommen. Auch an einen Vorstoss im Landrat, mit dem die Musikschulen verpflichtet werden sollten, das Schwyzerörgeli ins Angebot aufzunehmen, erinnert sie sich nur vage.

Kulturpolitik hat in ihrem Kulturbegriff ganz einfach keine Priorität. Damit dürfte Tschümperlin für viele stehen, die im Kulturleitbild mitgemeint sind, sich aber nicht angesprochen fühlen.

Das Verhältnis des Baselbiets zu den Basler Kulturinstitutionen ist für sie kein Thema – sie fährt für Konzerte ohnehin lieber ins Emmental.

Einen Bezug zum Basler Stadtcasino entdeckte sie allerdings ganz unverhofft, als sie kürzlich jemand zu einem Konzert einlud: Die Vorhänge im Musiksaal, weisse Wolkenstoren, die habe sie persönlich angefertigt, vor über zwanzig Jahren nach ihrer Lehre als Innendekorationsnäherin.

Das ist nur eine Anekdote am Rande, die Tschümperlin erzählt, bevor es wieder ums Örgelen geht und um ihre Schüler. Aus der Stadt kommen keine Teenager zu ihr, aus den umliegenden Gemeinden aber wohl: Neun ihrer Schüler sind zwischen 18 und 23 Jahre alt, ein Elfjähriger ist auch dabei.

«Dieses Jahr sind plötzlich viele Junge gekommen», sagt Tschümperlin. Erklären kann sie sich diese «Welle» nicht, aber sie lässt sich gern von ihr mitreissen und will den Jugend-Örgeler-Treff einrichten, «egal ob zehn kommen oder nur einer.»

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