Avo Session
Avo Session steht vor dem heikelsten Jahr seit der Gründung

In den kommenden Monaten geht es um Sein oder Nichtsein für die Avo Session. Und damit auch für deren Gründer Matthias Müller. Dieser ist entsprechend nervös. Geschickt weibelt er für seine Anliegen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene.

Aline Wanner
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Nur nicht die Kontrolle verlieren: Unterhaltungsprofi und Avo-Gründer Müller

Nur nicht die Kontrolle verlieren: Unterhaltungsprofi und Avo-Gründer Müller

Dominik Plüss

Die Gleichung geht auf. Seit rund fünfzehn Jahren. Matthias Müller = Avo Session. Die exklusive Musikveranstaltung, welche jedes Jahr in Basel einem kleinen Publikum grosse Stars präsentiert, ist Müllers Lebenswerk. Die 1986 als Rheinknie-Session gegründete Avo Session hat den heute 47-Jährigen genauso geprägt, wie er sie. Das Showbusiness hat Spuren hinterlassen. Oberstes Gebot: Immer alles unter Kontrolle haben.

So lässt Müller einen Gesprächstermin platzen, weil er danach nicht den ganzen Text gegenlesen könnte. Er wolle nicht nur die Zitate, sondern den Artikel inklusive Fotos sehen, lässt er den «Sonntag» wissen. Wenn der «Groove» des Textes nicht stimmen würde, sei dies für ihn ein Problem, weshalb er ein Vetorecht benötige, schreibt Müller. Die Unterhaltungsindustrie hat ihre eigenen Regeln. Fragen zu seiner Person, zur Avo Session und zu anderen Projekten beantwortet Müller nicht. Er spreche lieber über gelegte als über ungelegte Eier. Und von letzteren gibt es derzeit tatsächlich einige.

Müllers grösstes Problem ist der fehlende «Presenting Sponsor», so wird in der Marketingsprache der namengebende Geldgeber einer Veranstaltung bezeichnet. Dieser ist die Oettinger Davidoff Gruppe, beziehungsweise deren Zigarren-Marke Avo. Im Herbst 2011 musste die Avo Session vermelden, dass der Tabakkonzern den Sponsoringvertrag 2012 auslaufen lasse. 2013 braucht Müller einen Ersatz. Gemäss «Handelszeitung» soll Davidoff der Veranstaltung jährlich eineinhalb bis zwei Millionen Franken überweisen, was rund ein Viertel des Budgets ausmacht. Müller sprach von «einer grossartigen Partnerschaft, die zu Ende geht» und macht seither gute Miene zum bösen Spiel. Wie es sich gehört für einen Unterhaltungs-Profi.

Die sechs Hauptsponsoren der Avo Session geben sich indes bedeckt über ihre Absichten. Die Basler Versicherungen verweisen darauf, dass es keine Neuigkeiten bezüglich Avo-Sponsoring gebe. Der Vertrag dauere noch bis 2016. Der Sprecher von Land Rover sagt, 2012 sei die Firma noch wie bisher als Hauptsponsorin vertreten. Weitere Auskünfte möchte er nicht geben. Die anderen vier, die Swisscom, die Basler Privatbank La Roche & Co Banquiers, der Reise-Detailhändler Dufry und die Merian-Iselin-Klinik, die im vergangenen Jahr von Müller neu verpflichtet werden konnte, geben keine Auskünfte zu den Sponsoring-Verträgen. Über Beträge ist Stillschweigen vereinbart.

Müller versucht derweil, sich ein zuverlässiges Netzwerk in Basels besserer Gesellschaft zu knüpfen. Das hilft, um nahe an potenziellen Geldgebern zu sein. Diese finden sich zwar bereits im Gönnerverein, der «Freunde der Avo Session Basel», der von Croassair-Gründer Moritz Suter präsidiert wird. Nach Suters Abgang als glückloser Verleger der «Basler Zeitung» hat dessen Image allerdings gelitten. Suter, in der Vergangenheit dem grossen Auftritt stets zugeneigt, befindet sich seit Monaten auf Tauchstation.

Avo-Gründer Müller wurde inzwischen selbst aktiv und präsidiert den neu gegründeten Club de Bâle («Der Sonntag» berichtete). Offizieller Zweck der Aktiengesellschaft: Das Betreiben von Gastronomiebetrieben für anspruchsvolle Kunden. Dem Vernehmen nach soll der Club ein Pendant zum Zürcher Club zum Rennweg werden. Das 2005 gegründete Netzwerk, präsidiert von Wirtschaftsanwalt Thomas Ladner, ist Treffpunkt für neu-, alt- und einflussreiche Unternehmer mittleren Alters. Die Mitgliederliste ist geheim, bekannt ist, dass sich die noble Elite 12000 Franken Mitgliederbeitrag pro Jahr leistet, um sich regelmässig an der Fortunagasse in Zürichs Altstadt zu treffen.

Weniger luxuriös ist die Unterkunft für die VIPs an der kommenden Avo-Session im Oktober. Sie weilen in einem Zelt neben dem Musicaltheater. Dorthin muss Müller mit seiner Session in diesem Herbst wegen des Messeneubaus ausweichen, bevor er 2013 in die Eventhalle zurückkehren kann. In die Halle, gegen die er 2009 Widerstand ankündigte, weil ihm das redimensionierte Projekt der Messe nicht passte. Die Messe zeigte Müller daraufhin seine Grenzen auf und liess ihm ausrichten, man sei nicht im Schlaraffenland.

Doch das weiss Müller längst. An das gnadenlose Showbusiness hat er sich gewöhnt. Geschickt weibelt er für seine Anliegen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene, seit Neustem auch als Mitglied des Initiativ-Komitees für eine Kantonsfusion von Basel-Stadt und Landschaft. Müller braucht Goodwill und vor allem: Geld. Er muss die unbekannte Variable vor der Session dringend ersetzen. Damit die Gleichung auch in Zukunft aufgeht.