Twitter

140 Zeichen, die die Welt bedeuten – mittlerweile auch in Basel

Gerade mal 140 Zeichen inklusive Leerschläge hat der User auf Twitter für seine Mitteilung zur Verfügung. Trotzdem ist die Social-Media-Plattform auf dem Vormarsch und aus Basel nicht mehr wegzudenken – aber warum eigentlich?

Diesen Artikel in 140 Zeichen inklusive Leerschläge erzählen? Unmöglich. Auf der Social-Media-Plattform Twitter (auf Deutsch: Gezwitscher) hat man aber nur gerade maximal so viele Zeichen zur Verfügung, um seine Meinung kundzutun. Trotzdem ist Twitter unaufhaltsam auf dem Vormarsch und mittlerweile auch nicht mehr aus der Region Basel wegzudenken.

Bei den Wahlen am 28. Oktober wurden die Twitter-Nutzer von der Basler Staatskanzlei dazu aufgefordert, ihren Kommentar unter dem Stichwort – oder «Hashtag», wie das Stichwortsymbol «#» auf Twitter heisst – «#wahlenBS» abzugeben. Bis am Sonntagabend nach den Wahlen wurden laut Vize-Staatsschreiber Marco Greiner über 660 sogenannte Tweets dazu versandt. Der Berner Politikberater Mark Balsiger verglich die Twitter-Aktivitäten der Basler Wahlen mit denjenigen aus dem Aargau eine Woche zuvor und kam – selbstverständlich via Twitter – zum Schluss: «Vergleich: #wahlenBS schlägt #ag12 vor Wochenfrist um eine Lichtmeile. Vermutlich sind die Basler einfach Twitter- und Hashtag-affiner».

Schweiz: Fast 100000 Nutzer

Twitter wurde 2006 in Kalifornien gegründet, wo es heute noch domiziliert ist. Das Prinzip der Echtzeit-Plattform ist einfach. Als Benutzer loggt man sich ein und kann fortan sogenannte «Tweets» versenden – selbstverständlich nur mit 140 Zeichen. Sehen können diese Tweets diejenigen Twitter-Benutzer, die einem folgen. Der Benutzer selbst kann ebenfalls den Twitterern folgen, die ihn interessieren. Anders als etwa bei Facebook – der erfolgreichsten Social-Media-Plattform – gibt es wenig Möglichkeiten, sein Profil zu individualisieren oder anderen Inhalt zu teilen als eben die berühmten 140 Zeichen.

Eine Frage wird immer wieder gestellt: «Wozu?» In der Twitter-Gemeinde kursiert deshalb das Bonmot: «Twitter einem Facebook-Nutzer zu erklären, ist wie Facebook einem Nicht-Internet-Nutzer zu erklären: Man versteht es nicht, wenn man es nicht kennt.» Twitter dient dem Meinungsaustausch. Es hat sich als Ansichts- und Informationsplattform etabliert. Politikberater Balsiger: «Facebook hat in der Schweiz die 3-Millionen-Grenze geknackt. Twitter hat hingegen zwischen 90000 und 100000 Benutzer.»

Trotz dieses enormen Rückstands hat Twitter einen grossen Einfluss auf die öffentliche Diskussion. Mark Balsiger begründet das folgendermassen: «Auf Twitter sind Multiplikatoren aktiv: Politiker, Prominente und Journalisten. Das schafft Aufmerksamkeit.»

Zu wenig Wähler twittern

Dass Twitter in der Region Basel ein Medium ist, wo sich vor allem Politiker und Journalisten austauschen – also Leute, die sonst schon oft miteinander zu tun haben – bestätigen die hiesigen Twitter-Nutzer. Der neu gewählte Basler SVP-Grossrat Joël Thüring sagt: «Es wird von einem Kreis von Bekannten genutzt. Bei den Wählern ist es noch zu wenig verbreitet.» Thüring würde sich wünschen, mehr via Twitter mit Wählern Diskussionen führen zu können. «Momentan sind es noch die Journalisten, die die Twitter-Inhalte an die Wähler herantragen.»

Trotzdem ist Twitter für den Basler Regierungspräsidenten Guy Morin ein Mittel zur Demokratisierung der Informationen. Er selbst verschickt in seinen Tweets oft Auszüge aus seinen Reden. Und das Interesse daran ist gross: «Ich gewinne laufend Follower», sagt Morin. Im Moment hat er 820.

Beat Jans – der Twitter-Verachter

Eine negative Erfahrung machte die – ebenfalls neu in den Grossen Rat gewählte – SP-Politikerin Sarah Wyss. Sie nahm auf Twitter an einer Diskussion um die Forderung von SVP-Schweiz-Präsident Toni Brunner nach geschlossenen Lagern für Asylbewerber teil. Auf die Frage, welche Minderheit als Nächstes in Lager gesteckt werden soll, antwortete sie: «Ich hoffe, solch rassistische und menschenverachtende Leute wie Brunner.» Das löste umgehend einen Sturm der Entrüstung in den Medien aus und Wyss kehrte Twitter den Rücken. «Ich bedaure, dass Twitter-Nachrichten so kurz sind. Man kann sich nicht genau ausdrücken», sagt sie. Trotzdem ist Wyss seit letztem Freitag wieder aktiv. Weshalb? «Man ist schnell und weltweit vernetzt. Das ist enorm praktisch.»

Mit dem Basler SP-Nationalrat Beat Jans hatte Wyss wegen Twitter schon leidenschaftliche Diskussionen. Jans lehnt Twitter grundsätzlich ab: «Auf Twitter finden Diskussionen statt, die der Politik langfristig schaden», sagt er. Politiker sollten seriös an ihren Themen arbeiten und nicht alles immer kommentieren. Leider hätten die Politiker gemerkt, dass Journalisten auf Tweets reagieren. Als Beispiel nennt er den Zürcher Grünen-Nationalrat Bastien Girod: «Der kommentiert auf Twitter alles. Das steigert vielleicht die Aufmerksamkeit für ihn, aber sicher nicht seine politische Leistung.»

Mark Balsiger erwidert: «Twitter bietet den grossen Vorteil, dass man Rückmeldungen geben kann.» Fühlt sich ein Politiker von einem Journalisten falsch verstanden, kann er dies in einem Tweet offenlegen. Deshalb: «Twitter schafft Transparenz.»

Apropos: Dieser Artikel ist genau 4939 Zeichen lang.

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