About Schmid
Basel im Mordstempo

Andreas W. Schmid ist freischaffender Autor und Journalist aus Basel und, auch wenn sein Name nicht so klingen mag, Italiener.

Andreas W. Schmid
Andreas W. Schmid
Merken
Drucken
Teilen

Ich schaue mir gerne von anderen Menschen etwas ab. Besonders, wenn sie erfolgreich sind. Karl Ove Knausgård ist ein norwegischer Bestseller-Autor, der seine Bücher im Akkord schreibt: Immer von Montag bis Freitag sitzt er zwischen halb zehn und halb drei am Schreibtisch und produziert in diesen fünf Stunden zehn (!) Buchseiten, weil er sich in der übrigen Zeit um seine Kinder kümmern muss. Wenn es nicht läuft, nimmt er ein Bad.

Ich finde, dass ich diese horrend schnelle Schreibe auch für mich ausprobieren könnte, hier und jetzt, wenn auch nicht wegen meiner Kinder (die sind mittlerweile erwachsen). Nimmt man Knausgård als Massstab, stehen mir für die 3000 Zeichen maximal 45 Minuten Zeit zur Verfügung. Das sollte hinhauen bei dem Thema, das ich mir für heute ausgesucht habe: Es geht um das Basel, das sich zum Guten entwickelt.

Das wurde mir wieder bewusst, als ich in diesen Tagen via WhatsApp-Video mit meinem Cousin in Italien sprach. Er hatte Basel so in Erinnerung, wie er der Stadt bei seinem letzten Besuch vor 25 Jahren begegnet war. «Wenn im italienischen Fernsehen zufällig ‹Derrick› läuft, sehe ich seelenlose, mausgraue Städte», sagte er unverblümt (wir sind sehr ehrlich zueinander), «und bei deinem Basel, von dem du so schwärmst, fühle ich mich daran erinnert.» Dass Derrick in Deutschland ermittelte, ich aber in der Schweiz lebte, war für ihn einerlei – für viele Italiener sind alle, die von jenseits des Gotthards kommen, «tedeschi», Deutsche.

Die Industriegegend ab Dreirosenbrücke Richtung Kleinhüningen fand er damals einfach nur «terribile», schrecklich. Den Rhein bezeichnete er als Kloake. Und auf den Plätzen in Basels Zentrum bekam er Depressionen, weil er nicht wusste, wo er sich hinsetzen, einen Espresso bestellen und seine geliebte «Gazzetta dello Sport» lesen konnte.

«Alles ganz anders heute», erklärte ich ihm nun, «das Industriegebiet wird aufgewertet, da entsteht ein grossartiges, bunt durchmischtes Stadtquartier.» Im glasklaren Rhein würden in den warmen Monaten tausende von Menschen schwimmen, «Basel ist jetzt mediterran». Auch auf dem Marktplatz hätte er keine Mühe mehr, ein Café zu finden. «Und es wird noch besser. Der Bus kommt dort weg, dadurch wird ein Boulevard möglich.» Jetzt müssten nur noch ein paar Schuh- und Kleidergeschäfte und vor allem die leblosen Bankgebäude durch Restaurants ersetzt werden, dann hätten wir eine richtige italienische Piazza, Tram hin oder her.

«Che meraviglia», wunderbar, freute er sich mit mir – und schämte sich offenbar ein klein wenig darüber, dass er so in seinen negativen Erinnerungen verhaftet gewesen war. Jedenfalls säuselte er plötzlich: «Basel hatte schon immer einen tollen Ruf, vor allem als Messestadt. Oder der FC Basel – den kennt doch mittlerweile jedes Kind in Indien. Steigt die Präsidentin nach einem Meistertitel immer noch mit den Spielern in den Whirlpool?»

Ich merkte, dass noch viel Klärungsbedarf bestand. Die Zeit aber drängte, denn die 45 Minuten sind vorbei. Ausserdem muss ich ein Bad nehmen.