Sibylle von Heydebrand

50 Jahre Frauenstimmrecht: «Gerechtigkeit ist der Motor, der uns bewegen sollte»

«Die Einführung des Frauenstimmrechts wird nicht umsonst als «die bedeutendste unblutige Revolution» bezeichnet.»

«Die Einführung des Frauenstimmrechts wird nicht umsonst als «die bedeutendste unblutige Revolution» bezeichnet.»

Der 26. Juni vor 50 Jahren war ein Sonntag, der in die Geschichte einging: Die Basler Männer sagten als erste Deutschschweizer Ja zum Frauenstimmrecht. Die Präsidentin des Vereins «1966 bis 2016: 50 Jahre Frauenstimmrecht Basel-Stadt», Sibylle von Heydebrand, spricht im Interview mit der bz über das politische Erdbeben von Basel.

Der Verein «1966 bis 2016: 50 Jahre Frauenstimmrecht Basel-Stadt» feierte das Jubiläum mit über 60 Events. Zurücklehnen liegt nach der heutigen Abschlussveranstaltung aber nicht drin, sagt Präsidentin Sibylle von Heydebrand im Interview mit der bz.

Frau von Heydebrand, als 1966 das Frauenstimmrecht in Basel-Stadt eingeführt wurde, interessierten Sie sich noch mehr für Kinderbücher als für Politik. Hat Ihre Mutter zur Feier des Tages einen besonders guten Sonntagsbraten zubereitet?

Sibylle von Heydebrand: Nein, meine Mutter hat damals keinen Braten zubereitet. Sie war eine aktive Geschäftsfrau, die mit dem Familienbetrieb andere Prioritäten hatte als das Frauenstimmrecht. Überhaupt war das Frauenstimmrecht kaum Thema bei uns. Ich habe erst nach einigen Jahren erkannt, dass der 26. Juni 1966 ein besonderer Tag war.

Erinnern Sie sich an den Moment, als Ihnen die Tragweite bewusst wurde?

Nein. Als ich mit 20 Jahren volljährig wurde, war es bereits selbstverständlich, dass auch Frauen abstimmen und wählen dürfen. Das Bewusstsein, dass diesem Recht ein langer Kampf vorausging, fehlte in der damaligen Gesellschaft. Und daran hat sich bis heute nichts geändert: Das Frauenstimmrecht ist noch nicht im kollektiven historischen Gedächtnis angekommen. Das sehen Sie etwa daran, dass es im Geschichtsunterricht keine Rolle spielt. Wir haben versucht, mit den Veranstaltungen die Erinnerungskultur zu fördern.

Haben Sie Ihr Ziel erreicht?

Ich denke schon, denn wir haben im Sinne der historischen Tradition stets einen Bezug zur Gegenwart gesucht. Das geht aber nur, wenn einem die Vergangenheit bewusst ist.

Was können die Baslerinnen und Basler konkret mitnehmen aus diesem Jubiläum?

Sie können lernen, welcher Strategien und Taktiken es bedarf, wenn man einem Teil der Gesellschaft ein Recht zugestehen will, das der andere Teil bereits hat. Es müssen nicht immer Aktionen wie Demonstrationen oder Scheibeneinschlagen sein, um solche Ziele zu erreichen. Das lehrt uns der über 100 Jahre lange Kampf der Frauen für das Stimmrecht: Sie mussten die Männer und damit die Stimmbürger davon überzeugen, mit einem Ja die richtige Entscheidung zu treffen. Hätten sie dies mit Provokationen versucht, hätte es vielleicht noch länger gedauert. Ihre Strategie war es, die Männer zu sensibilisieren. Es brauchte im Schnitt schweizweit jährlich eine Abstimmung zum Thema, bis es endlich durchkam. Der Weg dahin war friedlich. Die Einführung des Frauenstimmrechts wird nicht umsonst als «die bedeutendste unblutige Revolution» bezeichnet.

