Das perfekte Spiel war es nicht. Dafür hätte es einen anderen Gegner gebraucht, einen richtigen. Und dafür lief es dem FC Basel an diesem 30. Oktober 1966 fast zu gut. In der 4. Minute fiel das 1:0, in der 15. Minute das 2:0, und spätestens nach Peter Wengers Schuss zum 3:0 in der 30. Minute war die Partie gegen Liganeuling Moutier entschieden. Sie endete mit 10:0 – dem höchsten Sieg in der Geschichte des Vereins.

Ein ganz besonderes Ereignis war dieser 30. Oktober für einen Bub, der den FCB Jahre später prägen sollte: Der neunjährige Bernhard Burgener war ausgerechnet bei diesem historischen Sieg zum ersten Mal im Stadion. Was für ein Erlebnis! Erst recht nach dem Spiel, als es dem kleinen Bernhard gelang, zum grossen Odermatt vorzustossen und ihm folgende Worte zuzuraunen: «Karli, du warst der Beste.»

Fünfundzwanzig Jahre später lernten sich die beiden näher kennen. Burgener als Marketingchef des FCB und Odermatt als Spendensammler für den maroden Club, der Ende der 1980er-Jahre in die Nationalliga B abgestürzt war. Es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden Männern, zwischen dem Fan und seinem Idol.

Wer gehört zu uns?

Der kleine Bernhard und der grosse Odermatt – die Geschichte dauerte an. Bis zum Zeitpunkt, als der kleine Bub von damals – inzwischen erfolgreicher Filmunternehmer – im Juni 2017 zum neuen Präsidenten des FC Basel gewählt wurde. Bei der Präsentation seines Konzepts ging es um Businesspläne und Renditen und langfristige «Investments». Und gleichzeitig auch um Nostalgie. Um Schwärmerei.

Als Romantiker wollte Burgener wieder mehr «richtige» FCB-Spieler auf dem Platz sehen, «Basler Idole» – und weniger Ausländer. Wie in den guten alten Zeiten. Eine Mannschaft also fast so wie damals gegen Moutier, als neben zwei Deutschen aus der direkten Nachbarschaft neun Schweizer auf dem Platz standen, mehrere von ihnen aus der Region Basel stammend. Odermatt erklärte das neue Konzept darum so: «Rund um den FC Basel braucht es wieder mehr Begeisterung und mehr Identifikation.»

Nun ist es aber so eine Sache mit der Identifikation. Auch Odermatt muss zugeben, dass es eine Reihe von Spielern gibt, die in Basel geradezu verehrt werden, obwohl sie mehrere tausend Kilometer entfernt gross geworden sind und erst im Lauf ihrer Karriere hierherkamen. «Das sind eben ganz besondere Typen. Wer so auftritt und spielt wie etwa Delgado, Ergić oder Costanzo, der wird zu einem von uns», sagt Odermatt. Am liebsten gar nichts mehr sagen möchte er in diesem Zusammenhang allerdings über Ivan Rakitić, den Star des FC Barcelona, der in der Region aufwuchs, dann aber nicht für die schweizerische, sondern für die kroatische Nationalmannschaft spielte. Darum ist er in den Augen von Karl Odermatt offenbar kein richtiger Schweizer mehr.

Es ist eben kompliziert geworden in einer immer globalisierteren Welt. Dabei war es im Fussball schon immer so, auch als die Welt noch etwas kleiner schien. Der Sport war von Anfang an international ausgerichtet. Ende des 19. Jahrhunderts kam das Spiel von England nach Mitteleuropa und damit in die Schweiz. Von hier aus ging es weiter, unter anderem nach Italien und Spanien, wo Schweizer an der Gründung einer ganzen Reihe von Clubs beteiligt waren.

