Weltuntergang
15 Varianten, die Welt untergehen zu lassen

Hurra, die Welt ist noch da! Nun kann man die Apokalypse im Januar in rauen Mengen erleben – nämlich im Stadtkino, das mit einer Fülle von Filmen aus einem ganzen Jahrhundert aufwartet und zeigt, was am 21. alles hätte passieren können.

Susanna Petrin
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The World, the Flesh and the Devil: Harry Belafonte im leeren New York.

The World, the Flesh and the Devil: Harry Belafonte im leeren New York.

Das kleine Basler Stadtkino beginnt das neue Jahr mit der grössten, der schlimmsten, der finalsten aller möglichen Fantasien; unüberbietbar an Schrecken, Emotionen und Vorstellungskraft: der Weltuntergang. Der 21. Dezember 2012 ist überstanden. Das Stadtkino lädt zur Feier nun dazu ein, sich vom weichen Kinosessel aus anzusehen, was alles hätte passieren können – oder, das ist die weniger gemütliche Perspektive, was in Zukunft noch alles passieren kann.

So ein Weltuntergang ist abwechslungsreich. Stadtkino-Direktorin Nicole Reinhard visionierte letzten Herbst Apokalypse um Apokalypse: «Man konnte mich wochenlang nur daheim beim Weltuntergang besuchen.» Schliesslich hat sie zusammen mit dem Filmspezialisten Johannes Binotto 15 möglichst verschiedene Filme aus den vergangenen 100 Jahren ausgewählt.

Erdbeben, Orkane und Seuchen

Kometen, Meteoriten oder Planeten, die mit der Erde kollidieren, gehören zu den frühsten Schreckensbildern – das Stadtkino zeigt exemplarisch «When Worlds Collide» (1951) sowie den dänischen Stummfilm «Verdens Untergang», der 1916 während des Ersten Weltkriegs auf die Leinwand kam. Naturkräfte wie Erdbeben, Riesenorkane oder kaputte Magnetfelder bieten spektakuläre Untergangsbilder à la Emmerichs «2012».

Seuchen raffen alle dahin oder lassen die Menschheit zur Monsterheit mutieren – bis auf einen einzigen, «The Last Man on Earth» (1964). Es sei gerade «die Unmöglichkeit, sich das absolute Ende wirklich zu imaginieren, welche die Fantasie so reizt», schreibt Binotto im Programmheft. «An der Schwelle zum bodenlosen Nichts flackern die Bilder besonders hell.»

So ein Weltuntergang ist aber auch immer wieder ähnlich. Mindestens einer muss erhalten bleiben, um das Ende zu dokumentieren. Es ist selten ein schlechter Mensch, meistens ein Paar oder eine Familie (der Liebhaber wird vorher über Bord gekippt). Und nie sieht man im Film das Liestaler Törli zusammenfallen oder die mongolische Steppe erzittern, meistens muss als Erstes die Freiheitsstatue New Yorks fallen, dicht gefolgt vom Eiffelturm. Vor allem, wenn Hollywood die Fäden zieht.

Umso interessanter sind Filme, die den Untergang als einen inneren, moralischen Prozess darstellen, etwa der düster-abstrakte «Songs from the Second Floor» (2000). «This is the way the world ends; Not with a bang but a whimper», schreibt T.S. Eliot in «The Hollow Men» – nicht mit einem Knall, sondern einem Wimmern ende die Welt. Genauso wie diese schlichten Zeilen vermögen die stillen Filme nachhaltiger zu erschüttern als die lauten. Erst wenn keine Fülle von Spezialeffekten mehr die Sinne vernebelt, wird dem Zuschauer klar, dass der Weltuntergang mehr als eine Koketterie mit dem Maya-Kalender oder die Lust am Untergangsspektakel ist: nämlich ein kaum fassbares, bitteres Ende alles Menschlichen. Im laut Binotto «vielleicht grauenhaftesten aller apokalyptischen Filme», im russischen «Brief eines Toten» (1986) vegetieren die letzten Überlebenden auf einer verbrannten, radioaktiv verseuchten Erde.

Atomare Horrorszenarien

Nach Hiroshima, während des kalten Kriegs dominieren erschreckend reale atomare Horrorszenarien. Auch in «On the Beach» (1959) gibts nach einem Atomkrieg nur noch Leben in Australien. Doch eine tödlich-radioaktive Wolke nähert sich unaufhaltbar auch diesem Kontinent. Anthony Perkins als junger Familienvater, Ava Gardner, die sich eben in Gregory Peck verliebt hat, und der Junggeselle Fred Astaire – alle müssen nun einen Umgang mit dem absoluten Ende finden. Kompromisslos. Hollywood kennt für einmal auch für die Schönsten und Besten keine Gnade.

Reinhards Liebling dieser Reihe ist «The World, the Flesh and the Devil» (1959). Darin blitzt mit dem Untergang gleichzeitig Hoffnung auf einen besseren Neuanfang auf, nämlich einen ohne Rassismus, Rassentrennung und andere Idiotien. Die letzte weisse Frau liebt einen schwarzen Mann. Ein erstaunlicher Film für seine Zeit, fünf Jahre bevor die Rassentrennung gesetzlich aufgehoben wird.

Und sogar wenn im Film kein einziger Funken Hoffnung mehr wärmt, bleibt dem Zuschauer doch stets der Genuss, am Leben zu sein, wenn das Licht im Saal wieder angeht.

«All Over, Again! – Die Endzeit im Film. Ab 2. Januar im Stadtkino Basel. Vortrag von Johannes Binotto zur Apokalypse im Film am 14. Januar um 20.15 Uhr

Programm: www.stadtkino.ch