Theater

«Er ist der Opernkomponist schlechthin, Oper ist Verdi»

Vera Nemirova ist eine leidenschaftliche, unermüdliche Theaterschafferin.

Vera Nemirova ist eine leidenschaftliche, unermüdliche Theaterschafferin.

Vera Nemirova inszeniert erstmals in Basel: Giuseppe Verdis «Un ballo in maschera». Für die bulgarische Regisseurin ist der italienische Komponist das Grösste. «Er ist der Opernkomponist schlechthin, Oper ist Verdi.»

«Giuseppe Verdi ist der erste Opernkomponist, der sich wirklich dem Menschen zugewandt hat. Er dringt in seinen Werken in die Tiefe der Charaktere ein, legt ihr Inneres offen, leuchtet auch ihre Abgründe aus.» Die bulgarische Regisseurin Vera Nemirova, die am Theater Basel «Un ballo in maschera» inszeniert, sagt in unserem Gespräch im Theater über den «Revolutionär der Oper»: «Er ist der Opernkomponist schlechthin, Oper ist Verdi.» Ihre Begeisterung für den italienischen Komponisten, der die Oper ins 20.Jahrhundert geführt hat, ist fühlbar. «Un ballo in maschera» – Premiere ist morgen Samstag – ist die sechste Verdi-Oper, die Nemirova auf die Theaterbühne bringt: nach «Rigoletto», «Macbeth», «Otello», «Nabucco» und «La forza del destino».

Unermüdliche Theaterschafferin

Drei andere wichtige Säulen ihrer Laufbahn als Opernregisseurin sind Richard Wagner, Wolfgang Amadé Mozart und Pjotr I.Tschaikowsky. Ihr «Ring» in Frankfurt feierte einen grossen Erfolg. Lob gab es für die schlüssige Dramaturgie innerhalb der vier Teile, für die klare Figurenzeichnung. Nemirova erzählt mit bekannten Opernwerken Geschichten, die uns angehen, sucht das Heutige in der Psyche der Figuren.

Oper und Theater waren immer schon das Leben der in Bulgarien geborenen, seit 1982 in Berlin wohnenden Regisseurin, der Tochter eines Regisseurs und einer Sängerin. Zwei Theaterkünstler, die die Opernregie erneuerten, waren ihre Lehrer: Ruth Berghaus und Peter Konwitschny. Nemirova bezeichnet sie in unserem Gespräch als ihre «künstlerischen Zieheltern». Von Berghaus habe sie den unbedingten Formwillen, Strenge, Disziplin und Verantwortungsbewusstsein gelernt. Von Konwitschny, die Stücke ganz eigen und von der musikalischen Erzählung her zu lesen, ebenso die Liebe zum Menschen. Längst hat sie sich von den Beiden emanzipiert und geht ihren eigenen Weg als Regisseurin.

Nach ihrem Frankfurter «Ring», diesem «Blockbuster, der einen vier bis fünf Jahre voll beschäftigt», ist sie froh sich wieder anderen Werken zuzuwenden. Sie inszeniert heute oft an grossen Häusern wie der Wiener Staatsoper, der Staatsoper Unter der Linden Berlin oder der Semperoper Dresden, aber auch an kleineren «mit ihrem Ensemble-Geist». So brachte Nemirova Anfang Saison in Luzern Mozarts «La clemenza di Tito» auf die Bühne. Nun geht es kurz vor dem Verdi-Jahr weiter mit «Un ballo in maschera», ihrer ersten Arbeit in Basel. Am Dreispartenhaus in der Stadt am Rheinknie schätzt sie die Tradition, Opern neu zu lesen. Die Lust daran spüre man im Haus, in der Stadt. Sie lobt dabei besonders den Basler Theaterchor, sein Engagement und seine Spielfreude.

Nach Verdi folgt wieder Wagner – auch sein 200. Geburtstag wird gefeiert: «Der Fliegende Holländer» in St.Petersburg, «Tristan und Isolde» in Bonn. Mit «Lohengrin» kehrt sie nächste Saison nach Basel zurück.

Die Amerika-Fassung in Basel

Wir wenden uns im Gespräch Verdis «Maskenball» und ihrer Sicht darauf zu. Sie entschied sich bewusst für die «zensierte Fassung» des 1859 uraufgeführten Werks. Verdi und sein Librettist Antonio Somma verlegten den Spielort nach Boston. Ursprünglich spielte die Oper in Schweden, erzählt die Ermordung des Königs Gustav III. (Ende 18.Jahrhundert). Das akzeptierte die Zensur nicht. Von heute aus gesehen, erachtet Nemirova die Urfassung als einengend. Der historische Fall des schwedischen Königsmords schränke die Geschichte nur auf den singulären Fall ein. «Zudem inspiriert mich der Schauplatz USA, die Umbruchzeit der 1960er- und 70er-Jahre mit dem Kennedy-Mord, dem Vietnam-Krieg, der Friedens- und Hippie-Bewegung.» Diese Zeit innerer politischer Zerrissenheit hätte ihrem Nachdenken über «Un ballo in maschera» Impulse gegeben. Dennoch: «Jeder konkrete Bezug erscheint uns zu eng.» Der Politthriller, der Politik, Liebe und Eifersucht miteinander verknüpft, sei eine allgemeine, zeitlose Geschichte.

Eine politische Verschwörung gegen Machthaber Riccardo und das Liebesdreieck Riccardo-Amelia-Renato führen in die Katastrophe. Riccardo, dieser Melancholiker, wisse, dass er in einer Endzeit lebe, in der nur noch Partys gefeiert werden, in der sich politisch nichts mehr bewegen lässt, erzählt Nemirova. Nun verliebt er sich noch in die Frau seines Freundes und einzigen politischen Gefährten. In Nemirovas Lesart provoziert Riccardo geradezu den eigenen Tod, nimmt ihn bewusst in Kauf. Für sie ist «Riccardo als Politiker eine Fehlbesetzung; denn er hat noch ein Gewissen. Um Politiker in einem solchen System zu sein, muss man sich schon sehr nah an der Gewissenlosigkeit bewegen.»

Nemirova liest in Verdis Oper zudem viel über die komplexe Welt unserer Empfindungen. Amelia und Riccardo verbieten sich ihre Liebe, um gesellschaftlich zu funktionieren und Renato nicht zu verraten. Dass sich Amelia zu Mitternacht auf das Feld verfemter Toten begebe, um dort ein Kraut zu pflücken, das die Liebesgefühle zu Riccardo ausmerzt, sage alles: «Wo Liebe abgetötet wird, gibt es ein wirklich tödliches Ende.»

Verdis mutiges Stilmittel

Die Verschwörer nützen das Liebesdreieck skrupellos aus und missbrauchen dabei Renato «als ihre lebende Mord-Waffe». «Das Ensemble der Verschwörer, die Riccardo und Amelia auf dem Friedhof aufspüren, ist etwas vom Infamsten, das je komponiert worden ist.» Verdi zeichnet die Verschwörer mit den scharfen Konturen von Entlarvung und Satire. Im ersten Bild komponierte er eine grandiose Groteske. «Das war ein sehr mutiges Stilmittel» des Menschenzeichners Giuseppe Verdi.

Un ballo in maschera von Giuseppe Verdi, mit Riccardo Massi (Riccardo), Eung Kwang Lee (Renato), Mary Elizabeth Williams (Amelia), Theater Basel, Premiere 15. Dezember.

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