Geburtstag

140 Jahre Herzog & de Meuron: Eine kritische Würdigung der zwei Basler Architektur-Giganten

Nebst vielen internationalen Projekten haben die beiden Basler Architekten vor allem auch ihre Heimat Basel geprägt.

Nebst vielen internationalen Projekten haben die beiden Basler Architekten vor allem auch ihre Heimat Basel geprägt.

Die zwei Basler Architekten werden 70 Jahre alt. Sie drücken der Stadt ihren Stempel auf. Eine Hommage.

Die Klage, sie seien die Propheten im eigenen Land – global gefeiert, lokal geschmäht –, führten sie, bis sie selbst nicht mehr daran glauben konnten: Die Basler Pierre de Meuron und Jacques Herzog gehören zur internationalen Elite der Architekten mit stilbildenden Arbeiten in vielen Metropolen. Doch die Weltbürger haben keine Stadt nachhaltiger geprägt als ihre Heimat.

Im Kleinbasel sind sie aufgewachsen und zur Schule gegangen. An der ETH Zürich haben sie Architektur studiert. Vor 42 Jahren gründeten sie in Basel ihr Büro. Nun werden sie 70-jährig; Jacques Herzog am 19. April, Pierre de Meuron am 8. Mai.

Zur richtigen Zeit aufhören, war ein Plan, den das Architektenpaar vor gut zehn Jahren entworfen hatte. Die Firmengruppe, die mehrere hundert Mitarbeiter auf mehreren Kontinenten zählt, sollte Schritt für Schritt den Partnern übergeben werden; sie selbst wollten sich auf das Wesentliche und Schöne zurückziehen. Doch Architekten zeichnen auch Pläne, die nicht, verspätet oder ganz anders realisiert werden; dieser gehört dazu. Unvermindert prägen die Herren die Arbeit ihres Büros. Und wenn sie nicht umherjetten und als Impulsgeber die Auftragsprojekte vorantreiben, investieren sie in der Region auf eigene Rechnung. Sei es, dass sie Liegenschaften erwerben, sei es, dass sie im Life-Science-Cluster in Allschwil ein multifunktionales Geschäftshaus hochziehen.

Der Anspruch an eine neue Massstäblichkeit

Was sie sich in den Kopf gesetzt hatten, darauf arbeiten sie beharrlich hin. «Eine Stadt im Werden» lautete eine Studie, die sie 1991 im Auftrag des damals prospektiv ausgerichteten Basler Gewerbeverbandes verfassten. Herzog und de Meuron entwarfen darin «die Stadt entlang des Rheins» und «die Stadt entlang des Gleisfeldes». Sie benannten frühzeitig die zentralen Achsen der Entwicklung. Programmatisch ist die Schrift nicht nur wegen des Weitblicks, sondern auch als Beleg, wie sie konkretes Bauen als Umsetzung einer grösseren Konzeptidee verstehen. Studien und Masterpläne aus ihrer Feder sind so wichtig wie die Gebäude selbst.

Natürlich sind ihnen die Aufträge anfänglich nicht einfach zugeflogen. Doch gerade in der Region hatten sie frühe Förderer, allen voran die Laufner Ricola-Familie Richterich, deren Hausarchitekten sie wurden. Mit dem kupfernen Schaltwerk der SBB setzten sie Anfang der 90er-Jahre in der Stadt ihren ersten, auch umstrittenen Akzent. Nie haben sie sich aber weniger verstanden gesehen als bei der Planung eines Multiplex-Kinos auf der Heuwaage kurz vor der Jahrtausendwende. Ihren Bau wollten sie als Scharnier zwischen der Innenstadt und einer Birsig-Parklandschaft verstanden wissen. Zu besserwisserisch war aber ihr öffentliches Auftreten, um verstanden zu werden.

Vielleicht war es nicht zuletzt der Tritt vor der eigenen Haustür, der die internationale Karriere richtig beflügelt hat. Was die Architekten davon nach Basel zurückgetragen haben, ist eine neue Massstäblichkeit. Lange war die mittelalterliche Stadtanlage das überschaubare Mass ihrer Planung. Klaglos akzeptierten sie noch, als das Hochhaus neben dem Fussballstadion St. Jakob-Park vom Bauherrn derart zusammengekürzt wurde, dass es diese Bezeichnung kaum mehr verdient.

Mit der MCH Group und dem Roche-Konzern haben Herzog und de Meuron aber ausgerechnet im Quartier, in dem sie aufgewachsen sind, zwei Bauherren gefunden, mit denen sie die bisherigen Dimensionen sprengen konnten. Das Messezentrum hat alle bisherigen Volumenvorstellungen übertroffen und mit dem Pharmakonzern, dessen Grossaktionäre Oeri schon längst mit ihnen bauten, setzten sie neue Massstäbe in der Höhe.

Die Konzepte haben sich realisiert

«Die Stadt entlang des Rheins» war eine der Maximen; rheinaufwärts mit dem Roche-Turm, der bald nicht mehr alleine steht, und rheinabwärts mit dem Eckgebäude des Novartis-Campus haben Herzog & de Meuron knapp dreissig Jahre später die Bauten dazugesetzt. «Die Stadt entlang des Gleisfeldes», ihre zweite Maxime, wird auch ihre Handschrift tragen. Das Meret-Oppenheim-Hochhaus erzählt weitherum, wo der Bahnhof, das Frequenz-Herz der Stadt, liegt. Die geplanten Wohntürme beim Dreispitz werden von weit signalisieren, wo die Stadt ihren Anfang nimmt.

An Herzog & de Meuron ist in Basel kein Vorbeikommen mehr. Weniges von ihnen wurde nicht gebaut. Etwa eine turmartige Erweiterung des Kunstmuseums. Dafür konnten Jahre später ihre Schüler Christ + Gantenbein einen Erweiterungsbau realisieren. Oder ihren Entwurf für ein futuristisches, neues Stadtcasino. Dafür sanieren sie nun selbst in klassizistischer Anlehnung das Konzerthaus. Oder den Neubau des Klinikums 2. Dafür hat das Büro den Zuschlag erhalten, am anderen Ende des Klinikareals einen noch prägenderen Spitalbau zu errichten.

Jacques Herzog und Pierre de Meuron sind nicht mehr wegzudenken. Auch sollten sie ihren Plan noch realisieren und allmählich kürzertreten, so ist die Stadt doch weiterhin in ihrem Sinn im Werden.

Autor

Christian Mensch

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