So international wie der Fussball als Ganzes waren auch einige Clubs ausgerichtet. Der FCB zum Beispiel. In den 1900er-Jahren über legte sich der Verein sogar den Ausstieg aus der nationalen Meisterschaft. Der FCB machte damals viele internationale Freundschaftsspiele, wurde oft eingeladen, hatte das gute Image eines ‹Reiseclubs›, der seine Stadt repräsentierte. Die FCB-Akteure hofften, von den besser eingestuften deutschen und englischen Sparringteams zu lernen, zu profitieren. Die Meisterschaftsresultate wurden aber nicht besser.

Ein Engländer hilft

Die vielen Reisen, die Freundschaftsspiele in fremden Ländern waren nicht das Einzige, in dem sich der FCB international gab. So war unter den Gründungsmitgliedern mit Josef Ebinger auch ein sechzehnjähriger Elsässer. Zwischen 1893 und 1900 gab es noch sechs weitere ausländische Aktivmitglieder, alles Gymnasiasten aus England. Und als zweiter Schweizer Club überhaupt stellte der FCB im Jahr 1913 einen Ausländer als Trainer an: den Engländer Percy Humphreys.

Bereits einige Jahre zuvor wurde Josy Goldschmidt im Club aufgenommen. So wie Walther Bensemann, legendärer Fussballpionier in Deutschland, der einige Spiele für den FCB machte, oder Ivo Schricker, der später der erste hauptamtliche Generalsekretär der Fifa werden sollte. Goldschmidt, Bensemann und Schricker waren Deutsche, und das verband sie mit Tausenden anderen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Basel lebten. Um die Jahrhundertwende hatte Basel erstmals die Marke von hunderttausend Einwohnern überschritten und war damit nach Zürich statistisch die zweite Grossstadt des Landes geworden.

Getrieben wurde das Bevölkerungswachstum von der Zuwanderung. Als Grenzkanton zog Basel-Stadt immer schon viele Ausländer an. Zwischen 1880 und 1914 machten sie einen Drittel der Bevölkerung aus – ein Anteil, der in der Schweiz unübertroffen war. Der freie Personenverkehr, den das gegenwärtige Europa kennt, war damals schon Realität. Bis zum Ersten Weltkrieg. Bei Kriegsausbruch 1914 sank die Zahl der Ausländer allein dadurch, dass viele Wehrpflichtige die Schweiz verliessen, um für die Armeen ihrer Heimatländer in den Krieg zu ziehen. Gleichzeitig wurde die Zuwanderung erheblich erschwert.

Trotzdem dauerte es nicht lange, bis der FCB erneut einen ausländischen Profi verpflichtete, einen Mann aus Ungarn, ein eigentlicher Startransfer. Alfréd Schaffer kam vom MTK Budapest in die Schweiz, wahrscheinlich aus politischen Gründen, war Nationalspieler und galt als aufregendster Spieler seiner Zeit. Er sei ein «wandelndes Gestirn am europäischen Fussballhimmel», hiess es damals in einer Wiener Zeitung über ihn, den «ersten Fussballkönig der Welt».

1920 kam Schaffer nach Basel, zwei Jahre nach Kriegsende, und im gleichen Jahr stiessen zwei weitere Ausländer dazu: Die Brüder Gustav und Karl Putzendopler aus Österreich kamen von Rapid Wien nach Basel. Trotz der Verstärkung durch die ausländischen Nationalspieler stieg Basel in diesem Jahr allerdings beinahe ab.

Trotzdem blieb der FCB den ausländischen Spielern treu. 1930 nahm der Club gleich mehrere Ausländer unter Vertrag, darunter einen Spieler mit dem Nachnamen Fisher, Nationalität laut Vereinsarchiv: «Siamese.» Es war die erste ‹internationale› Mannschaft: Für den FCB spielten in der Saison 1930/31 neben dem Mann aus Siam ein Pole, zwei Deutsche, ein Franzose, ein Norweger und ein Österreicher.

