Ach, Adrian. Jetzt bist du da oben, hängst mit alten Kumpels an der Himmelsbar herum, und wir sitzen unten und sind traurig. Du willst das nicht hören, schon klar, kein Gesülze lesen, keine Lobhudelei. Aber was, wenn hier steht: Dieser Mann war stolz darauf, den umgekehrten Weg gegangen zu sein, vom Doktor zum Wirt? Dann schmunzelst du. Adrian Bühler, Biologe, Lebemann, Frauenheld und Beizer.

So kannte man ihn: Adrian Bühler in typischer Pose.

So kannte man ihn: Adrian Bühler in typischer Pose.

Vor genau einer Woche starb Adrian. Der Krebs hat ihn geholt, zu früh, wie er selber sagte. Nach Afrika wollte er noch reisen, Botswana, zu seiner ehemaligen Schwägerin. Und manche Dinge wollte er bereinigen. Die Zeit hat nicht gereicht, er wurde 68 Jahre alt. Hinterlässt zwei Töchter, Colette und Rebecca, die Enkelin Mila – und eine Stube, die er mit der halben Stadt teilte. Auch mit jenen, die keine eigene Stube haben: das Restaurant Manger & Boire an der Gerbergasse, ehemaliges Domizil des Namensgebers «Tee-Manger».

Letzter Ausflug in die Hasenburg

Hausmaler René Noël malt derzeit an seinem neuen Wandbild. Diesmal sind es keine Frösche in Highheels, die Cüpli trinken. Noël malt den toten Christus im Grab, frei nach Hans Holbein dem Jüngeren. «Non, c’est pas Adrian», sagt er, «c’est Jesus.» Ausgerechnet jetzt, da sein Freund tot ist, malt der Künstler so was. Jetzt, da Adrian nicht mehr im Hospiz liegt, malt er einen Toten im Bett. Es war Adrians Wunsch, dass Noël die Wand neu bemalt.

Vor zwei Wochen, als alle dachten, Adrian sei schon halb weg von der Welt, tauchte er plötzlich im «Manger» auf. Er hatte seine Familie angerufen, er wolle in die «Hasenburg». Sie holten den schwachen Mann im Rollstuhl ab, in der Beiz brachte er gerade mal ein Läberli hinunter. Danach zündete er eine Gitanes ohne Filter an. Das Rauchverbot ging ihm gegen den Strich, was hatte er zu verlieren?

Die Familie brachte Adrian ins «Manger». Er sah die weisse Wand. Was ihm einfiele, die Wand leer zu lassen, fauchte Adrian den trauernden Noël an. Nicht nur Noël war erstaunt, alle waren es. Adrian, du? Ja, er. Er trank Wein, so gut es ging, lachte, genoss die Zeit, bis ihn die Familie zurück brachte. Zurück ins Sterbehospiz.

Finanzielle Achterbahnfahrt

Mathias Dettling (Mitte) ist neuer Wirt im «Manger & Boire», Künstler René Noël (links) bemalt die Wände seit der Eröffnung vor 20 Jahren.

Mathias Dettling (Mitte) ist neuer Wirt im «Manger & Boire», Künstler René Noël (links) bemalt die Wände seit der Eröffnung vor 20 Jahren.

Es ist ein Zufall, dass der neue Wirt die Beiz einen Tag nach Adrians Tod übernommen hat. Aber es ist kein Zufall, dass Mathias Dettling derjenige ist, der die «Manger»-Seele, ein dauernder Seiltanz zwischen heruntergekommen und gemütlich, hip und derb, bewahren soll. Zwei Jahre lang war er Kellner dort. Zwei Jahre lang hatte er Zeit, Adrian und die Gäste kennenzulernen. Für ihn ist klar: «Mein Geschäftspartner und ich werden die Beiz in seinem Sinn weiterführen, denn Adrian ist das ‹Manger›.» Das erste grosse Fest unter Dettling steigt am nächsten Dienstag.

Es hätte die Party zum 20. Geburtstag des Lokals werden sollen. Ein Fest, das in Anbetracht ewiger finanzieller Achterbahnfahrten nicht selbstverständlich ist. Und ein Fest, das nun Geburtstag und Abschiedsfest gleichzeitig wird. Wenn Adrians fünfjährige Enkelin recht hat, sitzt er dann auf einer Wolke, schaut dem Treiben hier unten zu «und schämt sich, dass er so viel geraucht hat». Wahrscheinlicher ist aber, dass er auf der Wolke an einer Gitanes ohne Filter zieht und uns zuprostet.

Abschied von Adrian Bühler: Dienstag, 13.12., ab 19 Uhr im «Manger & Boire».