Welche unblutige Revolution steht als nächstes an?

Ein vergleichbarer Kampf ist beispielsweise jener um das Stimmrecht für Ausländer. Auch da könnten Strategien angewendet werden, die wir von damals her kennen. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass Ausländerinnen und Ausländer die Möglichkeit haben, das Bürgerrecht zu erwerben und auf diesem Weg stimmberechtigt zu werden.

Das Bürgerrecht wird einem aber nicht einfach so geschenkt. Wäre es nicht gerechter, Ausländer, die hier leben, auch ohne Schweizer Pass abstimmen zu lassen?

Ich halte es da mit Jean-Jacques Rousseau: Wer einem bestimmten Gesetz unterworfen ist, sollte sich am Prozess der Gesetzgebung beteiligen dürfen.

Die EU ist der Schweiz voraus: Dort dürfen alle EU-Bürger an Kommunalwahlen an ihrem Hauptwohnsitz teilnehmen, unabhängig davon in welchem Mitgliedsstaat sich dieser befindet. Was das Frauenstimmrecht angeht, hinkte die Schweiz auch hinterher. In Deutschland etwa wurde dieses bereits 1919 eingeführt, also fast 50 Jahre vor Basel. So betrachtet ist das jetzige Jubiläum eher ein Grund zum Weinen denn zum Feiern.

Das sehe ich auch so. Daher ist es uns ein grosses Anliegen, das Jubiläum zwar zu feiern, vor allem aber daran zu erinnern, dass sich die damaligen Männer diese Entscheidung nicht leicht gemacht haben. Sie besassen das Stimmrecht bereits seit dem Jahr 1848 und konnten sich lange nicht vorstellen, dass die Frauen folgen würden. Das Frauenstimmrecht galt als unschweizerisch, als Zwängerei. Die Rede war vom Sonderfall Schweiz. Man war stolz, anders zu sein als die Männer im Ausland, die auch Frauen abstimmen liessen.

Dieses Vokabular ist hochaktuell. Haben die Schweizer nichts dazugelernt?

Das meinte ich vorher: Man kann nur etwas dazulernen, wenn man sich der Vergangenheit bewusst ist. Wenn der historische Moment nicht mit einem Sonntagsbraten gewürdigt wird und kein Dialog entsteht, kann man sich auch auf nichts stützen.

Die Erinnerung dürften Sie jetzt angekurbelt haben, was ist der nächste Schritt?

Der Kampf um das Frauenstimmrecht sollte im Schulunterricht die nötige Beachtung finden. Ausserdem sollten Frauen in der Politik gleich stark vertreten sein wie die Männer. Mit nur einer Regierungsrätin und weniger als einem Drittel Frauenanteil im Grossen Rat ist Basel davon noch weit entfernt. Die politischen Parteien selber könnten dies ändern. Ausserdem ist die wirtschaftliche Gleichberechtigung ein grosses Thema.

Sie sprechen die ungleichen Löhne von Frauen und Männern an?

Nicht nur. Es geht auch um die Aufteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit und um die Altersvorsorge, bei der Frauen materiell benachteiligt sind, nur weil sie dem Rollenverständnis entsprechend einen anderen Lebenslauf als Männer haben. Das sind keine Frauenanliegen, sondern Dinge, die alle betreffen. Viele Männer haben noch nicht begriffen, dass auch sie Verantwortung für die Gleichberechtigung tragen.

Was muss konkret geschehen, damit in 50 Jahren ein neues Jubiläum in Sachen Gleichberechtigung von Frau und Mann gefeiert werden kann?

Dazu muss sich die Erkenntnis durchringen, dass Gerechtigkeit keine Frage der politischen Einstellung ist. Ob links, grün, liberal oder konservativ: Gerechtigkeit ist eine innere Haltung und der eigentliche Motor, der Basel und die Schweiz bewegen sollte.

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