Spieler von ausserhalb Europas blieben für Jahrzehnte die Ausnahme, die meisten stammten aus dem grenznahen Ausland, vor allem aus Deutschland. Darin ähnelte der Verein seiner Stadt: Die meisten Ausländer kamen bis zum Ersten Weltkrieg aus Deutschland und Frankreich, und dort wiederum aus Südbaden und aus dem Elsass – Gegenden, die sprachlich, kulturell und historisch schon lange Teil der Region Basel waren.

Zum festen Bestandteil der Mannschaft wurden die Ausländer in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Drei Namen stehen für die grössere Aufmerksamkeit, die mit den Zuzügern verbunden war: Helmut Benthaus stiess 1965 zum Verein, Ottmar Hitzfeld 1971, und kurz darauf verpflichtete man mit Teófilo Cubillas den ersten Spieler aus Südamerika, in seinen besten Zeiten bekannt als ‹Pelé von Peru›. Längst nicht alle Ausländer setzten sich durch, viele waren durchschnittlich, manche miserabel, aber immer mehr wurden sie zur Normalität in einem Verein, der Teil war einer Stadt, in der sich in der Nachkriegszeit jedes Jahr mehr Ausländer niederliessen. Der Zustrom begann 1948 mit einem Abkommen über die Rekrutierung von Arbeitern, das die Schweiz mit Italien schloss. Zwar wollte man die Saisonniers nach ihrem Arbeitseinsatz ursprünglich wieder loswerden, aber zunehmend zeigte sich, dass dies nicht gehen würde.

Die Fussball-Secondos

Neben den Italienern und Spaniern waren es ab den 1980er-Jahren zunehmend Menschen aus Ex-Jugoslawien und der Türkei, die nach Basel kamen. Das Bild änderte sich erneut, nachdem die Schweizer Stimmbürger im Jahr 2000 die bilateralen Verträge mit der EU angenommen hatten. Damit öffnete die Schweiz ihren Arbeitsmarkt für Zuwanderer aus den EU-Staaten – und sie kamen zu Tausenden.

Beim FCB nahmen nicht nur die Spieler mit EU-Pässen zu. 1990 war mit Miodrag Đurđević der erste Jugoslawe gekommen; in den darauffolgenden Jahren nahm der FCB mit Admir Smajić, Samir Tabaković und Asif Šarić drei Bosnier unter Vertrag. 1995 folgten mit dem Ghanaer Alex Nyarko und dem Nigerianer Gabriel Okolosi die ersten afrikanischen Spieler. Neben Deutschen verpflichtete man nun immer öfter Tschechen, Russen, Brasilianer, Türken und Südafrikaner. Die Globalisierung von Wirtschaft und Politik bedeutete auch die Globalisierung des Fussballs – und der FCB war ein Teil dieser Entwicklung. Sie zeigte sich auch darin, dass in den Mannschaften zunehmend Spieler auftauchten, die zwar den Schweizer Pass hatten, aber ausländische Namen trugen – die Söhne jener Einwanderer, die in den 1980er- und 1990er-Jahren nach Basel gekommen waren.

In den 2010er-Jahren hatten viele Schweizer Proficlubs Albaner in ihren Reihen. So auch der FCB mit den in der Region Basel aufgewachsenen Xherdan Shaqiri, den Gebrüdern Taulant und Granit Xhaka sowie Arlind, Adonis und Albian Ajeti. Sie alle sind Kinder von Familien, die während des Balkankriegs in die Schweiz geflohen sind. Sie sind zwischen zwei Heimaten hin- und hergerissen – und stehen unter besonderer Beobachtung. So erfolgreich der Fussball viele Ausländerkinder integriert hat – die Loyalitätsfrage bleibt kompliziert. Fussballer wie Taulant oder Granit Xhaka müssen immer etwas mehr tun, müssen mehr beweisen. Die Frage, ob sie nun ‹echte Schweizer› oder ‹echte Albaner› sind, ist stets präsent – wie man bei der Doppeladler-Affäre an der WM in Russland exemplarisch sah.

