Nähkästchen

-minu: «Die Kinder der ganz Reichen dieser Stadt wählen heute nicht mehr bürgerlich, sondern links. Weil sie es sich leisten können.»

Bei -minu zu Hause ist das ganze Jahr Weihnachten. Egal, was die Agenda sagt.

Bei -minu zu Hause ist das ganze Jahr Weihnachten. Egal, was die Agenda sagt.

-minu plaudert aus dem Nähkästchen. Über Gelassenheit im Alter, seine Hassliebe zum Klatsch, sein erstes Buch – und was Spaghetti mit Weihnachten zu tun haben.

-minu, worüber plaudern wir?

-minu: Da steht: Agenda. Oh!

Ja?

Meine Agenda müsste jetzt bumsvoll sein. Aber es bricht eine neue Zeit an.

Nämlich?

Ab diesem Jahr veranstalten Christoph und ich keine Benefiz-Weihnachtsessen mehr. Dreissig Jahre lang haben wir das gemacht, jetzt wurde es uns zu streng. Stell’ Dir vor, ab Mitte November war meine Agenda durchgetaktet – bis kurz vor Weihnachten.

Langweilig wird es Dir jetzt aber bestimmt nicht.

Nein, wo denkst Du hin (lacht). In den kommenden Wochen – bis Ende Januar – gebe ich viele Lesungen. In wenigen Tagen erscheint mein erstes Buch «Die rosa Seekuh». Das muss ich natürlich promoten.

Erst jetzt das erste Buch?

Ich habe mich lange nicht dran gewagt, hatte grossen Respekt. Eine Kolumne zu schreiben, ist das eine. Ein ganzes Buch ein anderer Brocken.

Worum geht es?

Um die Geschichte von Andrea, der in einer verrückten, von Frauen dominierten Familie aufwächst, sich von Liebhaber zu Liebhaber hungert...

... ach so, eine Biografie.

Nicht ganz. Es sind Geschichten aus dem Leben. Was davon Realität ist und was Fiktion, bleibt mein Geheimnis.

Was hat es mit der Seekuh auf sich?

Ein Taxifahrer, den ich vor langer Zeit in Rom auf der Kühlerhaube vernascht hatte, spornte mich mit «Lamantino» an. Ich fühlte mich geschmeichelt, dachte, das bedeutet so was wie «Hengst». Zurück im Hotel blätterte ich als Erstes im Langenscheidt nach .... Und dann kam die grosse Ernüchterung.

Eine Seekuh ist doch süss.

ABER WILLST DU SIE DIR BEIM VÖGELN VORSTELLEN?

Was hat es eigentlich mit den Grossbuchstaben auf sich? Die sind ja so was wie Dein Markenzeichen.

Na, ein gutes Mittel, um gewisse Dinge hervorzuheben. Ich musste aber kämpfen dafür. Ein Redaktor liess das nicht durchgehen und hat mir jahrelang die Grossbuchstaben korrigiert. Ich blieb beharrlich. Das zahlt sich aus!

Heute schreibst Du weniger, hast auch keine Sendung mehr im Fernsehen.

Ich ziehe mich langsam zurück. Gerade beim Fernsehen wollte ich den Jungen Platz machen. Und auch beim «Tradera-klatsch» dachte ich, dass das jemand übernimmt. Dem ist leider nicht so ...

Fällt es Dir schwer, aus dem Rampenlicht zu treten?

Nein, mit dem Alter nimmt die Eitelkeit ab. Und meine Agenda hatte genug Partys.

Mit dem «Traderaklatsch» hat Deine Karriere Schwung bekommen, Du wurdest zur Kultfigur. Gerne hast Du es aber nie gemacht.

Anfangs schon, Du tingelst von Anlass zu Anlass, die Agenda ist immer voll. Nach einem Jahr hatte ich es dann aber eigentlich «gesehen», und dazu kam die Angst, jemanden zu verletzen. Das war hochexplosiv, machte mir Bauchweh! Einmal habe ich die Frau eines hochrangigen Politikers nach einem Empfang mit der Frage: «Ist das jetzt die Frau der Stunde oder die Stundenfrau?» in den Text eingeführt. SIE HAT WIRKLICH SO AUSGESEHEN. Danach erst wurde mir bewusst, wie beleidigend das war. Sie hat’s zum Glück locker genommen. Er natürlich nicht, er ging an die Decke.

Gehst Du privat noch an Partys?

Praktisch nicht. Das brauche ich nicht mehr, und verpassen tue ich eh nichts. Das Schöne am Alter: Man wird gelassener, regt sich nicht so schnell auf, nimmt sich selbst nicht mehr so furchtbar wichtig.

