Ein-Blick

5000 Franken für ein Paar Turnschuhe – das Geschäft der Sneaker-Sammler im Werk 8

In der Rubrik «Ein-Blick» gewährt die «Schweiz am Wochenende» den Lesern Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft. Die Redaktoren beleuchten lustige Vereine, angefressene Sammler oder abgedrehte Nerds. Natürlich kann sich melden, wer sich angesprochen fühlt.

Eine kuriose Mischung ist das im Werk 8. Ein bisschen Anarchie liegt in der Luft, Gangsta-Rapper besingen eine bessere Welt – aber was am Schluss wieder zählt, ist das Geld. Rund tausend Sneaker-Fans fanden sich am vergangenen Sonntag zur vierten «Sole Season» im Gundeldinger Feld, der grossen Tauschbörse für Sneaker-Fans.

Um gleich ein Vorurteil aus dem Weg zu räumen: In der Überzahl waren die Männer und nicht etwa die (angeblich shoppingaffineren) Frauen. Und um gleich daraufhin ein Vorurteil zu festigen: Den Männern, die ihre Schuhe feilboten, ging es vor allem um eines: darum, ein gutes Geschäft zu machen.

Wer die Nase dafür hat, der kann an einem Nachmittag richtig viel Geld machen. So zum Beispiel der Zürcher Schuhverkäufer, der nicht mit Namen genannt werden will. An einem seiner unscheinbaren, bordeauxroten Nikes verrät das Preisschild die mörderische Summe, die dafür aufgebracht werden muss: 5000 Franken.

Der Schuhverkäufer selbst ist einer von vielen hier an der Messe, der den Schuh als Wertanlage versteht. Vor sieben Jahren habe er das rare Modell für «läppische» 700 Franken ergattern können. Nun habe sich der Wert um ein Vielfaches gesteigert; Für 4000 Franken, so der Verkäufer, wäre das Paar schon längst über die Theke gewandert. Für einen Tausender mehr muss er halt noch etwas länger auf einen Abnehmer warten.

In der Sneakerwelt, so bekommt man den Eindruck, gelten dieselben Regeln wie auf dem Kunstmarkt. Die Fantasiepreise entstehen ja nicht, weil jemand für ein paar ausgelatschte Turnschuhe einen vierstelligen Betrag ausgeben will. Sondern weil er die Hoffnung hat, dass er sie dereinst für ein Mehrfaches weiterverkaufen kann.

Zu den Gamblern zählt auch Stephan Schmid, ebenfalls aus Zürich. Der 29-Jährige besitzt selber rund hundert Turnschuhe, wurde vor acht Jahren vom Sammelvirus infiziert. Sein teuerstes Paar sind ein paar Nike Air Jordan «Off White»; Immerhin 2000 Franken muss hinblättern, wer die Rarität will.

Schmid selber will nicht aufs Bild, er lässt seinem Kollegen Aleksandar Joksimovic den Vortritt. Der sei «Influencer», habe auf Instagram mehrere tausend Follower und posiere gern. Der lässt sich tatsächlich nicht zweimal bitten.

Schmid und Joksimovic: es sind dies die beiden Welten, die bei den Sneakerbörsen aufeinandertreffen. Hier der medienscheue Geschäftsmann, da der bunte Selbstdarsteller. Joksimovic, selber im Besitz von «nur» 30 Turnschuhen, ist kontaktfreudig, trägt auffällige Kleidung. Seine regenbogenfarbene Sneakers hat er mit regenbogenfarbener Bomberjacke kombiniert, was ihn zu einem der Hingucker der Messe macht.

Freilich ist die Konkurrenz stark: Die Turnschuhfetischisten scheuen keinen Stilbruch. Sie glaubten stets, rote Adidas liessen sich nicht mit grünen Schnürsenkeln kombinieren? Sie meinten immer, weisse Socken liessen sich nicht modisch zu einer Dreiviertelhose tragen? Gehen Sie an eine Sneaker-Messe, Sie werden eines Besseren belehrt!

Wieviele der rund 3000 ausgestellten Turnschuhe an diesem Nachmittag über die Theke gingen, liess sich nicht eruieren. Aber es dürfte lediglich ein kleiner Bruchteil gewesen sein. Die meisten, wie die beiden 17-jährigen Basler Besucherinnen Tabea und Nicole, waren nur zum Staunen da. «Kaufen können wir uns mit dem mickrigen Sackgeld ohnehin nichts. Aber wenn wir mal Geld verdienen, wollen wir auch Sneaker-Sammlerinnen werden», meinten sie.

Ob sie je so viel verdienen werden, um sich die teuersten Sneaker zu leisten, ist zumindest fraglich. Der amerikanische Rapper Kanye West designte vor zwei Jahren einen roten Basketball-Schuh. Bald darauf war das limitierte Modell auf E-Bay zu finden. Für 17 Millionen Dollar.

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