Auf drei Seiten begründet die Wettbewerbskommission, weshalb sie keinen Einwand gegen den Kauf der «Basler Zeitung» durch den Zürcher Medienkonzern Tamedia hat. Es gebe zwar durchaus Anhaltspunkte für eine künftige marktbeherrschende Stellung des Konzerns am Rheinknie, schreiben die Wettbewerbshüter. Zum Teil auch Anzeichen einer kollektiven Marktbeherrschung der Tamedia im Zusammenspiel mit der CH Media, dem neuen Verbund von NZZ Regionalmedien und AZ Medien (zu der auch diese Zeitung gehört). Doch Anhaltspunkte rechtfertigten kein Verbot, die Übernahme ist bewilligt.

Jedes andere Resultat wäre nicht nur eine grosse Überraschung gewesen. Es hätte Christoph Blocher (78) auch in grösste Probleme gebracht. Der SVP-Doyen, Unternehmer und Politiker im Unruhestand hätte jene amputierte Zeitung wieder übernehmen müssen, die er vor acht Jahren in einer verdeckten Mission übernommen hat. Eine Zeitung, mit der er und sein Chefpublizist Markus Somm seine medienpolitischen Ziele verfehlt hat, deren Redaktionsspitze sich bereits abgesetzt hat und deren Integration in die Tamedia faktisch schon vor dem Weko-Entscheid weit vorangeschritten ist.

Wenige Jahre zuvor wäre undenkbar gewesen, dass Blocher eine Zeitung an die Tamedia verkauft. Zugeneigt in erbitterter Feindschaft waren sich die Parteien gestanden. Salven von Artikeln hatte der «Tages-Anzeiger» seit den 1990er-Jahren auf den rechtspopulistischen Aufsteiger abgefeuert; als Winkelried gegen den monopolitisch auftretenden Mainstream-Konzern, als Retter der schweizerischen Medienvielfalt hatte sich Blocher inszeniert. Doch plötzlich galt die alte Fehde nicht mehr. Was war geschehen?

Die Spinne und das Netz

Als im April dieses Jahres Tamedia-Verleger Pietro Supino im Saal des Basler Hotel Euler neben einem fahrigen Blocher sass und den Kauf offizialisierte, war er die Spinne eines Netzes, das der Zürcher Konzern in den vergangenen fünfzehn Jahren fein säuberlich aufgezogen hatte. Es war bloss eine Frage der Zeit, bis sich die «Basler Zeitung» darin verfängt. Und einmal in die klebrigen Fäden eingesponnen, gab es kein Entrinnen – auch nicht mit der milliardenschweren Potenz eines Blochers.

Als die Zeitungsverleger noch mühelos Geld verdienten, waren sich die Verlegerfamilien Coninx (Zürich) und Hagemann (Basel) freundschaftlich verbunden. Überschneidungen gab es wenige und vom gemeinsamen Werbeangebot für nationale Interessenten profitierten beide gleichermassen üppig. Selbst als die Tamedia 2002 für einen unverschämten Preis «Radio Basilisk» kaufte und damit die Familie Hagemann auf deren Hoheitsgebiet düpierte, änderte dies erstaunlich wenig. Es demonstrierte jedoch das Interesse der Zürcher am zweitwichtigsten Wirtschaftsraum der Schweiz.

Den Lockungen erlegen

2004 intensivierte die Tamedia ihre Charmeanstrengungen. Sie bot den Baslern «Das Magazin» als Samstagsbeilage an, die das doppelte Geschenk freudig annahmen. Einerseits konnte die «Basler Zeitung» damit das eigene, behäbige Magazin in Zeitungsformat einstellen, anderseits versprachen die Zürcher, die Basler würden am zusätzlichen Anzeigenverkauf sogar verdienen.

Im gleichen Jahr sollte die Bande noch enger werden. Tamedia bot den Baslern 17,5 Prozent an der Gratiszeitung «20 Minuten» an, der sich die Zürcher mit einem Powerplay bemächtigt hatten. Die Verträge waren fertig, doch Hagemann konnte das Eintrittsgeld von 21 Millionen Franken nicht aufbringen und musste am Abend vor Unterzeichnung passen.

Drei Jahre später waren die Basler auf die Zürcher angewiesen. Verleger Hagemann wollte sich seines Vermarkters und ungeliebten Minderheitspartners, der mittlerweile konkursiten Publigroupe, entledigen. Da eine hässliche Auseinandersetzung nicht unwahrscheinlich war, sicherten sich die Basler vorab die Unterstützung durch die Tamedia. Diese war zwar nicht notwendig, doch die Tamedia nutzte das Anlehnungsbedürfnis, um die Basler weiter einzuweben. Ausgangspunkt war die neue Gratiszeitung «.ch», die «20 Minuten» Konkurrenz machen wollte.

