Es ist eine der dunkelsten Stunden im Schweizer Fussball. Es ist der Moment, den viele FCB-Fans aus ihrem Gedächtnis verbannt haben. Es ist die Schande von Basel.

13. Mai 2006. Finalissima. Der Höhepunkt der Saison. Im St. Jakob-Park läuft bereits die 93. Minute. Spielstand 1:1. Das reicht. Der FC Basel hat schon eine Hand am Meisterpokal. Dann noch ein letzter Einwurf für den FC Zürich. Schiedsrichter, viel zu weit vorne! Florian Stahel bringt den Ball gerade noch zur Mitte – zu FCZ-Verteidiger Iulian Filipescu. Der Ball zappelt im Netz. Neeeein! Alles verloren. Kollektive Schockstarre. Schlusspfiff.

Krawalle nach der Finalissima gegen den FC Zürich

Krawalle nach der Finalissima gegen den FC Zürich

    

Taktischer Fehler der Polizei

Dann bricht die Hölle los. Hunderte Fans stürmen von der Muttenzerkurve auf den Rasen, attackieren Spieler, werfen Petarden. Die Sicherheitskräfte sind im ersten Moment heillos überfordert. Mit Schutzschild und Helm stehen die meisten Polizisten vor dem Gästesektor mit den 544 Zürcher Fans. Ein taktischer Fehler. Endlich bezieht sie Stellung, versucht, die gewaltbereiten FCB-Anhänger zurückzudrängen. Gummischrot, Tränengas kommen zum Einsatz. Die Situation ist längst ausser Kontrolle.

Die FCZ-Torschützen Alhassane Keita und Iulian Filipescu werden quer über das Feld gejagt, versuchen, sich mit Tritten zu wehren. Spieler beider Mannschaften flüchten in die Katakomben. Andere müssen sich auf die Pressetribüne retten – alles live vom Fernsehen übertragen und danach selbst von CNN in die Welt hinausgestrahlt. Die Zuschauer in den übrigen Sektoren schauen ungläubig zu. Kaum einer kann begreifen, was sich hier vor ihm abspielt.

Auch auf den Zuschauerrängen kommt es zu wüsten Schlägereien. Mit Stühlen, Fahnenstangen und blossen Fäusten prügeln die Chaoten aufeinander ein. Die Polizei wirkt weiterhin überfordert. Sie weiss nicht, auf wen sie mit ihrem Gummischrot schiessen soll. Die Randalierer bleiben ungehindert. Ungehemmt.

Die Pokalübergabe an den FC Zürich kann nicht in würdigem Rahmen stattfinden. Die Zeremonie muss auf die Tribüne verlegt werden. Als FCZ-Präsident Sven Hotz den Meisterkübel in die Höhe stemmt, spielen sich unten auf dem Rasen immer noch wüste Szenen ab.

Sven Hotz mit dem Pokal

Sven Hotz mit dem Pokal

Auch ausserhalb des Stadions kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Hinter der Muttenzerkurve demolieren Basler Fans Fernsehwagen und drängen via St. Jakob-Strasse in Richtung Zürcher Anhänger.

Die heftigen Krawalle gingen rund ums Stadion weiter.

Die heftigen Krawalle gingen rund ums Stadion weiter.

Rund 300 Randalierer bewerfen Polizisten mit Steinen, Bierflaschen und Petarden. Mit einer Sperre kann ein Grossaufgebot der Polizei die Fan-Gruppen auseinanderhalten. Die Zürcher können Richtung SBB-Geleise fliehen. Sie können unbehelligt die Heimreise im Sonderzug antreten. Kaputte Bänke, umgedrehte Autos, Bierfässer, Glasscherben, brennende Abfallkübel, Trümmerteile. Die Strassen rund ums Stadion gleichen einem Schlachtfeld. «Die wahren Fans trauten sich nicht mehr aus dem Stadion», sagt ein Polizeisprecher.

Panische Flucht

Es hört nicht mehr auf zu regnen. Auf der Terrasse vor dem Stadion sammelt sich eine Menschenmenge an. Nicht alle Zuschauer konnten das Joggeli rechtzeitig verlassen. Jetzt ist der Heimweg abgeschnitten. Auch von hier fliegen Festbänke, Flaschen, Bierfässer. Die Polizei reagiert mit Tränengas.

Panisch flüchten Hunderte ins Stadion. Es ist im Moment der sicherste Ort. Erst nach vier Stunden hat die Polizei die Situation rund um den St. Jakob-Park unter Kontrolle. Nach 21 Uhr gibt der Stadionsprecher Entwarnung und bittet die Menschen, das Stadion zu verlassen.

Tränengaswolken liegen über dem Quartier. Die Scharmützel dehnen sich in Richtung Innenstadt aus. Bis in die Nacht hinein geht die Polizei gegen Randalierer vor. Mehrere Personen müssen verletzt ins Spital eingeliefert werden. Dutzende Hooligans werden festgenommen. Die Krawalle lassen 115 Verletzte und einen Sachschaden von mehr als 400’000 Franken zurück.

Roberto Zalunardo, Polizeichef der Basler Kantonspolizei, und Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass beantworten Fragen zu den Krawallen vom 13. Mai.

Roberto Zalunardo, Polizeichef der Basler Kantonspolizei, und Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass beantworten Fragen zu den Krawallen vom 13. Mai.

Am Tag danach verteidigt die Polizei ihr Vorgehen. Sie habe vorzügliche Arbeit geleistet, findet FDP-Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass. Und: «Es hätte viel schlimmer kommen können.»