Basel
Massakrierte Puppen und Pet-Flaschen-Vorhänge: So lief die Uraufführung der «Poppaea»-Oper ab

Besondere Umstände führten zur Uraufführung der «Poppaea»-Oper von Michael Hersch in Basel.

Reinmar Wagner
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Ein Kunstgriff mit Tücken: Die blutverschmierten Puppen (hier im Arm von Octavia und Poppaea).

Ein Kunstgriff mit Tücken: Die blutverschmierten Puppen (hier im Arm von Octavia und Poppaea).

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Er hat den denkbar schlechtesten Ruf unter der Kaisern des Alten Rom: Nero. Die Stadt soll er angezündet haben, seine Mutter hat er umbringen lassen, seine erste Ehefrau ins Exil geschickt, um Poppaea zu heiraten, die er später ebenfalls umbringen wird. Seinen Lehrer Seneca hat er ebenso auf dem Gewissen. Aber schliesslich wurde er am Ende ebenso zum Selbstmord gezwungen – ohne einen Thron-Erben hinterlassen zu haben.

Nicht alles ist wahr, was uns die römischen Geschichtsschreiber Tacitus, Sueton oder Cassius Dio über Nero erzählen. Am grossen Brand ist er sehr wahrscheinlich unschuldig. Die Forscher sind überzeugt, dass er im Nachhinein auch absichtlich schlecht gemacht werden sollte, um dem Start der neuen Dynastie der Flavier mehr Glanz und politische Weitsicht zu verleihen. Aber ein Engel war er bestimmt nicht. Und auch nicht der grosse und leidenschaftlich Liebende, wie ihn Claudio Monteverdi in seiner «Poppea»-Oper schildert, die in typisch barocker Vorliebe für das Happy End mit einem grandiosen Liebesduett zwischen Nero und Poppaea endet.

Steve Davislim als Nero.

Steve Davislim als Nero.

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An diese Liebe glauben der amerikanische Komponist Micheal Hersch und seine Librettistin Stephanie Fleischmann nicht. Sie erzählen die Geschichte aus ihrer Sicht – und dezidiert aus heutiger Warte: Die Rolle der Frau, die Fragen von Macht und Gewalt – auch sexueller – kommen ziemlich schonungslos auf den Tisch. Poppaea ist hier gleichzeitig das Opfer der allgegenwärtigen Skrupellosigkeit in Roms Patrizier-Familien wie auch die Täterin, die sich selbst kein bisschen scheut, auch die letzten Mittel für ihre Zwecke einzusetzen.

Sie bringt Nero dazu, seine erste Frau Octavia zu verstossen und umzubringen und rächt damit gleichzeitig den ungerechten Tod ihrer Mutter. Sie nimmt die Zügel der Staatsgeschäfte in die Hand, während Nero sich fast nur noch für Wagenrennen interessiert und seine musischen Ambitionen pflegt. Paradoxerweise kommt er uns näher in dieser Oper: Nero ist es, der das grosse Lamento anstimmt über den Tod ihrer gemeinsamen Tochter, während Poppaea berechnend und gefühlskalt erscheint.

Poppaea badet in Eselsmilch, umgeben von ihren Mägden.

Poppaea badet in Eselsmilch, umgeben von ihren Mägden.

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Markus Bothe zeigt in seiner Inszenierung keine Scheu vor drastischen Szenen – ebensowenig wie die Darsteller, allen voran die koreanische Sopranistin Ah Young Hong, der Hersch diese Poppaea in die Stimme komponiert hat. Einige Szenen aber gingen Bothe dann doch zu weit, und er griff zu einem probaten Mittel, physische Gewalt gleichwohl auf die Bühne zu bringen: Die drei Protagonisten werden verdoppelt durch fast lebensgrosse Puppen, die man natürlich problemlos malträtieren kann.

Was als Kunstgriff überzeugen kann, bringt aber auch seine Tücken mit: Das Spiel mit Puppen auf der Bühne ist nicht anspruchslos, da und dort drohte unfreiwillige Komik in diesem nun wahrlich todernsten Stück. Dasselbe gilt für das zentrale Element der Bühnen-Gestaltung der Architekten Piertzovanis und Toews: Pet-Flaschen. Sie bilden drei Vorhänge, die zu Beginn atmosphärisch passende, vexier-artige Verfremdungen ermöglichen. Wenn sie dann aber fallen bleibt wenig von ihrer Magie. Eigentlich sind sie dann bloss noch im Weg – und entwickeln ihren eigenen subversiven Soundtrack.

Ein Vorhang aus Pet-Flaschen.

Ein Vorhang aus Pet-Flaschen.

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Das kann Jürg Henneberger an der Spitze der mit ausdauernder Intensität spielenden Musiker vom Ensemble Phoenix allerdings kaum stören. Denn die Musik setzt stark auf drastische Effekte, auf die Illustrierung der in diesem Stück omnipräsenten Gewalt durch Lautstärke und Schlagwerk-Eruptionen. Das verbraucht sich relativ rasch, ebenso wie die liegenden Klänge, bevorzugt in dissonanten Reibungen, die Hersch mit einer fast schon obsessiven Vorliebe einsetzt.

Auch für die Stimmen hat Hersch ein klares Klang-Ideal: Vibrato-lose, gleichsam instrumental geführte, oft schneidend scharfe lange Töne sind sein Markenzeichen in diesem Stück. Zugeschnitten ist diese Singweise auf seine Hauptdarstellerin, denn genau das ist die unbestrittene Stärke der koreanischen Sopranstin. Aber auch Steve Davislim als Nero und Silke Gäng als Octavia haben keine Mühe, ihre Stimmen auf diesen Kurs zu trimmen. Für etwas Abwechslung in diesem etwas gleichförmig wirkenden akustischen Setting sorgen madrigaleske Chor-Abschnitte oder auch ganz simpel nur einfach gesprochene oder geflüsterte Passagen.

Die Uraufführung von «Poppaea» wäre beim Festival «Wien modern» geplant gewesen, Corona-bedingt kam nun der Koproduktions-Partner «ZeitRäume Basel» zur Ehre, das Stück zuerst zu zeigen. Als überaus geeigneter Ort dafür erwies sich der neu eingerichtete Kulturraum in der ehemaligen Kirche Don Bosco.

Zweite und letzte Vorstellung Sonntag 12. September 20.00 Uhr, Don Bosco Basel.

Weitere Infos unter www.zeitraeumebasel.com

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