Die Brüder Xhaka waren nicht die Ersten, die in ihrem Fussballerleben wegen ihrer Herkunft mit Fragen der Loyalität konfrontiert wurden. Bei Murat und Hakan Yakin war der gleiche Prozess zu beobachten: Aus Ausländerkindern wurden Fussballstars und Schlüsselspieler in der Nationalmannschaft. Aber: Das Stigma der ausländischen Herkunft blieb an ihnen haften.

Während die Söhne von Emine Yakin 2002 massgeblich zum ersten Meistertitel des FCB seit zweiundzwanzig Jahren beitrugen, zur erstmaligen Qualifikation für die Champions League und zu europäischen Höhenflügen, ärgerte sich die Mutter darüber, dass ihr Einbürgerungsgesuch in Münchenstein abgelehnt wurde. Als sich Murat Yakin 2012, Jahre später und längst eingebürgert, öffentlich gegen die «unverschämte und despektierliche» Bezeichnung ‹Schweiz-Türke› zur Wehr setzte, stellte er – zitiert in der NZZ – resigniert fest: «Man gönnt uns den Erfolg nicht. Neid spielt mit. Wir sind nach wie vor nicht angekommen, nicht integriert.»

Wer gehört dazu?

Es ist offensichtlich: Redet man über ausländische Spieler beim FC Basel, redet man immer über zwei unterschiedliche Kategorien. Da sind zum einen die «ausländischen Schweizer» aus zweiter oder dritter Generation, Ausländer dem Namen und der Herkunft nach – und Ausländer in den Augen jener, die ein grundsätzliches Problem mit der Migration haben. Und da sind die anderen, die eingekauften Spitzenspieler aus aller Welt, eingeflogen, um den FC Basel besser zu machen. Der FCB bildet beide Realitäten ab: Die sich verändernde Bevölkerungszusammensetzung und die Globalisierungstendenzen, die seit der Nachkriegszeit immer stärker spürbar wurden.

Darum ist die Frage, wer wirklich dazugehört, stets eine grosse Frage beim FC Basel geblieben – nicht zuletzt für das Marketing. Wie anders ist es zu erklären, dass die Führungsriege rund um Bernhard Burgener um jeden Preis «Basler Spieler» will und die Losung «Basel bleibt Basel!» ausrief, als ob die Stadt bedroht wäre?

Es ist die Gegenbewegung zur Globalisierung, zu all den Migrationsbewegungen, die eine Stadt und ein Land verändern. Es ist eine Gegenbewegung, die nicht nur im Sport auszumachen ist. In einer Welt, die immer vernetzter und diverser wird, wünschen sich manche Einfachheit und Verlässlichkeit zurück. Mehr Schweizerdeutsch oder, noch besser, mehr Baseldeutsch. Kann nicht wenigstens das eigene Fussballteam so bleiben, wie es – vermeintlich! – schon immer war? Vielleicht so wie in Moutier? Als man die Namen der eigenen Spieler noch aussprechen konnte?

Es ist die Reaktion auf eine Entwicklung, die schon über hundert Jahre andauert. Das hat weniger mit Fussball und mehr mit der Migrationsgeschichte der Schweiz zu tun. Schon immer war die Schweiz ein Migrationsland, schon immer war Basel eine Migrationsstadt. Die Ströme von jenen Menschen aus dem Ausland, die ihr Glück hier suchten, bildeten sich im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts auch immer in der ersten Mannschaft des FC Basel ab.
Die vielen Deutschen und Franzosen vor dem Ersten Weltkrieg, später die Menschen aus der Türkei, aus den Ländern Ex-Jugoslawien. Ausländerinnen und Ausländer sind eine Realität. Neben dem Feld waren sie es schon immer, auf dem Feld sind sie es schon lange. Sie sind da. Genau wie all die Leute, die das gerne anders hätten.

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Die Autoren Michael Rockenbach, Claudio Miozzari, Thilo Mangold und Philipp Loser laden am Freitag, 18 Uhr auf dem Landhof zur Vernissage. Die Buchpräsentation findet am 25. September, 19.30 Uhr bei Orell Füssli in Basel statt.