Könntest Du ohne Schreiben?

Ich schreibe sicher weniger als früher, weil ich länger daran habe. Nicht, weil ich langsamer geworden bin. Im Alter kommt so eine verdammte Selbstzensur, man ist viel selbstkritischer. Ich schreibe eine Kolumne an die sechs Mal um! Ganz ohne könnte ich aber nie, denn das erspart mir den Psychiater. Was soll ich sonst machen?

Naja, Du hast wahnsinnig viel gemacht in Deinem Leben. Hattest einen Stand an der Herbstmesse, Deine eigenen TV-Sendungen, hast Kochbücher heraus gegeben, und und und... Gibt es etwas, das ein Traum geblieben ist?

Ich habe immer davon geträumt, ein gutes Hotel zu führen. Den grossen Gastgeber zu spielen. Christoph hat mir gesagt, dass das ein Traum bleibt, «weil daran gehen wir bankrott». Er hatte sicher recht. Ich hätte nicht gerechnet, das habe ich schon an der Herbstmesse mit dem Stand nie gemacht.

Hast Du eine analoge oder digitale Agenda?

Analog, ein sehr bewusster Entscheid. Ich finde es viel persönlicher, die Termine von Hand einzuschreiben. Sie anzustreichen, vielleicht auch mit einer kleinen Zeichnung zu versehen. Um die ganz wichtigen mache ich drei Kreise.

Wie viele sind es bei Weihnachten?

Ganz viele. Eine wichtige Zeit voller goldener Erinnerungen. Eine Zeit der schönen Dinge, wo alles glitzert und leuchtet. Bei mir zu Hause ist ja immer Weihnachten, in meinem Weihnachtszimmer findest Du Raritäten aus Wien und Prag ... Das ganze Jahr über.

Dann findest Du’s sicher gut, dass man schon jetzt Weihnachtsgutzi kaufen kann.

Nein, DAS IST EIN «GINGG» IN DEN ALLERWERTESTEN DER AGENDA. Jetzt ist erst mal Herbstmesse. Wir essen nie vor dem Santiglaus Grättimänner und Mandarinen, Gutzi gibt’s erst an Weihnachten. Ich liebe Süsses zwar, würde mich aber niemals der Agenda der Grossverteiler anpassen.

Wie verbringst Du Weihnachten?

Am 12. Dezember gehen wir nach Italien auf die Insel. Am 24. sitzen wir beide vor dem Fernseher, die Füsse auf dem Tisch, und es gibt Spaghetti Aglio Olio. Das machen wir seit Jahren so. Die Familienweihnachten früher waren so aufwendig und anstrengend, da geniesse ich solch ruhige und besinnliche Tage sehr. Es sind für mich die schönsten Weihnachten.

In einer Agenda finden sich nicht nur schöne Dinge, «Agenda» bedeutet «Was getan werden muss». Waren die Wahlen vor zwei Wochen ein Pflicht- oder ein zu vernachlässigender Termin für Dich?

Definitiv ein Pflichttermin. Wir sind just auf die Wahlen aus Italien zurückgekehrt. Das stand in der Agenda, ich wollte wählen gehen, unbedingt.

Basel ist noch mehr nach links gerutscht, die Schweiz reitet auf einer grünen Welle. Hat Dich das überrascht?

Nein, gar nicht. Die Kinder der ganz Reichen dieser Stadt wählen heute nicht mehr bürgerlich, sondern links. WEIL SIE ES SICH LEISTEN KÖNNEN. Wenigstens gehen die Jungen wählen. Mir ist das lieber als die träge Masse, die dies versäumt. Ich kenne so viele Leute, die «wäffele» ständig gegen die Regierung, gegen links, und dann verpassen sie den Wahltermin.

Wen hast Du gewählt?

Ach, das war sehr durchmischt. Ich gehe nicht nach Partei, sondern nach Person. Habe SP gewählt, obwohl das sonst nicht so meine Partei ist. Und die Grünliberale Katja Christ auch. SVP gar nicht, nie.

Wie grün bist Du im Alltag?

Zu wenig leider. Aber wir trennen den Abfall, immerhin.

Könntest Du aus ökologischen Überlegungen auf Fleisch verzichten?

Das ist kein Problem, ich bin nicht der Fleischtiger. Ohne Zucker ginge dafür nicht. An der Herbstmesse muss es unbedingt Zuckerwatte sein, auch Marzipanhärdepfel. Und «Magemorselle». Die Herbstmesse markiert immer noch ein Highlight in meiner Agenda.

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