Basel-Stadt
«Wir sassen alle einmal weinend und wartend auf einer Treppe»: Mahnmal erinnert an Leiden der Verdingkinder

Der Kanton Basel-Stadt entschuldigt sich bei Verdingkindern und Opfer von Fremdplatzierungen. Eine Gedenktafel im Innenhof des Rathauses soll als Mahnmal fungieren.

Elodie Kolb
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Die Gedenktafel im Innenhof des Rathauses erinnert an die Schicksale von Verdingkindern und Menschen, die fremdplatziert wurden.

Die Gedenktafel im Innenhof des Rathauses erinnert an die Schicksale von Verdingkindern und Menschen, die fremdplatziert wurden.

Nicole Nars-Zimmer

Es ist kalt am Montagmorgen. Im Innenhof des Rathauses haben sich auf blauen Klappstühlen rund 100 Personen versammelt. An einem Pfeiler hängt ein dunkelrotes Samttuch und verhüllt eine Gedenktafel für die Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981. «Ein schrecklich bürokratischer Ausdruck, der dem dahinter stehenden Leid nicht gerecht wird», bemerkt Regierungsrat Kaspar Sutter (SP). Mit diesem Anlass will sich der Kanton bei den betroffenen Menschen entschuldigen und ihr Leid anerkennen.

Hanspeter Bobst liest aus seinem Buch über seine Vergangenheit.

Hanspeter Bobst liest aus seinem Buch über seine Vergangenheit.

Nicole Nars-Zimmer (niz)/BLZ

Freude darüber, endlich gehört zu werden

«Mich kann man mitnehmen», hat die Mutter von Hanspeter Bobst auf ein Schild geschrieben, dem damals Fünfjährigen um den Hals gelegt und ihn damit am Badischen Bahnhof stehen gelassen. So erzählt es Bobst an der Gedenkfeier. Über seine Kindheit und Jugend als Heimkind hat er vor zwei Jahren ein Buch geschrieben, benannt nach den Zeilen auf dem Schild. Über die Geschehnisse seiner Kindheit zu sprechen, fällt dem 75-Jährigen sichtlich schwer, seine Partnerin hält währenddessen immer wieder seinen Arm. Zum Schluss sagt er aber dennoch:

«Es ist eine grosse Freude, dass ich heute hier sein und diesen Moment miterleben darf.»

Der Staat habe «massive Fehler» gemacht, sagt dann auch Regierungsrat Sutter im Namen der Regierung und entschuldigt sich bei den Betroffenen. «Es ist unsere Aufgabe, diese anzuerkennen und aufzuarbeiten.» Esther Baur vom Staatsarchiv weiss aber: «Es gibt keine Wiedergutmachung. Das Unrecht ist passiert und erlitten.» Jeder solle aber wissen können, wo seine Wurzeln liegen, findet Baur. Seit 2013 können Gesuche zur Einsicht ins Archiv gestellt werden – 503 solche Anfragen seien seither eingegangen.

«Wir sassen alle einmal weinend und wartend auf einer Treppe»

Kaspar Sutter (l.) enthüllt gemeinsam mit Jean-Claude Bannier die Tafel.

Kaspar Sutter (l.) enthüllt gemeinsam mit Jean-Claude Bannier die Tafel.

Nicole Nars-Zimmer

Gemeinsam mit Regierungsrat Sutter enthüllt schliesslich der Künstler Jean-Claude Bannier die Gedenktafel: Ein Mensch sitzt am unteren Rand einer Treppe, den Kopf in die Hände gestützt. Nebenan sind Adjektive eingraviert, wie: «Verstossen, verschwiegen, verleugnet, verdingt.» Und: «Nie wieder, für niemanden», steht darauf. Es solle eine Gedenktafel für die Personen sein, die Unrecht erfahren haben und mahnen, damit ein solches Unrecht sich nicht wiederhole, sagt Sutter. Wie Bannier ausführt, stelle die Tafel auch einen Schlüsselmoment dar: «Wir sassen alle einmal weinend und wartend auf einer Treppe.» Dass er die Tafel habe gestalten dürfen, sei eine grosse Ehre für ihn. Ein Gefühl, das er besonders durch seine Vergangenheit als fremdplatziertes Kind nicht gekannt habe, wie er sagt.

Kaspar Sutter sagt zum Standort des Denkmals: «Die Tafel ist im Innenhof des Rathauses an einem einzigartigen und würdigen Ort und wird wohl auch die einzige hier bleiben. Sie gehört in das Zentrum des Staats, der versagt hat.»