Sounds
Kollektive Künste in der Kaverne auf dem Bruderholz

Im Filter 4 präsentiert das Luzerner Kollektiv Club Dänemark Sounds, Kunst und Performances – das Publikum hat die Wahl.

Christoph Dieffenbacher
Drucken
Teilen
«Zauberhaft unheimlich und unterirdisch sakral»: Das ehemalige Wasserreservoir wartet diesen Sommer mit einem vielfältigen Programm auf.

«Zauberhaft unheimlich und unterirdisch sakral»: Das ehemalige Wasserreservoir wartet diesen Sommer mit einem vielfältigen Programm auf.

Archivbild: Juri Junkov

Es war im Spätsommer vor zwei Jahren, als sich in Luzern die Musikerinnen und Musiker zweier Bands mit anderen Kulturschaffenden zusammentaten. Das Logo des neuen Clubs Dänemark: ein Glacebecher mit drei Kugeln. Eröffnet wurde der Ort in einer alten Kranfabrik im Maihof-Quartier mit Speis, Trank und Sounds. Ein kultureller Szenetreff mit Konzertbühne war eingeweiht, ein Raum auch zum Forschen und Experimentieren, zur Reflexion und Auseinandersetzung. Hier kann seither das aus einem Dutzend junger Leute bestehende Kollektiv seine künstlerischen Ideen vor Ort umsetzen und erproben.

«Reaktionäre Systeme bestimmen Kultur und Gesellschaft»

Die Ansprüche der Luzerner Künstlergruppe, die nun in Basel erstmals ausserhalb ihrer Heimat auftritt, tönen in ihrer Vorankündigung etwas allgemein: Von «alternativen Erfahrungsmöglichkeiten und Wertvorstellungen in Kunst und Kultur» ist die Rede. Von einem «interaktiven ‹Narrative Space›», in dem man «verschiedene Welten und Formate aufeinandertreffen lassen» will. Und: «Die Abhängigkeit vom und (die) Orientierung am Markt führen Kultur und Gesellschaft in einen von reaktionären Systemen bestimmten Zustand.»

Akustik und Atmosphäre im Filter 4

Filter 4 ist ein ehemaliges Langsamfilter-Wasserreservoir auf dem Bruderholz, gebaut 1903 bis 1905 von den Architekten Vischer & Fueter. Ihr Büro war damals für zahlreiche Villen, Wohnüberbauungen sowie Spital- und Bankgebäude verantwortlich. Ein ganzes Jahrhundert lang versorgte das Reservoir einen grossen Teil der Basler Haushalte mit Trinkwasser. Nachdem die Stadtbevölkerung immer weniger Wasser verbrauchte, wurde die Anlage mit ihren beiden grossen Gewölbekammern 2006 definitiv geschlossen.

Seit zehn Jahren werden die kühlen Kavernenräume mit ihren Sandböden vor allem in den Sommermonaten für kulturelle Aktivitäten genutzt, bisher unter anderem vom Aktionskünstler Roman Signer und dem Schlagzeuger Fritz Hauser. In dieser besonderen Ambiance bietet sich hier ein idealer Raum für Konzerte, Ausstellungen und Performances aller Art. «Akustik und Atmosphäre des Filter 4 verlangen nach einem spartenübergreifenden Verständnis von Kunst», schreibt der betreibende Verein. Doch coronabedingt musste er sein Angebot an kulturellen Veranstaltungen in den «zauberhaft unheimlich und unterirdisch sakralen» Gewölben stark reduzieren. 

www.iwbfilter4.ch

Was heisst das? Wie die Innerschweizer Kulturleute versichern, werden die Abende in einer zwar subversiv-unkonventionellen, aber auch spielerischen Atmosphäre stattfinden. Spass und Humor kämen nicht zu kurz, verspricht Noah Arnold, Jazzmusiker mit Universitätsabschluss in Menschenrechten. Seine Musikerkollegen Christian Zemp und Niklaus Mäder sprechen von einem Programm «voller Überraschungen, Spannungen und Brüchen» – und das für ein neugieriges und offenes Publikum.

Freies Bewegen durch eigene Erlebniswelten

Vor allem will das Kollektiv die herkömmlichen Strukturen und den traditionellen Kulturkonsum in Frage stellen – die Besuchenden sollen selbst aktiv werden. Sie sitzen nicht einfach vor einer Bühne, sondern können sich zwischen mehreren Darbietungen in Musik, Tanz, Performance sowie bildender und digitaler Kunst im Raum frei bewegen. «So schafft sich jede und jeder eine eigene Erlebniswelt», sagt Arnold. Wem das nicht genügt, kann sich ausser Kopfhörern immer noch eine VR-Brille aufsetzen lassen.

«Moderne Gefühle» lautet der Titel der experimentellen Veranstaltungsreihe. Gerade in Coronazeiten sei man vermehrt gegensätzlichen Eindrücken und Gefühlen ausgesetzt, erklären die Musiker, was viele Zeitgenossen überfordere. Das Programm soll beim Publikum Fragen aufwerfen wie: Welche Nähe und welche Distanz will ich zulassen? Wie kann ich mich inmitten so vieler Möglichkeiten entscheiden? Wie viel an Individualität ist möglich oder verliert sich alles im Anonymen?

Fünf Promille des Lohns als Eintritt

«Rituale werden eingeführt oder verändert. Dadurch werden die Rippen zurechtgerückt, die Lunge gut durchlüftet und das Hirn kriegt neue Funken ab», schreibt das Kollektiv, auf deren Website sich auch einfache Games finden. Das erinnert punkto Wortwitz und Radikalität entfernt an Dadakunst und Polittheater. Doch allzu viel können und wollen die Beteiligten nicht verraten, ihr «Programm für alle» sei bewusst offen konzipiert: «Jedenfalls wird keiner der sechs Abende gleich sein wie der andere.» Allein schon wegen der fast 50 Kulturschaffenden samt ihren Gästen, die jedes Mal wechseln.

Immerhin lässt sich den beteiligten Musikern noch entlocken, dass in und vor den Gewölben des Filter 4 auch Speis und Trank ihre Rollen spielen – nicht unwesentlich für einen Club. Wie in Luzern will man die Besuchenden auffordern, für das Ticket fünf Promille des Monatslohns zu berappen. Das wären bei 4000 Franken Einkommen 20 Franken pro Person. Wer will, kann sich den Eintrittspreis aber auch an einem Glücksrad bestimmen lassen.

«Moderne Gefühle Basel» mit Club Dänemark.
Filter 4, Reservoirstrasse, Basel. 29. Juli bis 3. August, ab 19 Uhr.
Reservation obligatorisch unter www.daenemark.club.

Aktuelle Nachrichten