Gastronomie
Adieu, Gasse - willkommen Boulevard

Wer in Basel noch einmal alte Rheingasse-Luft schnuppern will, sollte das jetzt tun: Bis in zehn Tagen ist die Rheingasse keine Gasse mehr, sondern ein Boulevard.

Martina Rutschmann
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Die Rheingasse in Basel
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Modern! Vorbei die Zeiten, als das «Hecht» 60er-Charme versprühte.
Noch ist das «Grenzwert» Baustelle.
Am Wochenende fand in der Rheingasse die erste Strassen-Vernissage statt.

Die Rheingasse in Basel

Kenneth Nars

Es ist staubig und es ist laut. Es ist eine Baustelle, respektive: Es sind zwei Baustellen. Laien sind ob des Chaos sicher: Bis die Handwerker abziehen, vergehen Wochen. Die Verantwortlichen widersprechen: Es handelt sich um wenige Tage.

Irren sie sich, stehen sie allenfalls etwas blöd da: Beizerin Cécile Grieder will das neue «Grenzwert» bereits am Donnerstag eröffnen, die Hotelier-Brüder Hüttenmoser ihrerseits haben eine knappe Woche später zur Eröffnung des «East West» geladen. Bis dahin muss das Gerüst an der Fassade weg sein, die Bohrmaschinen müssen verschwunden, die Lampen angeschlossen, die Tische bereit für Gäste sein.

In diese Zone kommt Begegnung

Drinnen – und draussen: Bis in zehn Tagen ist die Rheingasse keine Gasse mehr, sondern ein Boulevard. Eigentlich ist sie das jetzt schon, aber erst ein bisschen. Wie Knospen vor der Blütenpracht. Die Knospen sind einige Tische und Stühle vor dem «Schmalen Wurf», der «Brauerzunft», dem «Acero» und dem «Consum» . Die Blütenpracht werden Dutzende zusätzliche Tische und Stühle verteilt über die Gasse sein, die bis vor kurzem eine Strasse war und bald Begegnungszone ist.

Die Baudepartement-Verantwortlichen am Münsterplatz haben die Rheingasse schon lange zur Begegnungszone erklärt. Doch ohne das Zutun der Gastronomen würde sie diesem Namen nie gerecht werden können, wie der Noch-Zustand zeigt: Begegnen ist anders. Ein krasseres Beispiel spielt sich unweit im Rotlichtviertel ab. Der Ort gilt bei den Behörden ebenfalls als Begegnungszone. Verirrt man sich allerdings dorthin, begegnet man seit dem Fahrverbot kaum mehr jemandem. Nachts ist es gar stiller als wohl mancherorts auf dem Land. Im Gegensatz zur Rheingasse wird sich das dort kaum ändern, solange keine umtriebigen Gastronomen den Weg gehen, den die Beizer an der Rheingasse bereits hinter sich haben: Bewilligungs-Marathon für Aussenbestuhlung, die Verwandlung von Parkplätzen in Gastrozonen – natürlich korrekt mit weissen Ecken gekennzeichnet, damit Sanität und dergleichen jederzeit durchkommen.

Bären-Auferstehung im «Grenzwert»

Am Wochenende konnte man spüren, wie es sein wird: In der Rheingasse ging die erste Strassen-Vernissage mit Akkordeon, viel Publikum – und natürlich Kunst über die Bühne. Die Gäste hätten wahrscheinlich auf ihren Stühlen und in den Sesseln, die abends vor dem «Krafft» stehen, übernachtet, wenn der behördlich festgesetzte Feierabend nicht eingehalten worden wäre. Für die Rheingasse ist mit 22 Uhr wochentags und 23 Uhr am Wochenende zwei Stunden früher Feierabend als am Rhein: Die Lärmzone dort ist als weniger empfindlich eingestuft, was bedeutet, dass der «Schmale Wurf» am Rhein länger offen haben darf als vorne.

Die Gebrüder Hüttenmoser werden diese Situation ungleicher Öffnungszeiten in ein und demselben Betrieb nicht erleben, da sie sich gegen einen Boulevard-Betrieb in der Rheingasse entschieden haben. Als Grund nennt Christian Hüttenmoser den Platz für die Hotelvorfahrt, den man behalten wolle und die Tatsache, dass am Rhein ein neues Restaurant entsteht.

Die «Boulevardisierung» der Rheingasse bringt Neues – und lässt Altes verschwinden. Zwei Tiere etwa gibt es bald nicht mehr: Wo bis vor kurzem der «Schwarze Bär» hauste, wirtet künftig das «Grenzwert» – ins alte «Grenzwert» soll ein Grossbasler Wirt ziehen, munkelt man. Ganz verschwinden wird der Bär aber nicht: Die ausgestopfte Version eines Artgenossen ist neu im «Grenzwert» anzutreffen. Und was im Volksmund «Hecht» heisst, ist auf dem Papier schon zum «East West» mutiert. Ausserdem ist unklar, ob die «Sonne» weiter eine Art St. Pauli-Lokal auf Basler Art bleiben wird oder ob dort etwas Konventionelles entstehen wird. Der Besitzer ist auf der Suche nach einem Pächter. Wichtig ist den Beizern doch vor allem dies: «Ich erwarte, dass die Strasse zu dem wird, was sie auf dem Papier schon ist: eine Begegnungszone», sagt Robert Schroeder vom «Schmalen Wurf».

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