Sammlung Herzog
300'000 Fotos – und jeden Tag werden es mehr

Der Basler Peter Herzog besitzt die wohl grösste historische Fotografiesammlung der Welt. Doch die Sammellust wird ihm immer mehr zur Last: Seit drei Jahren sucht er nun schon nach einem geeigneten, bezahlbaren Haus für die Präsentation der Sammlung.

Susanna Petrin
Merken
Drucken
Teilen
Peter Herzog zu Hause – vor einem Foto des von ihm geschätzten Künstlers Walter Bodmer als Saxofonist.

Peter Herzog zu Hause – vor einem Foto des von ihm geschätzten Künstlers Walter Bodmer als Saxofonist.

Nicole Nars-Zimmer

«Föteli.» Irgendwann fällt dieses Wort fast zwangsläufig, zumal im Gespräch mit Schweizern. Peter Herzog hat gelernt, sich nicht über diesen Diminutiv zu ärgern, geduldig zu bleiben. Aber im kurzen Wort «Föteli» konzentriert sich für ihn alles Unrecht, das man seinem liebsten Medium antut. Alle Geringachtung, Unterschätzung, Herabsetzung.

Für Herzog ist das Unverständnis unverständlich. «Wenn Leute ein Vermögen erben, nehmen sie alles: das Haus, die Aktien, die Ferienwohnung, das Auto. Nur die ‹Föteli› lassen sie liegen.

Aber warum werfen die Leute ihre Familiengeschichte weg?» Dasselbe Phänomen beobachtet er bei Museumsleitern und Kunstsammlern. Da würden aus Nachlässen sämtliche Kunstwerke rausgepickt, aber die fotografischen Dokumentationen links liegen gelassen. «Die Geschichte dieser Werke geht aber verloren, wenn man nicht alles behält.»

Eine «Welterzählung in Aufnahmen», das ist für den 65-Jährigen die dokumentarische Fotografie: «Ein gigantisches Mosaik des Lebens vom 19. Jahrhundert bis heute; die analoge Fotografie zeigt das Entstehen und Vergehen der Industriegesellschaft in all ihren Aspekten», sagt er.

Fotografie habe für ihn «nichts mit Nostalgie zu tun». Sie zeige vielmehr: «Was war, wie es heute aussieht und was das für die Entwicklung der Zukunft vermuten lässt.»

So allumfassend wie diese Sicht ist Herzogs «enzyklopädische Sammlung» mit Themenkreisen aus «jeder wissenschaftlichen Disziplin». Derzeit konzentriert er sich vor allem auf die frühe Farbfotografie sowie Bilder aus der Welt der Wissenschaft, etwa die medizinischen Anfänge.

Ein Bild löste «die Seuche» aus

Seit 40 Jahren steckt Peter Herzog alles in diese Sammlung: seine Zeit, seine Energie, sein Geld. «Alles, was ich je verdient habe.» Rund 300 000 Fotografien hat er beisammen.

Es handelt sich wahrscheinlich um die grösste historische Fotosammlung weltweit. Dies, obwohl Herzog schon zwei Mal grosse Schweiz-Bestände ans Landesmuseum in Zürich verkauft hat – um dieses Geld wiederum in international wichtige, frühste Werke zu investieren.

300 000 Fotografien – und täglich werden es mehr. Herzog bekommt Angebote aus aller Welt, reist an Auktionen, Flohmärkte, Börsen in London, Paris, Rom. Während wir am Esstisch zusammen reden, läutet es an der Türe.

Jemand von einem Basler Antiquariat bringt Herzog seine neuste Beschaffung vorbei: Die gerahmte Fotografie eines Mannes, der in seinem historischen, offenen Auto mehr thront als sitzt; im Hintergrund eine Garage, die ein wenig an einen Pferdestall erinnert.

«Die Ablösung von der Kutsche zum Auto, vom Bediensteten, der chauffiert, zum Selberfahren», kommentiert Herzog das Bild. Denn eine jede seiner 300 000 Fotografien hat er aus einem speziellen Grund erstanden; er fand darin einen spannenden Kontext, eine Geschichte, interessante Details.

Herzog erinnert sich überraschend präzis an den auslösenden Moment für seine Sammelleidenschaft: «1974, am 1. Mai, an einem Samstag in Zürich auf dem Flohmarkt», sagt er. «An dem Tag ganz genau hat die Seuche angefangen.»

Seine Frau Ruth – und ohne die Hilfe und Akzeptanz seiner Frau sei das alles sowieso nie möglich gewesen – habe ihn auf eine alte Fotografie aufmerksam gemacht: Es zeigt eine Gruppe von Frauen, die in einem Halbkreis sitzen und zusammen spinnen. «So ein Spinnrad hatte meine Grossmutter als Dekoration», sagt Herzog. Er habe sich gefragt, wer diese Frauen sind, was sie wohl besprechen.

Gefallen habe ihm auch der Hund im Vordergrund: «Er sieht aus wie Witwe Boltes Spitz in Max und Moritz.» Das Bild habe ihn ästhetisch und als Zeitdokument angesprochen. Plötzlich sei ihm so richtig klar geworden, was Fotografie alles kann. Er kaufte das Foto für den damals horrenden Preis von 80 Franken.

