Kommentar

Abgestumpft an der eigenen Inszenierung: Analyse zur Basler Fasnacht und Vorfasnacht 2020

Halt, das ist Fasnacht! Das kann doch nicht weg! Impression vom Ändstraich 2019.

Halt, das ist Fasnacht! Das kann doch nicht weg! Impression vom Ändstraich 2019.

Die Basler Fasnacht zelebriert sich gerne selbst. Doch langsam verschlägt es ihr die Sprache: In einer Zeit, in der Ironie und Zynismus zu Mitteln des alltäglichen Kampfs mit der eigenen Umwelt geworden sind, verlieren just diese Methoden an Wirkung im fasnächtlichen Kontext.

Es ist ein langer Schatten, den die Basler Fasnacht, zertifiziertes Unesco-Weltkulturerbe, vor sich wirft. Wenn am Samstag das Drummeli Premiere feiert, sind bereits sechs Wochen Vorfasnacht und damit rund ein Dutzend weitere Premieren Geschichte. Sie sind ein Gradmesser für die richtigen drei schönsten Tage dieser Stadt. Und dieses Jahr war die Bühnenfasnacht erstaunlich zahm. Durch politischen Biss hoben sich vor allem das Mimösli im Kleinbasler Häbse-Theater und das Pfyfferli im Fauteuil am Spalenberg ab. Ansonsten fielen musikalische Experimente auf: Hervorragend produzierte Shows wie das Charivari, hinter dem die Macher des Basel Tattoos stecken, oder ein beeindruckend besinnlicher Almi am Läggerli.
So harmonisch war die Vorfasnacht schon lange nicht mehr. Nach dem Aufruhr um die Rassismus-Debatte wegen Basler Guggen-Namen, der fremdenfeindlichen Laterne der Alten Garde der Alten Stainlemer 2019 und den Chaisen-Demos zelebrierte man die schönen Seiten der Fasnachtswelt.

Bissiger Spott verträgt sich nun mal nur bedingt mit professioneller Unterhaltung. Könnte man meinen.
Doch genau darin liegt das Problem der Basler Fasnacht und dieses Problem heisst Zeitgeist. Die einst so anpassungsfähige Spitze karnevalistischer Prägnanz stumpft an ihrer eigenen Inszenierung ab, droht den Anschluss zu verlieren. In einer Zeit, in der Ironie und Zynismus zu Mitteln des alltäglichen Kampfs mit der eigenen Umwelt geworden sind, verlieren just diese Methoden an Wirkung im fasnächtlichen Kontext. Der US-amerikanische Präsident Donald Trump agiert täglich wie ein fleischgewordenes Sujet, ebenso der britische Premierminister Boris Johnson. Wenn schon alles gesagt ist, was soll dann noch der Fasnächtler sagen? «Isch halt e Schoofseggel»? Lieber nicht.

Rassismus, Tierschutz, fehlt nur noch: Sexismus

Humor ist vergänglich, besonders der derbe, das wissen wir am Rheinknie seit der Rassismus-Debatte sehr gut. Mittlerweile fehlt nur noch ein Sexismus-Skandal, Material dafür gibt es bekanntlich genug. Allein wenn man schon vom notorischen Gebaren gewisser – männlicher – Kostümierter weiss, die sich nicht zu schade sind, weibliche Zuschauerinnen wie Triebtäter bis auf die Unterwäsche und noch weiter zu begrapschen. Ist doch lustig, nicht? Gehört doch dazu, oder? Nein. Das hat genauso wenig mit der Basler Fasnacht zu tun wie stures Festhalten an konservativen Humorstrategien zwecks Rechtfertigung der eigenen Sprachlosigkeit, die sich unter Larvenpoesie und Räpplisääge breit macht.

Die Inszenierung hat die Basler Fasnacht gross gemacht, hat ihr Bedeutung verliehen, hat sie als freiheitsstrebende Volks-Kultur geprägt und zum Gesamtkunstwerk werden lassen. Gleichzeitig sind es aber die durch diese Inszenierung entstandenen Konventionen des 20. Jahrhunderts, die sie im 21. Jahrhundert Gefahr laufen lassen, zur Folklore zu werden. Zu einer Identifikationsfläche, von der zwar jeder hält, was er selbst davon halten will, die dadurch aber jegliche Spannung verliert und zum Volksfest verkommt.

Mögen sich die Jungen ihre Frische und Frechheit erhalten!

Wie meisterlich die Fasnächtler auf dieses sich so rasant verändernde Basel in einer von Umbrüchen und Deutungen überladenen Welt reagieren, in welcher Sprache sie dies zu bewältigen wissen, sehen wir zum Glück in gerade mal zwei Wochen. Wenns denn ändlig Vieri schloot.

Denn bei aller herbeigeschriebenen, illustrierten und ideal vermarkteten Inszenierung sind es die Individuen unter den Larven, die der Fasnacht ihre Seele, ihren Geist, ihren Witz leihen. Mögen sie also diese fasnachtsskandalfreie Zeit genutzt haben, um die wirklichen Skandale zu identifizieren. Mögen sich gerade die Jungen ihre Frische und Frechheit erhalten, mit dem Finger nicht nur dorthin zu zeigen, wo es für einen selbst am lustigsten ist, sondern auch dorthin, wo es weh tun soll: Wo Missstände sind, wo die Welt aus den Fugen läuft. Dann lässt es sich zwischendurch wieder umso besser schwelgen.

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