Die Industriellen Werke Basel (IWB) werden die Geothermie-Geister, die sie gerufen haben, nicht mehr los. Nachdem es jahrelang praktisch ruhig blieb, wurden in den letzten Monaten im Umkreis des Bohrlochs in Kleinhüningen vermehrt Mikroerdbeben registriert, zuletzt rund 100 pro Monat. Das höchste solche Ereignis hatte eine Magnitude von 1,9 – für Menschen spürbar sind Erdbeben meist erst ab einer Stärke von 2,5. Trotzdem: Die Mini-Erschütterungen sind ein Warnsignal. «Eine solche Häufung bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit eines grösseren Erdbebens steigt», sagt Stefan Wiemer, Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes (SED) und Professor für Seismologie.

Der SED überwacht das Bohrloch seit 2012. Das Geothermie-Projekt Deep Heat Mining war 2009 definitiv beerdigt worden, nachdem eine Reihe Erdbeben die Region erschüttert hatte. Das stärkste im Dezember 2006 hatte eine Magnitude von 3,4. Ausgelöst wurden die Beben durch das sogenannte «Klüften». Dabei wurde Wasser mit hohem Druck 5000 Meter unter die Erde gepumpt. Damit sollte der Fels durchlässig gemacht werden.

In der Tiefe hätte sich das Wasser auf 160 bis 200 Grad erhitzt und so zur Energiegewinnung eingesetzt werden können. Geplant war, dass die Anlage dereinst sechs Megawatt Strom und 17 Megawatt Wärme liefert. Dies entspricht dem Bedarf an elektrischer Energie von rund 10 000 Haushalten und dem Wärmebedarf von 2 700 Haushalten. Dass beim Klüften solch starke Erdbeben ausgelöst wurden, überraschte auch Fachleute.

«Wie eine Flasche Sprudel»

Nach dem Aus für das Geothermie-Projekt liessen die IWB, welche als Rechtsnachfolger der Geopower Basel AG und als Grundstückeigentümer für die alte Anlage verantwortlich sind, das Bohrloch mehrere Jahre offen. In dieser Zeit sprudelte rund ein Drittel des Wassers wieder aus dem Bohrloch. Gleichzeitig nahm die Bewegungen im Untergrund merklich ab. Seit das Bohrloch vor sechs Jahren verschlossen wurde, steigt der Druck unter der Erde wieder an.

Beim Bohrloch selber beträgt der Druck mittlerweile acht Bar. Mit zunehmender Tiefe steigt er entsprechend an. Zum Vergleich: Der Druck in einem Autoreifen beträgt ungefähr 3,5 Bar.
Fachleute hatten mit dem Druckanstieg gerechnet: «Im Gestein bestand noch ein Überdruck», sagt Wiemer. «Solche seismischen Vorgänge können sich über Jahre hinziehen.»

Die Verantwortlichen bei den IWB und der Verwaltung haben deshalb entschieden, das Bohrlich zu öffnen und kontrolliert Druck ablassen. «Man kann sich das vorstellen, wie bei einer grossen Flasche Sprudelwasser», sagt Wiemer. Es sei wichtig, den Vorgang langsam abzuwickeln um schnelle Druckänderungen zu vermeiden. Im Gegensatz zu Deep Heat Mining, welches in vielerlei Hinsicht ein Pilotprojekt darstellte, können die Verantwortlichen bei der geplanten Öffnung des Bohrlochs auf eine grosse Erfahrung aus der Öl- und Gasindustrie zurückgreifen.

Gefahr für Erdbeben nimmt ab

Die Öffnung soll noch vor den Sommerferien erfolgen. Zuerst wird allerdings noch das Bohrloch, welches einen Durchmesser von rund einem halben Meter hat, untersucht. Zur Zeit erarbeiten die IWB mit externer Fachunterstützung das technische Konzept. Unklar ist auch noch, was die Massnahme die IWB kosten wird. Vom eigentlichen Vorgang dürfte die Bevölkerung von der Öffnung nicht viel mitbekommen.

«Wenn das Bohrloch geöffnet ist, werden Wasser und wenige Gase austreten», sagt Lars Knuchel von den IWB. Aufgrund der früheren Erfahrungen rechnen die Fachleute hauptsächlich mit mineralisiertem Wasser sowie mit Stickstoff.

Mit der Massnahme sollte sich die Wahrscheinlichkeit eines grösseren Erdbebens verringern. Die Experten schliessen aber nicht aus, dass auch nach der Öffnung des Bohrlochs in den nächsten Jahren ein spürbares Erdbeben auftreten kann, wobei nach heutiger Einschätzung Schadensbeben unwahrscheinlich bleiben.

Die Experten planen, das Bohrloch anschliessend noch für einige Zeit geöffnet zu lassen und die weitere Entwicklung zu beobachten. «Wenn alles gut läuft, kann man es dann in fünf bis zehn Jahren definitiv mit Betonpropfen verschliessen», sagt Wiemer.