Basel

«Aadie Delifoonkabine» am Barfi: Ein kleiner Nachruf auf den Treffpunkt der Generation X

Abschiedsperformance bei den Telefonkabinen der Swisscom, die vom Barfüsserplatz abgeräumt wurden.

Die Telefonzellen am Barfüsserplatz verschwinden. Beim Abschiedsfest schwelgten einige Zeitgenossen in ihren Kindheits- und Jugenderinnerungen.

In der Kulturstadt Basel hat sich fast unbemerkt ein Generationenwandel vollzogen: Wo einst die höheren Töchter den Lehrerinnenstreik anzettelten, und später Hippies vor dem Oasis kifften, wurde später ein viel prosaischeres Gebäude zum Jugendtreff auserkoren.

Der «Türkentempel», eine Bausünde der 70er Jahre, und lange Zeit die wohl bekannteste Telefonzellen-Sammlung der Region. Hier traf sich in den 80er und 90er Jahren das Gros der Generation X, der man gerne Unschlüssigkeit, Hedonismus und Konsum-Orientierung nachsagte. Entscheiden mochten sich die Halbstarken oft vorher kaum, ob es zur Sauftour, ins Hollywood-Kino oder schlicht zum «Mägge» gegenüber ging, sondern sammelten sich Abend für Abend – und an Wochenenden en masse – um 20 Uhr am Barfi, oder «8i Delifonkabine». Wo man die eigene Clique oft gar nicht fand, im Pulk, bis sie weiter Richtung Steinen, Rio oder Route 66 gezogen war.

«The Last De-Li-Foon» als Abschieds-Ständchen

Dass diese Generation, im Guten bis heute poppig, junggeblieben, tolerant und humorvoll, heute das Ruder in der Kulturszene übernommen hat, zeigte sich an der von langer Hand geplanten Verabschiedung dieser «Delifonkabine» – denn trotz Nostalgiewert, die von der Swisscom betriebenen Publifone waren längst eher Schandfleck, Pissoir und zugetaggt, und kaum noch je zum ursprünglichen Zweck, wichtige Telefonate, genutzt.

Umso mehr schwelgten die inzwischen zur Lokalprominenz gehörenden Vertreter von «Kulturstadt Jetzt» beim Abschiedsfest in ihren Kindheits- und Jugenderinnerungen, die vom benachbarten Historischen Museum Basel mit Mikrofonen aufgezeichnet und zukünftig vielleicht mitsamt den ausrangierten Kabinen in einer Ausstellung aufbewahrt werden sollen. Dazu gab es ein bisschen Freibier (gesponsert vom Des Arts) und vier dargebotene 70er und 80er Hitparaden-Stücke vom Basler Beizenchor, darunter passend «The Last Unicorn» als «The Last De-Li-Foon» und als Zugabe Rio Reisers Klassiker «Junimond».

Pech, wer zu spät beim Türkentempel war

Was also bleibt vom «Türkentempel»? Souvenirs aus einer Zeit, die vielen der Anwesenden noch präsent ist «als wäre es gestern gewesen», aber jüngeren Menschen vorkommen muss wie eine andere Welt: Eine Welt ohne Handy und Internet, ohne Social Media und Whatsapp-Gruppen, wo sich der Freundeskreis regelmässig zu festen Zeiten am immer gleichen Ort verabredete, eben halt: «8i Delifonkabine». Verspätete konnten nur hoffen, dass jemand Nachsicht hatte und aus der Beiz oder vom nächsten öffentlichen Telefon anrief, um den Aufenthaltsort durchzugeben, wie sich Tobit Schäfer, ehemaliger JKF-Leiter und viel beschäftigter SP-Politiker, noch gut erinnert.

Sowieso hat der Kult-Faktor nicht nur mit dem Anrufen zu tun, wobei die Überreichung einer Taxcard für viele den Eintritt ins Teenagerleben markierte, wo man heute vielleicht ein eigenes Tablet bekommt. Kultverdächtiger als diese Tatsache war wiederum umgekehrt die oft genutzte Option, auf die Nummer selber anzurufen – so etwa, wenn man beim Date zu spät dran war. Da standen dann oft auch ein halbes Dutzend Bomberjacken-Jeans wie Sardinen in der beschlagenen Kabine.

Der Ort, an dem sich grosse Dramen abgespielt haben

Die kultverdächtigsten Geschichten kamen am Samstag beim Abschied denn auch nicht von den Kulturstadt-Jetzt-Exponenten wie Tobit Schäfer, Jo Vergeat, Kerstin Wenk (VPOD), Boxclub-Basel-Präsi Angelo Gallina oder Sebastian Kölliker, Präsident des Bürgergemeinderats, sondern von den Dutzenden von Besuchern, welche fast alle eine persönliche Geschichte auf Lager hatten. So einige Paare, die gerührt ins Mikrofon sprachen, dass sie ihr erstes Date dort hatten – oder sich sogar beim Warten kennengelernt hätten. Oder die alte Legende vom werdenden Vater, der durch einen Anruf von der Zechtour abgehalten wurde, weil bei seiner Liebsten die Wehen losgingen. Oder sich an den Strizzi erinnerten, welcher telefonisch vom Vater gewarnt wurde, wenn er mit dieser Dame nun unauffällig ins Kino Knutschen ginge, würde ihn der tatsächliche Verlobte der Angebeteten anschliessend mit erhobener Faust beim Pickwick Pub abpassen.

Am Montag werden die Telefonkabinen abmontiert. Die Zukunft ist noch ungewiss, auf dem Laufenden halten über die Pläne dieses Stücks Stadtgeschichte wird Gudrun Piller, selber Jahrgang 68, welche nebenan im Historischen Museum zuletzt die Ausstellung «Zeitsprünge – Basler Geschichte in Kürze» kuratiert hat.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1