Um den Wettbewerber auszubremsen, warf Tamedia mit «News» eine weitere Gratiszeitung in den Markt. Diesmal kniffen die Basler nicht, beteiligten sich – und lagen wieder falsch. Denn anders als «20 Minuten», das sich für die Tamedia zum Goldesel entwickelte, brachte «News» nur Verluste und verschwand bald von der Bildfläche wie auch «.ch». Doch aus «News»-Trümmern entstand «Newsnet», das Online-Nachrichtennetzwerk, dem alle publizistischen Titel der Tamedia angeschlossen sind wie von Anfang an auch die «Basler Zeitung». Die nächste Schlinge war damit um das Opfer aus Basel gelegt. Weder finanziell noch rechtlich konnte die «Basler Zeitung» jemals wieder aussteigen und einen eigenen Online-Auftritt aufbauen.

Als die pulsierende Tamedia noch Druckaufträge nach Basel vergab, waren die Türen für weitere Kooperationen weit offen. Alle möglichen Optionen wurden geprüft. In aller Heimlichkeit waren Arbeitsgruppen eingesetzt, einen gemeinsamen Redaktionsmantel von «Tages-Anzeiger» und «Basler Zeitung» zu prüfen. Testweise wurden Basler Seiten im «Tages-Anzeiger»-Layout produziert. Gescheitert sind die Projekte sinnigerweise an der damals viel zu teuren Produktionsweise des «Tages-Anzeigers».

2008 machte die Verlegerfamilie Hagemann eine Standortbestimmung und kam zum Schluss, sie wolle das Medienhaus verkaufen. Als Schweizer Verlagshäuser verfügten eigentlich nur die NZZ-Gruppe und Tamedia über die nötige Finanzkraft, um ein attraktives Angebot zu unterbreiten. Doch der Tamedia waren die Hände gebunden. Zum einen war sie operativ durch die Integration des Westschweizer Medienkonzerns Edipresse sowie der Berner Espace Media («Berner Zeitung», «Bund») ausgelastet. Zum anderen hätten die Wettbewerbshüter zu diesem Zeitpunkt die Basler Übernahme wohl verhindert. Entsprechend still verhielt sich die Tamedia, ohne jedoch das Spinnennetz wieder aufzugeben. Im Gegenteil, wie sich noch zeigt.

Die Irrfahrt mit Christoph Blocher

Die vorgetäuschte Odyssee der «Basler Zeitung» nach dem Verkauf im Februar 2010 ist bekannt. Nicht wie allseits erwartet die NZZ-Gruppe, sondern der anarcholiberale Financier Tito Tettamanti erwarb die Zeitung offiziell. An der Front agierte als Verleger der Anwalt Martin Wagner. Er versuchte als erster, den im Hintergrund agierenden Blocher auszuhebeln. Wagner setzte das Gespann Jürg Lehmann und Urs Buess als neue Co-Chefredaktoren ein, um den von Tettamanti/Blocher auf diesem Posten vorgesehenen Markus Somm zu verhindern. Die Aktion scheiterte und Somm übernahm im Herbst 2010, schneller als ursprünglich vorgesehen, die Redaktionsleitung.

Auf Wagner, der aktiv das Outing von Blocher als eigentlichen Strippenzieher betrieb, folgte der Flugunternehmer Moritz Suter als «Verleger». Auch Suter meinte, Blocher auf Distanz halten und dann auskaufen zu können. Er täuschte sich. Bei seinem unrühmlichen Abgang blieb Suter lediglich die Genugtuung, Blocher als eigentlichen Eigentümer der «Basler Zeitung» blossgestellt zu haben.

Es bedurfte nochmals eines Umwegs über den aus der Versenkung aufgebotenen Tettamanti und der MedienVielfalt Holding, bis 2014 auch gesagt wurde, was schon längst klar war: Die «Basler Zeitung» gehört vollständig Christoph Blocher. Zum schönen Schein zeichneten allerdings bis zum Schluss Markus Somm und Geschäftsführer Rolf Bollmann je ein Drittel der Aktien.

Der Einzug von Bollmann, der 2012 den glücklosen Filippo Leutenegger an der operativen Spitze ablöste, war bemerkenswert. Schliesslich war Bollmann ein Tamedia-Gewächs und mit allen Unterzügen des Zürcher Unternehmens vertraut. Rhetorisch warnte Bollmann sogar davor, dass sich das Stück um Stück auf eine blosse Redaktion reduzierte Basler Verlagsunternehmen in Tamedia-Abhängigkeit begebe. Faktisch hat er massgeblich für die völlige Abhängigkeit gesorgt.

Ein weiterer kleiner Schritt erfolgte bereits 2012. Nach dem eher kläglichen Scheitern einer eigenen Sonntagsausgabe erhielten die Abonnenten der «Basler Zeitung» zum Vorzugspreis die Tamedia-«Sonntagszeitung». Der entscheidende Schachzug landete Tamedia jedoch 2013, als Blocher beschloss, die eigene Druckerei zu schliessen. Der auf die politische Publizistik fixierte Blocher hatte weder Verständnis für notwendige Entwicklung einer eigenständigen digitalen «Basler Zeitung» noch für die unternehmensstrategische Bedeutung eigener Druckkapazitäten. Tamedia lockte mit einem Grenzkostenpreis, der die Rechnung der «Basler Zeitung» gleich um einige Millionen verbesserte. Der Druck ging an den Zürcher Konzern, die Vollkosten präsentierte Tamedia einige Jahre später.

