Umbau

Aus für Büros: Wo einst Carl Spitteler hauste, wird wieder gewohnt

Carl Spitteler lebte in der Mitte des markanten Gebäudes an der Kasernenstrasse, wo das weisse Werbebanner hängt.

Liestaler Spittelerhaus

Carl Spitteler lebte in der Mitte des markanten Gebäudes an der Kasernenstrasse, wo das weisse Werbebanner hängt.

Das geschützte Liestaler Geburtshaus von Carl Spitteler wurde von einem Büro- in ein Wohngebäude zurückverwandelt.

Vor allem einer hat dafür gesorgt, dass das imposante, viergeschossige Haus an der Kasernenstrasse 22 in Liestal als geschichtsträchtig gilt, obwohl es mit Baujahr 1750 gar nicht so alt ist: der Dichter Carl Spitteler. Seiner wurde bekanntlich im letzten Jahr landesweit gedacht, weil er vor 100 Jahren als einziger gebürtiger Schweizer den Literaturnobelpreis erhalten hatte. Spitteler verbrachte seine ersten Kindheitsjahre im Haus an der Kasernenstrasse, was er in seinen Aufzeichnungen «Denkmal kindlicher Dankbarkeit» auch literarisch verarbeitete.

Dort heisst es zum heute im Volksmund als «Spittelerhaus» bezeichneten Gebäude: «Mein Vater wohnte in einem Anbau der Brauerei Gebrüder Brodbeck vor dem Obern Tor zur Miete. Im ersten Stock hatte er seine Familie – dort bin ich geboren – im Erdgeschoss seine Kanzlei, zuerst als Statthalter (préfet), hierauf als Landschreiber (Kanzler).»

Spitteler wäre «seine» Wohnung heute fremd

Während eines Jahres wurde das im Verlaufe der Zeit immer wieder umgebaute Spittelerhaus nun saniert und zu einem grossen Stück wieder seiner früheren Nutzung zugeführt: im Erdgeschoss Gewerberäume mit Restaurant und Büro, in den drei Obergeschossen Wohnen.

Wobei Spitteler «seine» Wohnung nicht mehr erkennen würde und künftige Mieter froh sein dürften, dass nichts mehr an den Ausbaustandard zu Spittelers Zeit erinnert. Denn jetzt kommt alles modern und mit hochwertigen Materialien daher. Trotzdem: Architektin Heidi Rieder vom Liestaler Büro Rosenmund + Rieder verweist bei einem Rundgang auf einige aus der alten Zeit hervorgeholte Details wie freigelegte Holzkonstruktionen oder Eichenböden mit Fischgratmuster.

Dass sich der Umbau als ziemlich aufwendig und knifflig gestaltete – der private Eigentümer investierte dafür rund zwei Millionen Franken – hat auch mit der Nutzung des Spittelerhauses in den letzten 50 Jahren zu tun: Es diente vor allem als Bürohaus, zuerst für ein Bau-, dann für ein Architekturunternehmen.

Doch offensichtlich entspricht Wohnen in Zentrumsnähe in Liestal einem Bedürfnis, auch wenn es nicht ganz günstig ist. Vier der sechs neuen, eher im oberen Preissegment liegenden Wohnungen sind bereits vermietet, obwohl die Arbeiten erst Ende Monat abgeschlossen sein werden. Zu haben sind noch die zwei 3,5-Zimmer-Dachwohnungen, die kleinere für rund 1'700, die grössere für 2'600 Franken pro Monat.

Umnutzung von Büros in Wohnungen ist kein Trend

Heidi Rieder ist der kantonalen Denkmalpflege dankbar: «Ohne ihre Zustimmung, dass wir einen Lift ins kommunal geschützte Gebäude ein- und hofseitig Balkone anbauen durften, wären die Wohnungen kaum vermietbar.» Das Spittelerhaus gehört der Liestaler Schutzkategorie B an, die besagt, dass Gebäude in Substanz, Konstruktion und Erscheinung möglichst zu erhalten sind.

Ist denn die Umnutzung von Gewerbe- in Wohnräume in Zentrumsnähe generell ein Trend im Kanton? «Nein», sagt der kantonale Bauinspektor Andreas Weis. «Das Gewerbe zieht sich nicht aus den Zentrumszonen zurück.» Investoren würden aber vermehrt eine Mischnutzung von Gewerbe und Wohnen in peripheren, bisher reinen Gewerbe- und Industriezonen wie etwa auf dem Dreispitzareal planen, so Weis.

Zurück an die Kasernenstrasse: Von der Aura, die das Gebäude zu Spittelers Zeit umgab, ist heute kaum noch etwas spürbar. Hinter dem Haus, wo einst der Eiskeller für die benachbarte Brauerei in den Hang eingebaut war, steht heute ein Geschäfts- und Wohnhaus.

Und die Pferdefuhrwerke auf der Strasse vor dem Haus, die einst Spittelers Sehnsüchte nach damals so fernen Orten wie Langenbruck oder Basel weckten, sind längst verschwunden. Immerhin hat sich aber die Situation auf der Kasernenstrasse, auf der bis 1970 der ganze Transitverkehr von Deutschland nach Italien am Spittelerhaus vorbeidonnerte, dank der Autobahn beruhigt.

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Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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