Mr. Green, sind Sie ein erwachsener Mann?

Adam Green: Ja, ich glaube schon. Lustig, dass Sie das fragen. Vor kurzem kam jemand in meinem Studio vorbei und fragte mich, welche Schule ich als Kind besucht habe. Und ich habe gedacht: «Cool, ich bin erwachsen!»

Sie tragen jetzt einen Bart und haben Anfang Jahr ein ziemlich erwachsenes Album mit der New Yorker Sängerin Binki Shapiro herausgebracht.

Ja, stimmt. Und ich bin verheiratet. Wenn ich dann mal Grosskinder habe, schliesst sich der Kreis.

Berühmt wurden Sie aber nicht zuletzt wegen Ihres kindischen Humors.

Ich weiss, was Sie meinen. Ich glaube, alles, was ich bis jetzt gemacht habe, hatte eine Punk-Ästhetik. Das war ziemlich dominant. Es ist interessant, das Publikum so zu bestrafen, dass es dich lieben muss. Wenn jemand ein Punk ist, lehrt er die Leute, wie sie einen zu lieben haben. Verstehen Sie, was ich sagen will?

Naja ...?

Es hat etwas mit Glauben zu tun, denke ich.

Sind Sie immer noch ein Punk, jetzt wo Sie ein erwachsener Mann sind?

Ich weiss es nicht. Was ist denn heute Punk? Jemand, der nicht Justin Bieber-Fan ist?

Das glaube ich nicht. Der englische Folk-Punker Frank Turner singt: «Punk ist, wenn man nicht darauf wartet, dass die Ampel auf Grün springt.»

Es ist auf jeden Fall schwierig geworden. Dieses Justin Bieber-Ding ist ausser Kontrolle geraten. Wir leben in einer Welt, in der man alles gut finden muss. Wenn Jack White (Gründer der amerikanischen Band White Stripes, Anm. d. Red.) sagt: «Lady Gaga ist grossartig», schreien alle: «Was wirklich?! Ja, sie ist toll!» Es ist verrückt. Ich weiss nicht, wie aus uns eine solche Gesellschaft werden konnte, die alles gut finden muss.

Sind wir das?

Schau dir Instagram oder Facebook an. Da gibt es nur einen Like-Knopf. Man kann nichts nicht gut finden oder nur ein bisschen gut finden. Man kann alles immer nur gut finden. Die Welt hat nur eine Option: Dinge gut zu finden.

Und Sie versuchen, etwas dazwischen zu machen? Etwas, das aneckt?

Ich weiss es nicht. Ich glaube, ich versuche einfach nur, irgendwie Kunst zu machen.

(Quelle youtube.com/bafuz)

«You get so lucky» von Adam Green

Morgen spielen Sie ein Konzert in der Fondation Beyeler, einem der renommiertesten Schweizer Kunstmuseen.

Ja. Ich freue mich sehr, dass dort Max Ernst und Maurizio Catellan zusammen ausgestellt werden.

Dann werden Sie sich die Ausstellungen ansehen?

Definitiv. Ich würde sagen, mein wichtigstes Hobby ist, über Kunstgeschichte zu lesen.

Sie sind ja auch ein Künstler. Sie machen nicht nur Musik, sondern auch Filme, schreiben Bücher ...

Ich versuche es. Deshalb ist es schade, dass ich es nie bis nach Basel geschafft habe. In New York, wo ich wohne, kann man viele Jackson Pollocks und Jeff Koons anschauen. In Europa kann ich endlich auch andere Künstler sehen, die bei uns nicht so häufig ausgestellt werden.

Sie touren ja ständig in Europa.

Ja. Ende Monat habe ich sogar eine Ausstellung in einer Zürcher Gallerie. Es wird meine erste Schweizer Kunstausstellung. Sowieso: Seit Kurzem bin ich verrückt nach den Alpen. Ich werde versuchen, in die Alpen hochzuwandern.

Warum das?

Ich habe eine Zeit lang viel Appenzeller Schnaps getrunken. Ich spielte mal ein Konzert in einer kleinen Schweizer Stadt. Da gabs einen kleinen Hügel. Wie nennt man das? Eine tiefe Alpe? Ich war ein bisschen betrunken vom Appenzeller und habe gedacht: Da könnte ich hochklettern. Ich bin etwa 100 Meter weit gekommen. Dann habe ich eine Kuhglocke gehört und bin auf einen Zaun gestossen. Danach habe ich aufgegeben (lacht).

Und jetzt müssen Sie es noch mal versuchen?

Ja! Ich hätte es fast geschafft!

(Quelle youtube.com/quirkykitten)

Adam Greens Video zu «Jessica»

Warum sind Sie denn so oft in Europa?

Mein erstes Plattenlabel Rough Trade ist aus England. Meine Platten kamen immer zuerst in Europa und dann in Amerika raus. Die Anti-Folk-Musik, von der ich gekommen bin, war sowieso immer viel populärer in Europa. All die Anti-Folk-Musiker waren viel öfter hier als in den Staaten unterwegs.

Aber Sie spielen schon auch Konzerte in Amerika?

Das schon. Ich habe gerade in New York und Los Angeles gespielt. Aber es stimmt schon, wenn ich in Philadelphia oder Pittsburgh spiele, wirkt es, als hätte das Publikum meine Sachen noch gar nie gehört. Ich habe aber diesen Traum: Ich möchte einmal ein Riesenkonzert in Philadelphia geben.

Warum Philadelphia?

Keine Ahnung, dort war es immer sehr schwer für mich bisher. Aber das ist schon o. k. Man kann nicht überall berühmt sein.

Dann hat Europa immer Ihre Rechnungen bezahlt?

Das nicht. Kennen Sie den Film Juno? Da war Musik von meiner ersten Band Moldy Peaches drauf. Der Soundtrack war ein Riesenerfolg in Amerika. Juno hat auf jeden Fall viele meiner Rechnungen bezahlt.

Sie machen nun schon ziemlich lange Musik.

Sie sagen es. Wenn man meine Karriere – wenn man es so nennen will – anschaut, machte diese immer viele Drehungen und Wendungen.

Woher kommen all Ihre Ideen und ihre Motivation?

Ich versuche immer, etwas zu machen, das originell und neu ist. Derzeit arbeite ich an einem Film. Es ist meine Version von Aladin. Bald kann ich als Aladin auf Tour gehen und als Aladin singen. Ich freue mich schon, das wird lustig!