Münsterplatz, am Dienstag um 14 Uhr: Ein Dutzend älterer Herren in feierlich dunklen Anzügen geht gemessenen Schrittes über den Platz. Sie tragen einen Trauerkranz. Voran schreitet ein Bannerträger mit den weissgrünen Farben der E. E. Zunft zu Rebleuten. Fast unbeachtet von den Passanten betreten die Zünftler den Kreuzgang des Münsters. Sie machen halt vor einem in die Wand eingelassenen Epitaph, einer Gedenktafel, welche seit Jahrhunderten an Basels berühmtesten Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein erinnert. Zu seinen Ehren legen die Zünftler dort den Kranz nieder.

Doppeltes Jubiläum

Wettstein verstarb vor exakt 350 Jahren, am 12. April 1666. Das Jubiläum fällt in diesem Jahr zusammen mit der 650. Wiederkehr der Gründung der Zunft zu Rebleuten. Das sei Anlass genug, den grossen Politiker und Zunftbruder zu ehren. «Ohne Johann Rudolf Wettstein würde es die Schweiz, wie wir sie kennen, nicht geben», so Zunftmeister Eduard Etter. Ausserdem seien der Bürgermeister und sein Vater, ein aus dem zürcherischen Russikon zugewanderter Winzer, seit 1610 bei den Rebleuten zünftig gewesen.

Doch wer war eigentlich Wettstein? Es sei erstaunlich, dass man von ihm gar nicht so viel weiss, erklärt Christian Rieder von «Visit Basel». Er ist mit seinen Historikern und Stadtführungsspezialisten von der Zunft beauftragt worden, aus Anlass des Doppeljubiläums eine Wettstein-Stadtführung zu erarbeiten. Diese folgt den Spuren Wettsteins und beginnt in der Elisabethenstrasse. Dort eröffnete Wettstein im Alter von 17 Jahren ein (erfolgloses) Notariat, und dort lebte er unglücklich verheiratet, bis er dem geschäftlichen und familiären Ungemach nach Italien entfloh. Nach einem Jahr als Söldner im Dienst Venedigs kehrte er zur Familie nach Basel zurück und machte hier Karriere. Er wurde in den Kleinen Rat gewählt, war Münzverwalter, eidgenössischer Beamter im Tessin und Basler Landvogt auf der Farnsburg. Ab 1626 war Wettstein Vogt in Riehen, wo heute noch seine beiden Häuser stehen. 1635 wurde er Oberstzunftmeister und schliesslich ab 1645 Basler Bürgermeister.

Souveränität für die Schweiz

Seine grosse Stunde schlug 1648. Ohne Einladung, und ohne von der Eidgenossenschaft beauftragt worden zu sein, fährt er nach Westfalen. Dort verhandeln die Grossmächte über die Beendigung des Dreissigjährigen Krieges. Ziel Wettsteins war die formelle Unabhängigkeit der Schweiz. Durch geschickte Verhandlungstaktik erreichte er im Alleingang, dass der Kaiser die Eidgenossenschaft aus dem Verband des «Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation» loslöste. Wettstein kann als eigentlicher Vater der schweizerischen Souveränität gelten.

Dass er aber kein lupenreiner Demokrat war, zeigt sein Vorgehen im Bauernkrieg von 1653, als er sieben aufständische Baselbieter Bauernführer hinrichten liess. Auch sonst habe er sich unbeliebt gemacht, erzählt Christian Rieder. So habe er Geld verliehen, gegen Häuser als Sicherheit. Wenn die Schuldner nicht zahlen konnten, habe Wettstein die Immobilien an sich gerissen. Dies sei einer der Gründe gewesen, warum Wettstein fast vergessen worden sei. Erst im 19. Jahrhundert wurde er wieder entdeckt. Seither sind eine Strasse, ein Platz, ein Brunnen, eine Brücke, ein Schulhaus, eine Fasnachtsclique und ein Marsch nach Wettstein benannt worden.

Mehr zu Wettstein am Wettstein-Rundgang. Info: www.visitbasel.ch