Im vergangenen Jahr muss es Blocher gedämmert haben, dass er die «Basler Zeitung» in eine Sackgasse manövriert hatte. Plötzlich entwickelte das Management an drei Fronten Projekte, die Dynamik versprachen. Zum Ersten verhandelte die Basler Zeitung mit der «Südostschweiz» der Verlegerfamilie Lebrument über Kooperationen. Damit hätte der Nukleus für ein drittes Zeitungsnetzwerk unter Einbezug des «Bieler Tagblatts» und der «Schaffhauser Nachrichten» entstehen können. Zum Zweiten kaufte Blocher vom Wiler Verlagshaus Zehnder 25 Gratiszeitungen. Zum Dritten baute eine weiterhin anonyme Investorengruppe ausgerechnet in der alten BaZ-Druckerei eine neue Zeitungsrotation auf. Dieser Betrieb hätte es Blocher ermöglicht, sich von den Druckerei-Fesseln der Tamedia zu lösen. Entsprechend kündigte er den Druckvertrag.

Die plötzliche Kehrtwende

Es sollte anders kommen. Nach Informationen aus der «Südostschweiz» habe Blocher plötzlich das Interesse an einer west-östlichen Kooperation der beiden Medienhäuser verloren. Auch der Druckbereich entwickelte sich nicht wie geplant; die neue Basler Anlage war angeblich zum festgelegten Zeitpunkt nicht betriebsbereit. Die Tamedia konnte damit die Bedingungen nicht nur beim Druck, sondern auch im «Newsnet»-Online-Bereich diktieren, dessen Vertrag es neu auszuhandeln galt. Statt eine Vorwärtsentwicklung zu forcieren, wählte Blocher den Hinterausgang – und dieser führte geradewegs zur Tamedia.

Die Geduld hatte sich für das Zürcher Medienhaus ausbezahlt. Selbst als die «Basler Zeitung» vermeintlich für immer verloren war, blieb sie der diskrete Partner, der sich noch stärker unentbehrlich machte. Der Umweg, den die «Basler Zeitung» über Tettamanti/Blocher nahm, hat sich für die Tamedia sogar gerechnet. Blocher übernahm damit die schmutzige Arbeit, das zwar defizitäre, aber vollständige Medienunternehmen zu zerlegen und Arbeitsplätze zu eliminieren. Alles, was die Tamedia selbst nicht benötigt, wie Liegenschaften, Druckerei und kleinere Verlagsprodukte, hat Blocher verkauft oder eingestellt. Übrig geblieben ist einzig die abgespeckte Redaktion samt Abonnentenstamm, der durch Blochers politische Ambitionen und Somms teilweise brachialer Publizistik allerdings überdurchschnittlich gelitten hat.

Die Folgen für die Tamedia

Mit dem Entscheid der Wettbewerbskommission wird ein grosses Kapitel in der Basler Mediengeschichte geschlossen. Das Ende der Geschichte ist damit aber längst nicht erreicht. So bleibt Basel die einzige Region, in der Tamedia und die CH Media (AZ Medien, NZZ Regionalmedien) in einem direkten Konkurrenzverhältnis stehen. Wie die künftige Dramaturgie verläuft, hängt nicht zuletzt an der Personalie, wen die Tamedia in der Nachfolge von Markus Somm als Chefredaktor der «Basler Zeitung» einsetzt. Zwei bisherige Ressortleiter stellen sich dem Vernehmen nach zur Wahl: Interner Favorit ist Raphael Suter (Kultur), der über Beziehungen zur Basler Gesellschaft verfügt und als «Radio Basilisk»-Chefredaktor schon Tamedia-Kader war. Führungsqualitäten werden dafür Marcel Rohr (Sport) attestiert, doch fehlt ihm die breite Vernetzung. Tamedia hält sich bedeckt und will zu «gegebener Zeit» die Personalie kommunizieren, was eine externe Besetzung nicht ausschliesst.

Gesamtschweizerisch mindestens so interessant ist, was die Integration der «Basler Zeitung» für die Tamedia selbst bedeutet. So führt der eigentlich vollzogene Zusammenschluss der Redaktionen dazu, dass im Inlandteil des «Tages-Anzeigers» Texte von Journalisten der «Basler Zeitung» zu lesen sind, die dort aufgrund ihrer politischen Ausrichtung vor wenigen Monaten noch ein faktisches Schreibverbot gehabt hätten. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird Markus Somm seine Leitartikel bald als Tamedia-Edelschreiber verbreiten können – und damit auch der «Basler Zeitung» erhalten bleiben.