Ausstellung
Der alte Maler und die nackten Mädchen im Kunstmuseum Basel

Das Kunstmuseum Basel zeigt in einer Kabinettausstellung frühe Mädchenakte von Cuno Amiet. Anlass ist der Ankauf eines entsprechenden Gemäldes durch die Stiftung Im Obersteg.

Dominique Spirgi Jetzt kommentieren
Drucken
Teilen
«Studie zu Zwei Mädchenakte» ist der jüngste Ankauf der Stiftung Im Obersteg.

«Studie zu Zwei Mädchenakte» ist der jüngste Ankauf der Stiftung Im Obersteg.

Bild: zvg/ Kunsthaus Zürich

Es geht heute wohl nicht mehr ohne ein leeres Schlucken, wenn man vor diesen Bildern steht. Zum Beispiel vor der «Studie zu Zwei Mädchenakte», die der Schweizer Künstler Cuno Amiet (1868-1961) 1910 im postimpressionistischen Stil des von ihm bewunderten Vincent van Gogh gemalt hat. Es handelt sich um den jüngsten Ankauf der Stiftung Im Obersteg, die mit einer bedeutenden Sammlung im Kunstmuseum beheimatet ist. 2020 wurde das Gemälde erworben – offensichtlich für 400'000 Franken in einer Auktion der Berner Galerie Kornfeld, wie auf deren Website ausgewiesen wird.

Auf diesem Bild sind, wie der Titel sagt, zwei nackte Mädchen zu sehen, die in einem Salon vor einer Reihe an die Wand gestellter Bilder positioniert sind. Das ältere Mädchen – man kann sie durchaus als lolitahafte Kindfrau sehen – kehrt auf dem Boden sitzend den Betrachterinnen und Betrachtern den Rücken zu. Das jüngere Mädchen ist in frontaler Position stehend zu sehen. Ihre Arme hat sie, die Brustpartie bedeckend, nach oben zum Kinn gerichtet. Dies ist nicht als Geste der Scham erkennbar, eher als Zeichen der angespannten Ungeduld eines Kindes, das dem Maler zuliebe lange stillhalten muss. Die ältere Kindfrau erscheint auf dem Bild entspannt.

Adoptivtöchter und Aktmodelle

Der 42-jähriger Amiet hat die beiden nackten Mädchen noch und noch gemalt. Die Modelle sind bekannt: Es handelt sich um die beiden Adoptivtöchter des unfreiwillig kinderlos gebliebenen Ehepaars Amiet: Greti, damals 10, und Lydia, 14 Jahre alt. Neben der «Studie», die durchaus als eigenständiges Werk durchgeht, hängt die Endversion der zwei Mädchenakte, eine Leihgabe des Genfer Musée d’art et d’histoire. Ein halbes Dutzend Mal sind Greti und Lydia nackt zu sehen in der Ausstellung: einmal nebeneinandersitzend, wie sie sich die Haare kämmen, zweimal in grellen Gelbtönen gemalt, wie sie in einer Wiese voller Löwenzahnblumen sitzen, und einmal vor blauem Hintergrund.

Amiet hat die Adoptivtöchter auch in Kleidern porträtiert. Als angezogenes Modell scheint ihm vor allem die jüngere Greti nahegestanden zu sein. Sie ist in der Basler Ausstellung in mehreren Porträts präsent, wie etwa im bekannten Gemälde «Greti im roten Kleid» (1907) aus dem Zürcher Kunsthaus, das stilistisch an Paul Gauguin erinnert oder in einem im selben Jahr entstandenen Bildnis im pointilistischen Stil.

Die Augen der Besucherinnen und Besucher der Ausstellung bleiben aber wohl vermehrt an den Akten hängen. Eben mit der Irritation, ob sich ein Künstler heute noch mit solchen Bildern präsentieren könnte, ohne sich Vorwürfen aussetzen zu müssen. Man kann sich fragen, ob die aktuelle Basler Ausstellung in den USA als Zeugnis der Pädophilie gebrandmarkt und verboten worden wäre.

«Die Bilder entstehen letztlich im Kopf der Betrachter», sagt Henriette Mentha Kuratorin der Stiftung Im Obersteg und der aktuellen Ausstellung. Das sei heute ganz anders als zur Entstehungszeit der Werke.

«Damals sorgte zum Beispiel das grelle Gelb der Bilder für mehr Empörung als die nackt dargestellten Mädchen.»

An die Farbenspiele der Moderne haben wir Betrachter von heute uns längst gewöhnt. Und auch an die Motive gewöhnt man sich beim längeren Betrachten der Bilder im Kunstmuseum. Zu unschuldig erscheinen die Posen der nackten Mädchen.

Mädchenakte der Künstlergruppe Brücke

Mit Mädchenakten beschäftigten sich auch die Mitglieder der Künstlergruppe Brücke rund um Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rotluff und Fritz Bleyl. Die damals jungen Architekturstudenten überredeten 1906 den damals eine halbe Generation älteren Cuno Amiet, der Vereinigung beizutreten, was dieser daraufhin kurz entschlossen auch gerne tat.

Die Ausstellung tippt mit Werken von Kirchner, Heckel, Schmidt-Rotluff, Otto Müller und Emil Nolde die Verbindung von Amiet an, der sich an deren expressionistischen Stil annäherte, deren radikale und provokante Abkehr von der akademischen Malweise aber nicht so radikal nachvollzog. Auch nahm der Schweizer Künstler nie an den Mal-Performances der deutschen Kollegen in Dresden teil.

Gemeinsam aber war letztlich das Interesse an Akten von Mädchen in ungekünstelten Posen. Wie Amiet hatte auch die Brücke-Kerngruppe zwei favorisierte kindliche Modelle, Fränzi und Marcella mit Namen, die sie in den berühmten Viertelstunden-Akten noch und noch malten und zeichneten.

«Cuno Amiet: Frühe Kinderporträts», Kunstmuseum Basel, bis 27. März 2022. www.kunstmuseumbasel.ch

0 Kommentare

Aktuelle Nachrichten