Sie verhandelten unter grösster Geheimhaltung: Christoph Blocher und Rolf Bollmann auf der einen, Pietro Supino und Christoph Tonini auf der anderen Seite des Tisches. Mehrere voneinander unabhängige und gut unterrichtete Quellen bestätigen der «Schweiz am Wochenende» die Gespräche zwischen den Spitzen von «Basler Zeitung» und Tamedia. Laut einer Quelle soll Mitte Februar sogar bereits Einigkeit erzielt worden sein. Der Deal sähe so aus: Blocher verkauft Tamedia die «Basler Zeitung», im Gegenzug erhält er den Gratis-Anzeiger «Tagblatt der Stadt Zürich», an dem Tamedia gegenwärtig 65 Prozent hält, sowie eine Entschädigung wohl in Millionenhöhe.

In Basel die Ziele nicht erreicht

Anzeichen, dass ein solches Geschäft bevorstehen könnte, verdichten sich seit Wochen. So scheiterten die Gespräche, die Blocher mit Somedia-Verleger Hanspeter Lebrument über einen gemeinsamen überregionalen Mantel von «Basler Zeitung» und «Südostschweiz» führte, vor einigen Wochen überraschend. Weil der 77-Jährige mit der «BaZ» plötzlich etwas anderes vorhatte? Ein Geheimnis wird nach wie vor auch um die Frage gemacht, wo die «BaZ» ab 2019 gedruckt wird, nachdem sie den Druckauf- trag bei Tamedia im letzten Jahr gekündigt hat. Weil noch gar nicht feststeht, ob Blocher die Tageszeitung im kommenden Januar noch besitzen wird?

Eine offizielle Bestätigung für den Zeitungstausch liegt derzeit nicht vor. Während Blocher für die «Schweiz am Wochenende» am Freitag nicht zu erreichen war, schreibt «BaZ»-Verwaltungsrat Bollmann auf Anfrage: «Wie bekannt, interessieren sich seit längerer Zeit verschiedene Verlage für die ‹Basler Zeitung›. Deshalb finden auch immer wieder diesbezügliche Gespräche statt, die aber ergebnislos verliefen.» Anderslautende Verlautbarungen seien «tatsachenwidrig». Tamedia-Kommunikationschef Christoph Zimmer sagt: «Es ist kein Geheimnis, dass wir eine Übernahme der ‹Basler Zeitung› prüfen würden, sollte sie zum Verkauf stehen.» Auch gebe es «regelmässig Kaufanfragen für Medien von Tamedia». Darüber hinaus wolle er Gerüchte nicht kommentieren.

Kommt der Deal tatsächlich zustande, zöge sich Blocher aus Basel zurück. Jener Stadt, in der er nie richtig Fuss gefasst hat. Bevor seine Rolle als Miteigentümer Ende 2010 bekannt wurde, hatte die «BaZ» eine Auflage von gut 83 000 Exemplaren. Seither hat sie sich auf 46 000 beinahe halbiert. Aus der Zeitung, die es einst allen recht machen und ein Forum bieten wollte, wurde unter Besitzer Blocher und Chefredaktor Markus Somm ein rechtes Kampfblatt – eine Zeitung, die aneckt, da sie wie keine andere Schweizer Tageszeitung ausserhalb des Boulevardsegments Kampagnen fährt und Einzelfälle skandalisiert. Seine Ziele hat Blocher mit der «BaZ» nicht erreicht. Die «bürgerliche Wende», auf die Somm seit Jahren hinschreibt, ist ein fürs andere Mal ausgeblieben – die Stadt ist nach wie vor fest in rot-grüner Hand.

Da er mit der «BaZ» nicht glücklich wurde, giert Blocher seit langem nach mehr Medienmacht. Erst drohte er bis im letzten Sommer damit, eine nationale Gratis-Sonntagszeitung zu lancieren. Dann wechselte er die Strategie: «Auch das Lokale ist politisch», sagte der Alt-Bundesrat im vergangenen August, als er den Kauf von 25 Gratiszeitungen der Wiler Zehnder Medien verkündete. Mit dieser neuen Ausrichtung erklärt sich, wieso Blocher nun das «Tagblatt der Stadt Zürich» wohl gerne in seinem Portfolio sähe.

Im vergangenen Dezember sagte Bollmann im Branchenmagazin «Schweizer Journalist», ein gemeinsamer Mantel für all neu erworbenen Gratiszeitungen sei denkbar. Sollte Blocher in Zukunft tatsächlich auch das jeden Mittwoch erscheinende «Tagblatt der Stadt Zürich» halten, ergäbe ein solcher Schritt erst recht Sinn. Zu den 720 000 Haushalten, die der SVP-Politiker mit den «Zehnder»-Zeitungen erreicht, kämen mit dem «Tagblatt» auf einen Schlag 127 000 hinzu. Blocher näherte sich der Million – gesamtschweizerisch gibt es 3,7 Millionen Haushalte. Die Gratis-Anzeiger sind attraktiv, weil sie sich durch Werbung des lokalen Kleingewerbes finanzieren lassen. Vor allem aber werden sie Woche für Woche kostenlos nach Hause geliefert, womit sie ihr Publi- kum fast schon automatisch finden.

Platzhirsch Tamedia wird mächtiger

Tamedia hätte die «BaZ» schon 2010 gerne gekauft, ging damals aber genauso leer aus wie die ebenfalls interessierte «NZZ»: Die Verlegerfamilie Hagemann verkaufte an die Investoren Tito Tettamanti und Martin Wagner, die sich alsbald als Strohmänner Blochers erwiesen. Für das Mediengeschäft der Tamedia wäre der Erwerb der «BaZ» zentral. Sie hielte dann die wichtigsten Zeitungen in den drei grossen Deutschschweizer Agglomerationen: Die «BaZ» in Basel, den «Bund» und die «Berner Zeitung» in Bern und den «Tages-Anzeiger» in Zürich.

Klappt der Deal mit Blocher, würde der Platzhirsch noch mächtiger – und die Medienkonzentration nähme weiter zu. Zweifelsohne nämlich verlöre die «BaZ» mit dem Verkauf auch ihre redaktionelle Unabhängigkeit: Den überregionalen Mantelteil mit dem Inland-, dem Wirtschafts- und dem Auslandressort würde sie – wie alle Tamedia-Zeitungen – von den Anfang Jahr gegründeten «Kompetenzzentren» mit Sitz in Zürich erhalten. Im Vergleich zur Blocher-«BaZ» würde eine Tamedia-«BaZ» wohl dennoch auf mehr Anklang bei der Leserschaft stossen: Aller Wahrscheinlichkeit nach würde eine politische Ausrichtung gewählt, die besser zur linken Stadt passt.