Atlantis

70 Jahre Kult und Kultur: Ozzy, Polo, Kuno – Das waren die goldenen Jahre im «-tis»

Bunte Show im Atlantis: Flower Power mit der Schweizer Beat-Band Les Sauterelles, 1967.

Bunte Show im Atlantis: Flower Power mit der Schweizer Beat-Band Les Sauterelles, 1967.

Ein neues Buch beleuchtet die Geschichte des Atlantis: Im Basler Konzertclub gaben Bands wie Les Sauterelles, Span oder Black Sabbath legendäre Auftritte. Ein Rückblick.

Hätten Sie eine Band namens The Beatles engagiert, damals, in den 1960er-Jahren? Im Atlantis hat man es nicht getan, als sich die Gelegenheit ergab. So will es zumindest das Gerücht, das seit über 50 Jahren kursiert: Die Beatles seien von einem Hamburger Veranstalter angeboten worden, für ein einwöchiges Gastspiel.

Doch im «-tis» habe man sich gegen diese «unbekannte Band aus Liverpool» entschieden und stattdessen auf ein bewährtes deutsches Unterhaltungsorchester zurückgegriffen. Ob es sich bei dieser Anekdote um die Wahrheit oder eine urbane Legende handelt, lässt sich nicht mehr klären. Die Programmverantwortlichen dieser Zeit leben nicht mehr.Bestätigt ist aber, dass die Beatles indirekt Einzug hielten im «-tis». Les Sauterelles, die erfolgreichste Schweizer Band der Sixties, trat ab 1965 im Atlantis auf.

«Ich erinnere mich, wie Les Sauterelles fast das gesamte «Sgt.-Pepper’s»-Album nachspielten, und zwar so gut, dass wir nur noch staunten», erinnert sich Christoph Alispach. Der langjährige DRS 3-Redaktor war damals Teenager und als solcher regelmässiger Konzertgast.
Tatsächlich verblüfften die Zürcher das Publikum mit ihrer originalgetreuen Wiedergabe, kurz nachdem die Beatles ihr Konzeptalbum veröffentlicht hatten. «Unser Produzent, Teddy Meier, arbeitete bei EMI und kam an die Vorabpressungen heran. So hatten wir die Beatles-Platten immer vor den anderen Fans», verrät Schlagzeuger Düde Dürst.

So brachten Les Sauterelles die angesagte Flower-Power-Stimmung auch ins «-tis». «Meine Mutter bastelte Blumendekors zu Hause, ich malte sie an – und damit schmückten wir dann die Bühne», sagt Düde Dürst. Auch Michael Koechlin, der spätere Basler Kulturchef, wohnte diesen Auftritten bei: «Im Tropic hatte ich Hausverbot, aufgrund meiner langen Haare», erinnert er sich. «Ins Atlantis aber durfte ich rein, weil Toni Vescoli noch längere Haare hatte», sagt er, lacht und schildert eine nette Tradition dieser Zeit: Wunschkonzerte.

So konnte man bei den Bands Wünsche anbringen, indem man Zettel beschriftete und diese auf die Bühne runterrieseln liess. «Ich erinnere mich, wie Toni Vescoli mal sauer wurde, weil 50 Zettel auf ihn niederprasselten – und auf allen stand: Hääfeli Club», sagt Koechlin amüsiert.

Harte Schule

«Heavenly Club», so hiess er eigentlich, der grosse Hit der Zürcher Band. Und Zürcher Band könnte man eigentlich in Anführungszeichen schreiben. Denn nebst Toni Vescoli und Düde Dürst fanden sich mit Rolf Antener und Peter Rietmann auch zwei Basler in den Reihen der Sauterelles. Waren die Atlantis-Konzerte halbe Heimspiele? «Absolut», sagt Düde Dürst. «Der Laden war so voll, dass sich auf dem Trottoir draussen Schlangen bildeten, wenn wir spielten.»
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Auch internationale Bands wurden engagiert, ehe sie zu gross wurden für die Clubs. Christoph Schwegler war einer. Ohne ihn hätte das Atlantis die neue Musikwelle aus England vielleicht verschlafen.

