«Der Verkehr hat sich wohl kaum in Luft aufgelöst», sagte Christian Greif gestern auf Anfrage. In einem energischen Votum hatte der Geschäftsführer des ACS beider Basel an der Generalversammlung vom Vorabend die basel-städtische Verkehrspolitik aufs Korn genommen. Seine These: Die Mobilitätsstrategie, mit welcher der motorisierte Individualverkehr gemäss Volksauftrag um 10 Prozent reduziert werden soll, habe eine Zunahme des Schleichverkehrs zur Folge. Im Klartext: Die Hauptverkehrsachsen werden beruhigt, dafür werden die bis anhin ruhigen Quartiere zunehmend mit Autos verstopft. Das sei zugegebenermassen ein subjektiver Eindruck, den jedoch viele ACS-Mitglieder teilen würden, so Greif.

Zahlen gibt es nicht

In Tat und Wahrheit lässt sich Greifs Behauptung nicht mit Zahlen belegen. Beim Amt für Mobilität heisst es lapidar: «Dafür gibt es keine Hinweise.» Anwohnerinnen und Anwohner würden sich in der Regel rasch melden, wenn sie Mehrverkehr feststellen würden. Das sei bisher nicht der Fall gewesen. Simon Kettner, Leiter der Abteilung Mobilitätsstrategie, räumt allerdings ein, dass es keine statistische Erhebung dazu gibt. «Wir werden die Sachlage aber in den nächsten zwei, drei Jahren überprüfen.»

Bis dahin gilt die behördliche Interpretation, wonach der Schleichverkehr nicht etwa zu- sondern abnimmt. Der Beweis: Der Autoverkehr auf städtischen Strassen (ohne Autobahnen) ist zwischen 2010 und 2015 um drei Prozent zurückgegangen. Nimmt man die Autobahnen dazu, ist das Verkehrsaufkommen konstant geblieben. Im gleichen Zeitraum hat dafür der Veloverkehr um 18 Prozent und der öffentliche Verkehr um 9 Prozent zugelegt. Allerdings ist Basel-Stadt in dieser Zeit auch mächtig gewachsen, was Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels kürzlich zur Einsicht bewog, dass das vom Volk gutgeheissene Reduktionsziel von 10 Prozent bis 2020 eine «Illusion» sei.

Der ACS hat diese Worte wohl gehört und setzt voll auf die Initiative «Zämme fahre mir besser» des Basler Gewerbeverbandes, für die derzeit Unterschriften gesammelt werden. Sie soll den Volksentscheid rückgängig machen. «Die Diskriminierung des motorisierten Verkehrs ist nicht hinnehmbar», sagt Greif, «die Mobilitätsstrategie ist gescheitert». Zudem könnten die offiziellen Zahlen so nicht stimmen. «Ein Minus von 3 Prozent an Autofahrten entspricht 47'500 Velofahrten – pro Tag. «Das erscheint mir nicht plausibel», so der ACS-Geschäftsführer.

Mehr oder weniger Unfälle?

Greif sorgt sich aber nicht nur um die Freiheit der Autofahrer und um die Ruhe in den Wohnquartieren. Er behauptete an der Generalversammlung auch, seit Einführung der Mobilitätsstrategie würden die Unfallzahlen in verkehrsberuhigten Zonen steigen. Dem widerspricht Kettner vehement: Es liege eine Missinterpretation der Statistik vor. Tatsache sei, dass seit Anfang 2015 in der Innerstadt Tempo 30 gelte und nicht mehr Tempo 50. Deshalb seien die Zahlen in der einen Kategorie nach oben und in der anderen nach unten gegangen. Dem hält Greif entgegen, dass der Trend zu mehr Unfällen in den Quartieren eindeutig belegt sei, wenn man 2010 zum Ausgangspunkt nehme – dem Jahr der Abstimmung über den Gegenvorschlag zur Städteinitiative.