Er war 26, als er mit den Spinnerinnen das erste Foto der heutigen Sammlung Herzog erwarb. Vier Jahre später hängte er die Juristerei an den Nagel und begann sich ausschliesslich dem zu widmen, was ihn wirklich interessiert und glücklich macht: Fotografie und Kunst. Sein Geld verdient er seither mit Schätzungen von Kunst und Antiquitäten.

Die hohen Wände in Herzogs Haus an der Missionsstrasse sind dicht mit Bildern behängt; japanische und Schweizer Kunst hängen sich in der Stube gegenüber, überall stehen Antiquitäten, weitere Fotos, Bilder, Bücher, dicke Bildbände, alte Fotoalben.

Am liebsten nähme man eines ums andere in die Hand und liesse sich vom Besitzer die Geschichte dazu erzählen. Tagelang könnte man in diesen Räumen verweilen und sich von Peter Herzog die Welt durch die Fotografie und die Kunst erklären lassen.

«Beim Fotografieren ist jeder sein eigener Regisseur und Schriftsteller», sagt er, «die Fotografie kann deshalb nur subjektiv beurteilt und verstanden werden.» Mit den gängigen Kriterien der Kunstgeschichte komme man ihr kaum bei.

«Fotografie ist ein quicklebendiges Medium, es entwischt einem immer wieder.» Das mache sie auch vielen suspekt. «Das Hochspannende ist: «Man bekommt dieses Medium nie in den Griff!»

Weder als Betrachter noch als Macher. Ständig schlage einem der Fotoapparat ein Schnippchen: Wenn man den Abzug anschaut, ist immer etwas darauf, das man nicht erwartet hat. «Oft ist es am Ende das, was das Bild ausmacht.»

Herzog zeigt auf ein historisches Bild mit einem Elefanten – «das war damals ein Tier aus 1001 Nacht». Auf dem Boden sieht man vier mit Kreide gemalte Kreise. Da hätte der Elefant, wäre er gefügiger gewesen, fürs perfekte Bild draufstehen sollen.

Der Fotograf als Gott

Auf dem Umschlag eines Buches über seine Sammlung Herzog («Der Körper der Photographie») posiert ein gequält lächelndes Mädchen im weissen Rüschenkleid. Doch wieso hält da einer seinen Arm ins Bild rein und berührt mit der Zeigefingerspitze den Kopf des Kindes? So ein verpfuschtes Bild wollen die Eltern doch nicht kaufen.

Herzog hat das Rätsel gelöst: Es ist die Hand des Fotografen, der damit auf eines der berühmtesten Details in einem der berühmtesten Werke der Kunstgeschichte anspielt: auf Gottes Hand, die Adam Leben einhaucht, in Michelangelos Freske in der sixtinischen Kapelle.

«Der Fotograf sagt damit: Ich erwecke mit meinen Bildern diejenigen, die zu mir kommen, zum Leben», sagt Herzog. «Dieses Bild hat der Fotograf nur aufgrund seiner masslosen Arroganz entwickeln lassen.»

Herzog erzählt und gestikuliert immer stärker. Die bz-Fotografin packt die Kamera noch mal aus und versucht, eine typische Pose festzuhalten.

Ob uns aufgefallen sei, was für ein Muster Zwischenblätter in Fotoalben haben? Spinnennetzmuster. «Der Fotograf – einer Spinne gleich – fängt etwas. Sie spielt es jetzt vor», sagt Herzog: «Die Fotografin fängt etwas mit ihrer Kamera, mit einem Schnappschuss.»

«So Sachen interessieren mich viel mehr, als warum mein Bruder mir keine 50 Millionen gibt», sagt Peter Herzog und lacht. Sein Bruder ist der Architekt Jacques Herzog. Warum ihm dieser Bruder kein grosses Haus für seine Sammlung kaufe, wird Peter Herzog in letzter Zeit häufig gefragt.

Selber wäre er gar nicht auf die Idee gekommen: Jener habe ein eigenes Leben, eine eigene Familie. Genauso wie seine eigenen Kinder, denen er die Sammlungsbetreuung auch nicht zumuten könne.

«Letzter Aufruf in Basel», titelte kürzlich die deutsche Zeitung «Die Zeit». Weil sich niemand in Basel für diese Sammlung einsetze, stehe sie nun kurz vor dem Verkauf, schreibt die Zeitung.

So dramatisch sei es nicht, beschwichtigt Herzog. Nur könne er derzeit nicht mehr so viele Ausstellungen realisieren wie früher auf dem Dreispitzareal. Doch als dort 2010 Baudreck die Bilder gefährdete, zog er alle fluchtartig ab. Seither lagert der grösste Teil in einer dafür geeigneten Halle.

Haus für die Sammlung gesucht

Herzogs Wunschtraum? Ein Haus mit rund 600 Quadratmetern Fläche für die Sammlung, die Stiftung, sich und seine Frau. Zu einem monatlichen Mietpreis bis zu 10 000 Franken. Dazu zwei Angestellte: jemanden fürs Sekretariat, jemand der kuratiert.

Er arbeite 18 Stunden am Tag, wie lange er dazu noch die Kraft habe, wisse er nicht. Eine Institution wie Getty Images würde ihm die Sammlung sofort abkaufen. Aber Peter Herzog hoffe weiterhin auf eine Basler Lösung.

Eine Libelle verirrt sich durch die offene Balkontüre in die Stube und fliegt in ein Spinnennetz. Es kann ihr nichts anhaben, die Libelle ist zu gross – und findet einen Ausweg.

www.fondation-herzog.ch