Schwegler moderierte 1968 die erste Hitparadensendung auf Radio DRS, lebte mit einem Bein in England, war also am Puls der Zeit und veranstaltete vereinzelt Konzerte, «weil ich Bands, die mir auf Platte gefielen, selber auch live hören wollte.» Zum Beispiel Black Sabbath, die Hardrocker um Ozzy Osbourne.

Mit deren Manager Jim Simpson hatte sich der Schweizer Radiomoderator angefreundet. «Jim lud mich nach Birmingham ein, ich zog im August 1970 mit Ozzy und und seiner Band rum und begleitete sie auch ans Montreux Jazz Festival.»

Die Risse durch Black Sabbath

Schwegler lud die Band auch für ein Konzert nach Basel ein, man einigte sich auf eine Gage von 1000 Franken. Und so standen Black Sabbath drei Wochen später im nahezu ausverkauften Atlantis. «Es war wahnsinnig laut», sagt Schwegler und scherzt: «Die Risse in den Mauern zeugen bis heute davon.»

Tatsächlich kippte schon beim ersten Song fast die Pauke von der Bühne, wie sich Christoph Alispach, Musikjournalist und Mitgründer von DRS 3, erinnert. «Bill Ward trat so wuchtig ins Fusspedal, dass die Band eine Pause einlegen musste, ein Roadie auftauchte und die Pauke mit zwei 100-Millimeter-Nägeln am Bühnenboden festhämmerte.»

«Der Eintritt kostete, so meine ich, zehn Franken», erzählt Alispach. Beides, der günstige Eintritt und die günstige Gage, wäre schon ein Jahr später undenkbar gewesen. Denn es konnte schnell gehen im boomenden Rockgeschäft. Christoph Schwegler hatte 1969 auch Led Zeppelin auf dem Radar, damals hätten sie 10 000 Franken gekostet. 1970 verlangte ihr Management schon das Zehnfache für einen Auftritt. Auch Ozzy Osbourne wäre ein Jahr später um ein vielfaches teurer gewesen.

Mit seiner offiziellen Kapazität von 400 Zuschauerinnen und Zuschauern waren die Möglichkeiten im Atlantis für Bands begrenzt. Zudem fehlte es dem Lokal Ende der Sechziger an Konstanz. Man hatte sich am Ende mit DJs versucht, was nicht richtig funktionierte, der alte Jazz war ein Auslaufmodell – und das Know-how in Sachen Rock nur extern vorhanden. «Bands wie die Koobas gehörten im Atlantis-Programm in den Sixties zu den Ausnahmen», sagt Alispach.

«Aber das störte uns Jugendliche nicht. Wir waren froh, dass es überhaupt eine Möglichkeit, einen Ort für Livemusik gab. Und das auch zu schülerfreundlichen Zeiten.»

So hörte man sich auch Dixieland Bands wie die Piccadilly Six an, die sonntags schon am Nachmittag ihr erstes Set spielten. «Die rockten auf ihre Art», sagt Alispach, «aber wenn dann eine britische Rockband wie die Renegades kam, dann ging man gleich fünf Abende in Folge ins ‹-tis›».

Dass die Rockmusik mit zeitlicher Verzögerung im Atlantis Einzug hielt, hatte auch damit zu tun, dass die Beatwelle zunächst Quartierkneipen und Kirchgemeindesäle erfasste, wo sich die lokale Szene an den Vorbildern übte. Und als sich das «-tis» in den frühen 70ern – nach einem unglücklichen Versuch, sich als Discothek zu positionieren –, doch noch stärker dem Rock öffnen wollte, war der Zug vorerst abgefahren, worauf ein ermüdeter Seiler grünes Licht für eine Theater-Ära gab.

Die Berner, die Berner!

1972 trat eine neue Band auf, die im Nu für Begeisterung sorgte, wie man in der Zeitung «Music Scene» nachlesen konnte: «Man traute an jenem Wochenende seinen Augen kaum: ein voll besetztes Atlantis – fast wie zu seinen besten Zeiten. Und dies mit einer Schweizer Gruppe im Programm.»

Die Band war für 100 Franken aus Bern angereist, um ihren mit Mundarttexten angereicherten Acidrock im Livemekka vorzustellen. Und sie erspielte sich umgehend einen hervorragenden Ruf: Rumpelstilz.

