Um 13.20 Uhr war die Welt am Steinenberg wieder in Ordnung. «Die sind aber früh dran», sagte Comité-Mitglied Daniel Hanimann, hob den Hut vor einer kleinen Pfyffer-Gruppe, die sich entschlossen auf die Route machte. Sonnenschein, man weiss ja nicht, wie lange das «hebt», vorwärts.

Aber da war noch ein fieser Wind, er sollte später die vielen Räppli durch die Strassen wirbeln und Abschrankungen sowie Laddärne-Träger ins Wanken bringen, wie etwa jene der Pfluderi, die sich mit Augenzwinkern beklagten, so sei das noch anstrengender. Aber gutes Cortège-Wetter, besser als erwartet. Jetzt.

Eine Stunde zuvor ein komplett anderes Bild, Schneeregen querweg ins Gesicht, es «chuttet»: «Ich dachte, das ruiniert mir das Make-up jetzt für die TV-Interviews. Aber so ist es mit der Fasnacht, da hat es stets von allem ein bisschen dabei», sagte Obfrau Pia Inderbitzin, die erste Frau überhaupt an der Spitze des Fasnachts-Comités, und sie überstrahlte alles, mit rotem Hut und goldenen Räppli-Ohrringen. Auch noch, als das Wetter wieder verrückt spielte, mit Schnee und Schneeregen, ja sogar Hagel.

So verrückt das klingt: Dieses Achterbahn-Klima während des Montags-Cortège war wie bestellt. Spielte vielen diesjährigen Sujets in die Hände, zeigte einmal mehr, dass die Basler Fasnacht es immer wieder schafft, den Nerv der Zeit zu treffen. Vor allem die Jungen, aber dazu mehr später.

Micky Mäuse im Schneegestöber

Das Wetter, es sorgte zuweilen für groteske Bilder. Micky Mäuse im Schneegestöber, Totenköpfe bei eitlem Sonnenschein. Eine Achterbahn der Gefühle. Wobei: Die Gefühle, die darf man heute ja nicht mehr kundtun, wie einem der Schnabel gewachsen ist, nachdem Social-Media-Gigant Facebook den Traditionsgruppen Negro Rhygass und Mohrekopf den Mund verboten hat, zumindest digital.

Letztere entfernten auf Druck einer aufgeplusterten Anti-Rassismus-Bewegung sogar das Logo des kleinen «Negers», und spielten ein vergleichsweise harmloses Sujets aus, machten sich auf die Suche nach Parkplätzen, wegen einer Politik, die dank Verkehrsdirektor Hanspeter Wessels den Autofahrer zum Dummpeter macht.

Andere wiederum, etwa der Stamm der Rhygwäggi, machten vor, wie man sich heute an der Fasnacht zu präsentieren hat: «Nätt, pfläggt – bolitisch korräggt». Mit Schildern an der Larve montiert, was noch gesagt werden darf – und was nicht. Auf keinen Fall: Zürcher Gschnätzlets, Näger, Rambass, sogar Waggis ist tabu. Und noch so Einiges mehr.

Am besten, man hält das Maul, darum das Sujet der Schnoogekerzli: «Mer saage nyt», und so schwammen sie im zugeschnürten Haifischkostüm mit dem Mainstream mit. Mit leuchtend rotem Vogel als Tambourmajor.

Den Vogel wohl abgeschossen hat die Alte Garde der Alten Stainlemer mit ihrem Sujet «Vereinigte Klein-Basler». Die Ladärne zeigt ein Heer ausländischer Männer und ein Ueli im Burka-Tenu. Sprüche wie «Wottsch iiber dr Claraplatz als goo, muesch fuffzää Sproche hüt verstoo» sind noch harmlos im Vergleich zu anderen auf der Laddärne.

Die Laterne der Alten Garde der Alte Stainlemer.

Die Laterne der Alten Garde der Alte Stainlemer.

Darf man das jetzt, oder nicht? Wurde eine Grenze überschritten? Pia Inderbitzin wollte sich nicht dazu äussern, da sie die Laterne zum Zeitpunkt unseres Treffens am Steinenberg noch nicht gesehen hatte, aber «in erster Linie ist jetzt Fasnacht, und da herrscht Narrenfreiheit».

Die Alte Garde der Alten Stainlemer am Montags-Cortège 2019

Die Alte Garde der Alten Stainlemer am Montags-Cortège 2019

Ist dieses Sujet zu viel? Die Laterne der Alten Garde der Alten Stainlemer polarisiert.

Bleibt zu hoffen, dass da nicht ein ganz düsteres Fasnachtskapitel aufgeschlagen wird. Freuen wir uns lieber daran, dass die Fasnächtler – zumindest rund 20 Formationen – an der diesjährigen Ausgabe zu Klimaaktivsten mutiert sind.

Etwa der Stamm der Glunggi, der, vom «Ballascht erstiggt», die Gasmasken montieren musste. Kein Wunder bei dem Plastikabfall, den die Pfyffer und Drummler mit sich rumschleppten. Die Junge Garde brachte es auf den Punkt: «Hesch au Drägg am Stägge? – Uns stinggt’s!».

Die Alte Garde der J.B.-Clique Santihans beschwört derweil bereits das Ende des Regens und den endgültigen Klimawandel herbei: «Kasch lääbe ooni Rääge?», und d Kratzbyrschte (Gugge) konstatiert: «die Hitz isch wirgglig nimm normaal».

Und dann gab es noch all jene, die Abschied nahmen. Von der Mutter aller Messen, der Muba, «bis zletscht», das diesjährige Sujet der Basler Fasnacht. Mit «What e Mäss!» sagten die Bâloinese «Aadie», mit Totenkopf und Merkurhut. So düster-lupfig wie es auch das Wetter war an diesem Montag. Ein bisschen von allem, das ist Fasnacht.