14 279 Personen sind im Jahr 2015 neu in den Kanton Basel-Stadt gezogen. Gleichzeitig haben 13 567 ihre Sachen gepackt und sind weg. Die Zahlen sind bekannt. Kaum ein Thema sind jeweils die Menschen, die dahinter stecken – ihre Träume, Ängste und Sehnsüchte. Das Staatsarchiv hat sich an das Thema gewagt und die Akten der Basler Fremdenpolizei nach genau diesen Geschichten durchforstet.

Eine Mammutaufgabe: In mittlerweile hundert Jahren Behördenarbeit haben sich im Staatsarchiv über eine halbe Million Dossiers angesammelt, insgesamt ein Kilometer Akten, nur bis 1970. In monatelanger Arbeit wurde eine Auswahl von Biografien getroffen. Sie bilden den Mittelpunkt der heute beginnenden Ausstellungsserie «Magnet Basel».

Im Innenhof des Staatsarchivs wurde dafür ein Holzpavillon aufgebaut. In diesem öffentlichen Open-Air-Leseraum liegen die Lebensgeschichten von insgesamt zwanzig Personen auf. Zehn Biografien stammen aus dem Archiv, zehn weitere sind aktuelle Migrationsfälle.

Die Ausstellung zeigt die Bandbreite von Schicksalen, die man unter dem Thema Migration zusammenfassen kann: vom schwulen deutschen Stummfilmstar, der vor den Nazis fliehen musste, über den italienischen Elektriker, der in den 1960er-Jahren auf der Suche nach Arbeit war, bis hin zu einer Bolivianerin, die seit 17 Jahren als Sans-Papier in Basel lebt.

Daneben liegen – entsprechend dem Ausstellungstitel «Du bist hier» – leere Schreibblöcke für die eigene Lebensgeschichte der Besucher, inklusive freie Ausstellungsflächen und Antragsformulare zur Recherche im Archiv der Fremdenpolizei.

Versteckte Lokalgeschichte

Für jede Biografie liegt ein eigenes Buch auf mit Akten, Briefen, Mails und O-Ton. Dazu hat eine Gruppe von 15 Grafikern die Lebensgeschichten jeweils bildlich aufbereitet. «Wir wollen so einen niederschwelligen Einstieg in die Ausstellung schaffen, der neugierig macht, aber auch berührt», sagt Projektleiter Christoph Stratenwerth.

Die Idee, das Archiv der Fremdenpolizei aufzuarbeiten habe man schon länger diskutiert. Die Initialzündung sei gekommen, als der Basler Publizist und Autor Gabriel Heim für sein letztes Buch die Geschichte seiner Familie in den Akten zu erforschen begann.

«Wir haben schnell gemerkt, dass die Vermittlung des Potenzials dieser Dossiers nicht einfach in einer Publikation abgehandelt werden sollte», sagt die Basler Staatsarchivarin Esther Baur. Die Ausstellung lege den Blick auf einen weissen Fleck in der Basler Geschichte. «Die Geschichte der Stadt dreht sich meist um Personen, die schon immer hier waren», sagt Baur.

Dabei seien die Biografien der porträtierten Personen nicht nur Migrations-, sondern auch Lokalgeschichte. Etwa diejenige des ungarischen KZ-Überlebenden Carl Laszlo, welcher als internationaler Kunsthändler und Sammler das Basler Kulturleben prägte.

Oder aber die bisher unbekannte Geschichte von Erna Barbisch, die als 13-jähriges Mädchen ohne Wissen der Behörden von ihrer Mutter aus Österreich nachgeholt wurde. Erst nach langwierigen Briefwechseln mit den Behörden durfte sie eine Ausbildung zur Schneiderin machen.

Bis ins hohe Alter nähte sie in ihrem Atelier Fasnachtskostüme. «Diese Personen sind historisch oft gar nicht in Erscheinung getreten, ausser eben in den Akten der Fremdenpolizei», so Baur.