Mit ihren Gastspielen öffnete diese Formation mit Polo Hofer, Hanery Amman, Küre Güdel, Sämi Jungen und Schifer Schafer dem Berner Rock die Türen. Und Basel umarmte sie, die Berner, als wären sie Lokalmatadoren. Kein Zufall, dass sich Rumpelstilz 1977 entschieden, ein Live-Album im «-tis» aufzunehmen. Glücklich durfte sich schätzen, wer sich ein Billett für 7 Franken für einen der beiden November-Abende ergattern konnte: Liveversionen von «Kiosk» oder «Teddybär» landeten auf dem Album «Fätze u Bitze vo geschter u jitze».

Rumpelstilz waren die ersten, aber nicht die einzigen Berner, die in Basel Heimvorteil genossen. Auch Span traten ab 1976 im Atlantis auf, als wäre es ihr Wohnzimmer. «Wir spielten von Montag bis Freitag, bis zu dreimal pro Jahr», erinnert sich Dänu Siegrist. «Mit der Zeit gehörten wir selber zum Club.»

Span führten zu dieser Zeit ein Hippieleben in einem Bauernhaus im Emmental. Wenn das Telefon klingelte, Eddie Cassini fragte, ob sie spontan spielen könnten, weil eine Band ausgefallen sei, dann beluden sie ihren Bus und reisten nach Basel. «Das war sensationell für uns, da wir ja nur von der Musik lebten. Hier konnten wir eine Woche lang gratis essen, schlafen – und auch feiern. Das ‹-tis› war unser Star-Club.»

Was positiv hinzu kam: Die Bühnenerfahrung, die sie so sammeln konnten. «Kein anderer Schweizer Club bot mehrtägige Engagements, die Auftritte im «-tis» waren daher eine super Schule», sagt Siegrist. «Wir haben oft bis 2 Uhr früh gespielt – nicht nur berndeutsche Lieder, sondern auch Cover-Songs, von Elvis bis zu den Beatles und Stones. Damit konnten wir auch in Dancings auftreten. Zudem hatten wir noch eigene Songs in englischer Sprache. So kamen wir auf vier Stunden Repertoire.»

«Man hat die Berner geliebt in Basel», sagt Pink Pedrazzi, damals Mitglied der Basler Band Wondergirls. «Span oder Polo Hofer wurden stets mit offenen Armen empfangen.» – «Das waren echte Stars», bestätigt auch Cla Nett von der Lazy Poker Blues Band.

Rumpelstilz und Span räumten ab

Selbst die sogenannte Stilpolizei, die Musiker, welche die Auftritte anderer hinten am Tresen kritisch verfolgten und kommentierten, verstummte, wenn die professionellen, charmanten Berner auftauchten und das «-tis» in ein Tollhaus verwandelten. Niemand in der Schweiz konnte es mit der Durchschlagskraft und Beliebtheit der Berner Bands aufnehmen. «Sie waren live einfach saugut», lobt Pink Pedrazzi. «Was sie machten, war satt, musikalisch – und immer auch mit einem Augenzwinkern versehen.» Man könnte soweit gehen und sagen, dass Polo Hofer und Span mit Eddie Cassini gross wurden – und umgekehrt. Auf jeden Fall haben sie unzählige Nächte zusammen erlebt.

Unvergesslich jene, in der ein euphorischer Polo einmal eine Freirunde für alle ausrief. Die Serviertöchter balancierten die Tabletts voller Bier mit gewohnter Professionalität und verteilten wie Jongleusen die Gläser. Ein Riesengaudi, auch für Hofer, zumindest in diesem Moment. Als ihm Cassini danach die 400 Stangen von der Gage abzog, war die Laune im Keller – aber nur für einen Moment. Polo Hofer kehrte in allen möglichen Formationen immer wieder auf die «-tis»-Bühne zurück.

Auch Span waren mit dem Haus und den Cassinis eng verbunden und traten hier mehrmals jährlich auf. Dänu Siegrist hat nicht Buch geführt, aber es dürften an die 100 Konzerte sein, die er im «-tis» gegeben hat.

