Nähkästchen

Abdel Trabelsi vom Restaurant Kunsthalle über seinen Beruf: «Das hier ist mein Leben»

Abdel Trabelsi, der kurz vor seiner Pensionierung steht, hat den Begriff «Freundschaft» aus dem Nähkästchen gezogen.

Abdel Trabelsi, der kurz vor seiner Pensionierung steht, hat den Begriff «Freundschaft» aus dem Nähkästchen gezogen.

Abdel Trabelsi, die gute Seele des Restaurants Kunsthalle, plaudert aus dem Nähkästchen. Über Abschied, Trinkgeld und Fast Food.

Herr Trabelsi, worüber reden wir?

Abdel Trabelsi: Freundschaft.

Haben Sie viele Freunde?

Oh ja, auf der ganzen Welt. Die meisten habe ich über meinen Beruf kennen gelernt. Viele Stammgäste, die fast täglich im Restaurant Kunsthalle speisen oder immer hierherkommen, wenn sie in der Stadt sind. Ich gehöre ein bisschen zu ihrem Leben. So wächst das Vertrauen.

Das macht eine gute Freundschaft aus, oder?

Vertrauen ist das Wichtigste. Auch, dass man jederzeit über jedes Problem reden kann. Und Freundschaften muss man pflegen, wie Blumen.

Wie gelingt Ihnen das? Als Chef de Service der «Kunsthalle» sind Sie ja sehr eingespannt. Da bleibt nicht viel Zeit für Freundschaften.

Es stimmt, meine Freizeit ist knapp bemessen. Es ist halt eine Frage der Prioritäten. Man hat immer Zeit, wenn man nur will.

Sie arbeiten seit sagenhaften 42 Jahren in der «Kunsthalle», sind das Gesicht des Restaurants. Weshalb sind Sie Kellner geworden?

Weil ich Menschen liebe und stets gerne von ihnen umgeben bin. Das ist die wichtigste Voraussetzung für den Beruf, das kann man nicht erlernen. Viele begreifen nicht, dass gutes Essen und schönes Ambiente al­leine nicht reichen. Es braucht gastfreundliches Personal.

Nun werden Sie in wenigen Tagen pensioniert. Was für Gefühle löst das in Ihnen aus?

In erster Linie Traurigkeit. Das hier ist mein Leben, immer läuft etwas. Deshalb schlafe ich zurzeit schlecht. Ich weiss noch nicht so recht, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Im Moment ist auch alles ein wenig unsicher wegen der Pandemie. Wenn sie vorüber ist, möchte ich eine Weltreise machen und all jene Freunde, die ich hier kennen gelernt habe, besuchen...

...und Ihr Abschiedsfest nachholen.

Unbedingt. Das macht meinen Abschied noch trauriger. Dass ich nicht mit all den für mich wichtigen Menschen auf meine Pensionierung und die vielen schönen Jahre anstossen kann.

Welcher Gast wird Ihnen aus diesen Jahren in Erinnerung bleiben, wer hat besonders Eindruck gemacht?

Für mich ist jeder Gast besonders. Fasziniert haben mich stets die Damen in wunderbaren Roben, die vor oder nach dem Theater hier diniert haben. So schick zurechtgemacht sind die Leute heute schon lange nicht mehr. Schade.

Als Sie in der «Kunsthalle» angefangen haben, galt diese als Dreh- und Angelpunkt für Künstler wie Jean Tinguely und alles, was in Basel Rang und Namen hatte. Machte Sie das nicht nervös?

Nein, ich liess mich nie von grossen Namen einschüchtern, begegnete allen mit Respekt, habe mich aber nie verstellt. Das kam gut an. Mit Jean Tinguely ist sogar eine schöne Freundschaft entstanden. Er war auf dem Boden geblieben, das mochte ich.

Wie haben Sie auf Gäste reagiert, die Ihnen dumm­kamen?

Da habe ich keine Miene verzogen, blieb immer freundlich. Aber diese Erfahrung habe ich nur selten gemacht, die meisten waren sehr zufrieden.

Das hat sich sicher beim Trinkgeld gezeigt.

Meist schon. Die Basler können sehr grosszügig sein.

Was war das höchste Trinkgeld, das Sie je erhalten haben?

Zahlen möchte ich keine nennen. Wir haben das Trinkgeld jeweils schön im Team aufgeteilt.

Gerade beim Essen haben viele Leute Extrawünsche. Wie gingen Sie damit um?

Wir konnten praktisch jeden Wunsch erfüllen. Eines Abends– das Restaurant war bereits geschlossen – klopfte ein Stammgast, ein Professor aus dem Ausland, an die Türe: Er habe Hunger, ob er noch was zu essen bekomme. Da habe ich ihm kurzerhand etwas zubereitet.

Das klingt alles sehr ­idyllisch. Keine Skandale?

An manchen Abenden wurde es am Stammtisch bei der Jassrunde hie und da laut. Einmal warf ein Gast einem anderen nach einem Streit eine Kaffeetasse an den Kopf... Aber das ist lange her. Die wilden Zeiten sind vorbei, die Leute gesitteter geworden.

In der «Kunsthalle» und auch an anderen Orten wurde das Essen stets zelebriert, besonders in früheren Zeiten. Unterdessen dominieren Ketten und Fast-­Food-Restaurants die Gastroszene. Essen Sie manchmal auch da?

Selten, aber ab und an gönne ich mir einen Kebab – es muss nicht immer mit Messer und Gabel sein.

Werden Sie nach der Pensionierung mal nach Tunesien, in Ihre Heimat, reisen?Haben Sie dort noch Freunde?

Ich besuche regelmässig die Familie dort, aber Freundschaften gibt es nicht mehr. Ich war jung, als ich das Land verlassen habe. Wie gesagt, Freundschaften müssen gepflegt werden und dazu gehört auch, dass man sich regelmässig trifft.

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