Er ist 27 Jahre alt, Türke, lebt seit seinem ersten Geburtstag in Basel, spricht Baseldeutsch, gilt als gut integriert. Trotzdem sind seine finanziellen Verhältnisse prekär: Als Parkettleger verdient er netto 3'500 Franken pro Monat. Einen Teil überweist er seinen Eltern, bei denen er wohnt. Der Vater ist arbeitsloser Stadtreiniger. Die Mutter erholt sich von einer Brustkrebs-Therapie.

Nun wird der Mann von seiner Vergangenheit eingeholt. Das Basler Strafgericht verurteilte ihn diese Woche zur Zahlung von rund 10'000 Franken, obwohl er sich nicht strafbar machte. Der Mann hatte ein Hobby, von dem er nicht wusste, dass es illegal war.

Er nahm an Pokerturnieren im Club Other Poker im Dreispitz teil. Von einem düsteren Hinterzimmer kann nicht die Rede sein. Rund 1'000 Pokerspieler verkehrten dort, auch FCB-Spieler, Polizisten und Politiker sollen darunter gewesen sein.

Die eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) setzte dem Treiben 2011 mit einer Razzia ein Ende. Der Betreiber, der keine Konzession für eine Spielbank besass, kam mit einer Busse von 4'500 Franken davon. Weitere Gelder wird er nicht abliefern, falls er mit seiner Firma Konkurs anmeldet.

Wer gewonnen hat muss zahlen

Zur Kasse bittet die ESBK nun alle Spieler, die im Pokerclub Gewinne erzielten. Die Untersuchungsbeamten vertrauen dabei auf die Software des Pokerclubs, die sämtliche Einsätze und Gewinne dokumentierte.

Untersuchungsleiterin Regula Zimmerli sagt auf Anfrage, dass die ESBK rund 400 Verfahren führe gegen Spieler, die im Basler Pokerclub Gewinne machten.

Der Fall des 27-jährigen Türken aus dem Gundeldinger Quartier, der an fünf Turnieren 7'000 Franken einstrich, wurde für den Pilotprozess auserkoren. Das Strafgericht gibt den Bundesbehörden weitgehend grünes Licht.

Strafgerichtspräsident André Equey (LDP) hält fest: «Die Gewinne stammen aus einer Straftat. Deshalb sind sie einziehbar.» Die Straftat beging der Betreiber, nicht der Spieler. Keine Rolle spiele, dass die Gewinner in anderen Turnieren Verluste machten.

Der Einsatz kann aber vom Gewinn abgezogen werden. In diesem Punkt unterliegt die ESBK. Equey urteilt, dass unter besonderen Umständen das Netto- anstatt das Brutto-Prinzip gelte.

Die Umstände seien aus folgendem Grund besonders: «Man kann davon ausgehen, dass der Spieler weder wusste noch annehmen konnte, dass das Spiel illegal war.» Ob netto oder brutto, die Einsätze waren mit rund 80 Franken pro Abend ohnehin gering.

Dass der Bund mit dem neuen Geldspielgesetz Pokerturniere mit tiefen Einsätzen voraussichtlich legalisieren wird, ist für das Basler Strafgericht irrelevant. Massgebend seien nur aktuelle Gesetze.

Obwohl die ESBK weitgehend Recht erhält, muss sie auch eine Schlappe einstecken. Sie wollte dem Pokerspieler Verfahrenskosten von 10'000 Franken aufhalsen und dadurch die übrigen Verfahren mitfinanzieren. Richter Equey kanzelt die Begründung der ESBK in diesem Punkt als dürftig ab und kürzt die Verfahrenskosten auf 3'000 Franken.

Vom Gewinn ist nichts mehr übrig

Freude kommt beim Verurteilten dennoch keine auf. Er weiss nicht, wie er die rund 10'000 Franken innerhalb von zwei Jahren abstottern soll. Die Pokergewinne hat er verjubelt, meist noch am selben Abend.

Es sei üblich gewesen, dass der Gewinner die Kollegen zum Essen einlud. Auch seinen Lebensunterhalt habe er mit den Gewinnen mitfinanziert, da er damals keine feste Stelle hatte. Die vor Gericht vorgelegten Kontoauszüge zeigen, dass er nur ein paar Rappen besitzt.

Den Anwalt Jascha Schneider haben die Pokerfreunde mit einer Sammelaktion finanziert. Vergeblich appelliert dieser vor Gericht: «Greifen Sie mal einem nackten Mann in die Tasche!»

Der Richter entgegnet, dass es schön sei, dass der Mann seine Eltern unterstütze, auf Kosten des Staates könne dies aber nicht berücksichtigt werden. Um zu überleben, würden dem Mann 2'100 Franken pro Monat genügen.