«Zunächst quartierte uns Eddie im Hotel Merkur ein, vis-à-vis des Kinos Plaza.» Das führte zu Szenen wie jener, als mitten in der Nacht ein Typ in der Tür stand, Dänu Siegrist weckte und fragte: «Hey, willst Du etwas Stoff kaufen?» «Keine Ahnung, wie die Hasch-Dealer in dieses Hotel reinkamen, aber sie wussten ganz genau, dass hier die Musiker einquartiert waren», erzählt er lachend.

Später stellten die Cassinis den Musikern eine Wohnung zur Verfügung, in ihrem Haus im Gundeli. Diese Musikerwohnung am Tellplatz hielt über die Jahre noch so manche After-Show-Party euphorischer Bands aus. Nie vergessen werden sie andere Berner, die hier nächtigten, bevor sie zu den grössten Stars des Landes zählten: Züri West.

Schlechte Gage, gratis Bier

Sam Mumenthaler, Mitte der 80er-Jahre Schlagzeuger der Band, erinnert sich noch genau daran, wie wichtig es ihnen war, im «-tis» spielen zu können. «Wer hier spielen konnte, hatte es geschafft. Daher wussten wir: Da müssen wir hin!» Für diese Referenz nahmen Züri West lausige Konditionen in Kauf. Doch auch wenn es kaum Gage für zwei Konzertabende gab: das Bier war gratis, ebenso eine Übernachtung zwischen den zwei Konzerten.

«Wir freuten uns wie kleine Kinder: Endlich kamen wir mal raus aus der Region Bern – und dann erst noch nach Basel, ins Atlantis!» Doch dieses erste Konzert, das Züri West 1984 hier gaben, kam anders als erhofft. «Es war ein Desaster», sagt Sam Mumenthaler. «Wir mussten drei Sets spielen, unser Songmaterial reichte aber nur für eine gute Stunde.»

Die Pausen nutzte die Band, um zu bechern. Das führte dazu, dass Sam Mumenthaler bald zu angeheitert war, um das dritte Set richtig zu stemmen. «Wir spielten schlecht. Und das Schlimmste war, dass im Publikum auch ein Musikkritiker von DRS 3 war, der uns heftig verriss.» Züri West waren nach dem Gig ernüchtert. «Es war unsere erste Berührung mit der Profirealität – und wir hatten gleich ein dreifaches Aha-Erlebnis: Aha, wir sollten mehr als ein Dutzend Songs im Repertoire haben. Aha, wir sollten vielleicht nicht bechern während des Konzerts. Und aha, wir sollten uns vielleicht auch musikalisch mehr Mühe geben, wenn wir ein fremdes Publikum begeistern wollten.»

In der Musikerwohnung am Tellplatz einquartiert, blödelten die Jungs ihren Frust weg, indem sie ihrem juvenilen Übermut bis tief in die Nacht freien Lauf liessen und tief in die Gläser guckten.

Bis die Lausbuben erschraken, als es läutete. Der da im Morgenrock plötzlich im Licht stand, war Eddie Cassini, sichtlich verärgert. Er sprach mit seinem italienisch akzentuierten Hochdeutsch sechs Worte, die Züri West nie vergessen werden: «Ihr spielt morgen nicht im Atlantis!»

Züri West: die grosse Ernüchterung

«Unsere Trunkenheit wich sofort einer Ernüchterung. Das durfte nicht wahr sein, dass wir es hier total vergeigten! Ich glaube es war dann Kuno Lauener, der bei Cassinis Wohnung anklopfte und mit seinem Charme vor allem Eddies Frau Cécile überzeugen konnte, dass sie uns noch eine zweite Chance gaben. Auf jeden Fall durften wir am nächsten Abend nochmals spielen. Allerdings kam dieses Konzert nicht wirklich besser an.»

Züri West zahlten Lehrgeld, waren längst nicht die einzigen. Das «-tis» galt als hartes Pflaster. Wer von Eddie Cassini eine Chance erhielt, sollte sie nutzen. Denn egal ob Dienstag oder Donnerstag: Hatte man keine fesselnde Bühnenpräsenz, begann das Publikum zu schwatzen. Vermochte man die Leute hingegen zu begeistern, dann holte man jeden Club in der Schweiz.
Für Schweizer Bands blieb das Atlantis noch bis tief in die 90er-Jahre der «Olymp», den es zu erklimmen galt.

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