«Der letzte Lefkovits, Ivan, das bin ich.» Beim Blick auf seinen Familien-Stammbaum wird die Stimme des Immunologen, der seit 1969 in Basel wohnt, leise. Ivan Lefkovits musste Unfassbares erleiden. 1937 kommt der Sohn eines Zahnarztes und einer Apothekerin im slowakischen Prešov auf die Welt. Sein älterer Bruder Paul ist zu diesem Zeitpunkte sechs Jahre alt. Weil seine Eltern als wirtschaftlich wertvoll gelten, ist die Familie zunächst geschützt. 1944 planen die Lefkovits’ dennoch die Flucht nach Ungarn. Keine gute Entscheidung, denn Budapest wird kurz danach von deutschen Truppen besetzt. Anders als seinem Vater gelingt Ivan Lefkovits die Flucht zurück zu seiner Mutter und seinem Bruder nach Prešov.

Im Herbst 1944 wird die Familie verraten, von der Gestapo entdeckt, verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. Weil Paul schon 14 ist, muss er ins Männerlager und wird von Ivan und Mama Elisabeth getrennt. «Davon hat sich meine Mutter nie erholt. Wir haben Paul nie mehr gesehen», sagt Lefkovits. Erst Jahrzehnte später erfährt er, dass sein Bruder in den Gaskammern der Nazis umgekommen ist.

In der Folge beschützt die Mutter ihren einzig verbliebenen Sohn umso mehr. Die Extraportion Suppe, die Elisabeth Lefkovits für ihre freiwilligen Arbeiten im Aussenkommando erhält, gibt sie direkt an Ivan weiter. Zudem bringt sie ihm stundenlang lesen, rechnen und – wenn ein Bleistift zur Hand war - auch schreiben bei. «Meine Mutter hat gesagt: ‹Das wirst du in deinem Leben noch brauchen.› Das war magisch. Das hiess, du wirst überleben», sagt Lefkovits.

Überall bleiben Leichen liegen

Weil das Frauenlager Ravensbrück sukzessive aufgelöst wird, werden auch Ivan und Elisabeth wieder deportiert. Die beiden kommen nach Bergen-Belsen. Was Lefkovits dort sehen muss, vergisst er bis heute nicht. Rechts und links neben dem Weg liegen Leichen. «Die toten Körper waren einfach liegengelassen worden. Die Hoffnung zu überleben schwand beim Anblick dieser Bilder», sagt Lefkovits. Die SS stellt Kommandos auf, welche die Leichenberge aufräumen sollen. Doch weil viele der Insassen sehr schwach sind, sterben einige noch während der Arbeit und werden auf makaberste Art und Weise Teil der Leichenhaufen. Weil auch in den Betten Tote liegen bleiben, wird die Lage in den Baracken täglich schlimmer. «Es kam vor, dass Exkremente aus den oberen Betten auf uns runter fielen», sagt Lefkovits.

Am 4. April 1945, elf Tage vor der Befreiung, geben die Deutschen das Lager auf. Nicht aber, ohne vorher die Wasserversorgung zu sprengen. Tausende Gefangene werden zurückgelassen. Lefkovits’ Baracke liegt in der Nähe eines Feuerlöschbeckens. Doch auch darin schwimmen Leichen und Exkremente. «Es wurde gesagt, dass man stirbt, wenn man daraus trinkt», sagt Lefkovits. Auch die Mutter weist den Jungen an, nicht wie einige andere, die dem Durst nicht mehr widerstehen können, aus dem Feuerlöschbecken zu trinken. Mit Recht. Wer aus dem Becken trank, starb wenig später.

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Kein Hass mehr auf Deutschland

Obwohl er während der kompletten elf Tage, bis die Briten das Lager befreiten, nichts trinkt, überlebt der Junge wie auch seine Mutter. Dank einiger stärkerer Gefangenen, die es schaffen, über den Zaun zu klettern und Kartoffeln zurück zum Lager zu bringen. Levkovits ist zu schwach zum Essen, presst sich aber die Kartoffelschalen auf die Lippen und nimmt so immerhin etwas Feuchtigkeit auf. Das reicht, um die elf Tage im verwaisten Lager bis zur Rettung zu überstehen. Am 15. April fahren die Briten in Bergen-Belsen ein. Lefkovits und seine Mutter schreien vor Freude. Das Elend hat ein Ende. Doch es dauert zwei weitere Tage, bis die Insassen zu Trinkwasser und Essen kommen. «Die Briten waren nach der Ankunft zu schockiert, um sofort zu handeln», sagt Lefkovits.

Die Deutschen hasst Lefkovits trotz all dieser Erlebnisse nicht. «Als wir, nachdem alles vorbei war, zurück in die Slowakei fuhren, sahen wir, wie zerstört alles war. Wir waren glücklich und zufrieden, dass Deutschland kaputt ist. Da brauchte ich sie nicht mehr zu hassen.»