Kembs
600-Tonnen-Tor an Schleuse wird ersetzt - Gefahr für Rheinschifffahrt?

Bei der Schleuse von Kembs im Elsass wird ein 600 Tonnen schweres Tor ersetzt. Weitere Wartungsarbeiten sind geplant. In der Schweiz fürchtet man nun, dass die Rheinschifffahrt behindert werden könnte.

Peter Schenk
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Die Schleusenanlage von Kembs stammt von 1932. Derzeit wird das Untertor der westlichen Schleuse ausgewechselt (vorne rechts).

Die Schleusenanlage von Kembs stammt von 1932. Derzeit wird das Untertor der westlichen Schleuse ausgewechselt (vorne rechts).

zvg/J. Marx

Seit Ende März wird in der westlichen Schleuse von Kembs, wenige Kilometer nördlich von Basel, das 600 Tonnen schwere Untertor in neun Teile auseinander geschweisst. Die Schleusenanlage stammt von 1932 und das Originaltor ist so rostig, dass es ausgetauscht werden muss. Mitte Mai kommt aus der Bretagne, ebenfalls in neun Teilen, das neue Tor. Ausserdem soll das Leitsystem modernisiert werden und es sind weitere Wartungsarbeiten geplant.

Die Arbeiten an der westlichen Schleusenkammer werden voraussichtlich bis Anfang 2014 dauern und über zehn Millionen Franken kosten. Da die Schleuse schon über 80 Jahre alt ist und die Arbeiten sehr umfangreich sind, könnte die Wiederinbetriebnahme sich auch noch etwas verzögern. 2015 kommt dann die östliche Schleuse an die Reihe.

Die Modernisierung der Kembser Schleuse ist Teil eines grossen Programms. Betreiber Electricité de France (EDF), dem auch die gleichnamigen Wasserkraftwerke gehören, will innerhalb von zehn Jahren 100 Millionen Franken in seine acht Schleusenanlagen am Oberrhein investieren – weitere 25 Millionen Franken werden im Rahmen der Modernisierung der Wasserkraftwerke für die Schleusen ausgegeben.

Strassburg schon fertig

Die grosse Kammer in Strassburg wurde bereits 2012 erneuert. Im gleichen Jahr wurden die grossen Kammern von Ottmarsheim, Fessenheim, Marckolsheim und Rhinau modernisiert. 2013 werden neben Kembs die kleinen Schleusenkammern von Ottmarsheim, Fessenheim und Vogelgrun überholt. Die Arbeiten dauern zwischen fünf und sieben Monaten und haben im April begonnen. Während dieser Zeit steht der Rheinschifffahrt dort, wie auch in Kembs, nur eine Schleuse zur Verfügung.

Ausgesprochen nervös machen die Einschränkungen die Schweizerische Vereinigung für Schifffahrt und Hafenwirtschaft (SVS). Sie drückte schon im November in ihrem Mitteilungsblatt die Sorge aus, die Schifffahrt am Oberrhein könne bei einer Panne oder bei Kapazitätsproblemen komplett blockiert sein.

Die Hauptprobleme sieht die SVS im Jahre 2014, da dann einige grössere Kammern gesperrt sind. Im Unterschied zu Kembs, das aus zwei grossen Schleusenkammern besteht, haben die übrigen Anlagen jeweils eine kleine und eine grosse Schleuse. Die grossen sind 25 Meter breit, die kleinen 12 Meter. In einer grossen Kammer können auch zwei Schiffe neben- und gegebenenfalls hintereinanderliegen.

«Die kleinen Kammern werden 2014 zur Verfügung stehen. Bei bestimmten grossen Kammern wird es Arbeiten geben, die unterschiedlich lang dauern. Der genaue Zeitablauf steht aber noch nicht fest», präzisiert Raphaël Mehr, stellvertretender Leiter Wasserkraft Ostfrankreich bei EDF.

Arbeiten sind zu beschleunigen

SVS-Geschäftsführer André Auderset fordert: «Die Arbeiten müssen beschleunigt werden.» Der SVS setzt sich dafür ein, die Modernisierungen im Zwei-Schichten-Betrieb und an allen sieben Wochentagen voranzutreiben. Auch befürchtet Auderset einen «Ziehharmonikaeffekt», wenn Schiffsführer, die in den Nachtstunden eine Pause einlegen müssen, auf Bergfahrt bei Strassburg ihre Nachtruhe beginnen, obwohl sie noch drei Stunden weiterfahren könnten.

Im kürzlich publizierten SVS-Jahresbericht wird als Grund dafür genannt, dass es zwischen Strassburg und Kembs kaum Liegeplätze gebe. «Wenn sich dies kumuliert – vor allem in der Nacht auf Montag – steht am Morgen ein ganzer Pulk von Schiffen da und wartet auf die Schleusung, die dann nur in den kleinen Kammern stattfinden kann – mit der Folge stundenlanger Wartezeiten.»

SVS wie Europäische Binnenschifffahrts-Union (EBU) setzen sich deshalb für die Einrichtung einer Verkehrsleitzentrale für den Oberrhein ein, die während der grossen Schleusensperrungen den Überblick behalten und die ankommenden Schiffe dirigieren soll. Ausserdem sollen provisorische Liegeplätze zur Verfügung gestellt und die Fahrtzeiten bestimmter Schiffs-Kategorien verlängert werden. Zuständig für die Forderungen ist die Zentralkommission für die Rheinschifffahrt (ZKR) in Strassburg. Sie wurden laut Auderset bei ihr deponiert. Die ZKR hat darauf allerdings noch nicht reagiert und auch zu einer Anfrage der bz keine Stellung genommen.

Raphaël Mehr von EDF zeigt sich optimistisch: «Wir arbeiten daran, das Ausfallrisiko so weit wie irgend möglich zu reduzieren.» So werde die in Betrieb gehaltene Schleuse jeweils vor einer langen Revision gecheckt und unterhalten. Sollte trotzdem etwas passieren, seien rund um die Uhr Equipen für den Notfall im Einsatz. Mehr betont: «Obwohl die grosse Kammer von Strassburg mehrere Monate wegen der Modernisierung ausser Betrieb war, gab es keine nennenswerten Probleme.»

Bisher kurze Wartezeiten

EDF räumt allerdings ein, dass die Wartezeiten bei starkem Verkehrsaufkommen länger als üblich sein können, wenn nur eine Schleuse in Betrieb sei. «Eine Wartezeit von mehreren Stunden kann nicht vollkommen ausgeschlossen werden. Im April hatten wir in Kembs durchschnittlich eine Wartezeit von 47 Minuten statt 25 Minuten mit beiden Schleusen – mit einer aussergewöhnlichen Wartezeit von zwei Stunden 10.»

Hans-Peter Hadorn, Direktor Schweizerische Rheinhäfen, sieht drohende Schwierigkeiten weniger in Kembs. «Im Unterschied zu anderen Staustufen, wo es nur eine kleine und eine grosse Kammer hat, ist Kembs das kleinere Problem.» Er zeigt Verständnis für die Arbeiten: Kurzfristige Sperrungen aufgrund der Modernisierung mögen zwar für die Schifffahrt «kurzfristig ärgerlich sein, jedoch sind diese Investitionen wichtig für die langfristige Sicherung des Schifffahrtsweges nach Basel und somit das richtige Medikament gegen einen Totalausfall.»