Bei Jeannine Pennesi und Patrick Herr begann das Abenteuer Auswandern mit einer ausgedehnten Erkundungstour. Denn sie wussten zu Beginn noch gar nicht genau, wo sie denn einmal wohnen wollten. Nur im Elsass sollte es sein, da waren sie sich sicher – so, wie eine wachsende Zahl von Schweizern.

Irgendwann, etwas mehr als ein Jahr ist es mittlerweile her, war das Paar aus Reinach wieder einmal auf Achse. Es fuhr mit dem Auto kreuz und quer durch die Orte im Grenzgebiet. Blotzheim, Hegenheim, Michelbach-le-Haut und Michelbach-le-Bas, Neuwiller, Buschwiller, Wentzwiller und wie sie alle heissen. Patrick Herr erinnert sich gut an jenes Sonntagsausfährtchen: «Wir sind zufällig durch Hagenthal gefahren und haben gesehen, dass Land zum Verkauf steht. Eigentlich wollten wir ja nicht bauen. Aus Neugier haben wir uns das Terrain aber doch angeschaut, dann gab es ein ‹Wow!› – und jetzt bauen wir halt.»

Fleissige Grenzgänger

Frankreich ist beliebt bei auswanderungswilligen Schweizern. Das Land führt die entsprechende Statistik an, schon seit Jahren. Alleine im Jahr 2016 meldeten sich 2083 Personen mit dem roten Pass neu im westlichen Nachbarland an, damit wuchs ihre Zahl auf über 200 000 an – Rekord. Deutschland, die zweitbeliebteste Auswanderungsdestination, kommt nicht einmal auf die Hälfte.

Einen bedeutenden Teil der Neo-Franzosen zieht es ins Elsass. Sie gehören meist zur selben Kategorie wie künftig auch Jeannine Pennesi und Patrick Herr: Sie stammen aus der Region Basel und sind fleissige Grenzgänger. Regelmässig kehren sie in die alte Heimat zurück – um Freunde und Verwandte zu besuchen, zur Arbeit, fürs Kino.

Provinz mit Charme

Die Elsass-Schweizer stehen also weiterhin mit einem Bein in der Schweiz, kommen aber in den Genuss von etlichen Vorzügen. So lockt Frankreich mit tieferen Landpreisen und Lebenshaltungskosten. Und dann wären da noch die Landschaft und der ländliche Charme. Man tauche in die Provinz ein, im positiven Sinne, heisst es von den Ausgewanderten. Dabei liege Basel gleich um die Ecke.

Dass die Steuerrechnung meist deutlich höher ausfällt am neuen Wohnsitz, das wird in Kauf genommen – sicher nicht zuletzt, weil anderes wiederum günstiger ist. So sind neue Einfamilienhäuser im Sundgau schon ab 250 000 Franken zu erstehen, für Schweizer Verhältnisse ein Schnäppchen.

Es gilt jedoch: Je näher an der Grenze, umso teurer wirds. In der Basler Ecke sind die Preise für Immobilien, neben einigen Vororten Strassburgs, die höchsten im ganzen Elsass (siehe Karte). Spitzenreiter sind Village-Neuf, Leymen, Wentzwiller, Buschwiller, Hégenheim und die beiden Hagenthal. In diesen Dörfern kostet der Quadratmeter Bauland rasch einmal mehr als 200 Euro – schon 20 Kilometer weiter westlich sinkt der Preis auf die Hälfte.

Die Schweizer mögen das Elsass – die französische Bürokratie jedoch weniger. Immer wieder macht das ferne Paris den Grenzgängern mit schwer nachvollziehbaren Entscheiden das Leben schwer. Jüngst war es die Änderung der Krankenkassen-Regelung. Bisher konnte dies aber nicht zu einem Knick in der Statistik führen. Der Konsularbezirk Strassburg gibt zur Auskunft, 2016 seien 23 536 Schweizerinnen und Schweizer angemeldet gewesen. Diese Zahl ist jedoch wenig aussagekräftig, denn das Generalkonsulat deckt die gesamte Region Grand Est ab, und diese erstreckt sich bis an die belgische Grenze. Auf Nachfrage heisst es, der Löwenanteil der Registrierten wohne im Département Haut-Rhin, also grenznah. Es handle sich um rund 16 000 Personen – das entspricht der Einwohnerzahl des Bezirks Waldenburg.

Verstopfte Strassen

Was für Frankreich generell gilt, trifft auch für das Département Haut-Rhin zu: Die Zahl der registrierten Schweizer ist laut Generalkonsulat «allgemein eher steigend». Noch 2015 habe man 15 600 Personen gezählt. Hinzu kommen wohl noch etliche, die nicht in der Statistik auftauchen: Leute, die sich nicht angemeldet haben oder Wochenend-Aufenthalter.

Trotzdem gibt es wohl auch viele enttäuschte Rückkehrer. Das will Robert Heuss festgestellt haben. Der frühere Basler Staatsschreiber ist Präsident des Kulturvereins Elsass-Freunde Basel. Heuss sagt, der Rückwanderungsgrund Nummer eins seien Steuern, Versicherungen und Administratives. «Dann ist auch der Verkehr ein leidiges Thema.» Gerade zu Stosszeiten seien die Strassen von und nach Basel regelmässig verstopft. «Vor 20, 30 Jahren war das nicht so schlimm, das berichten unsere Mitglieder unisono.»

Am neuen Wohnort von Jeannine Pennesi und Patrick Herr sind Staus offenbar kein Thema. Fürs Treffen mit dieser Zeitung haben sie in eine Pizzeria in Hagenthal-le-Bas geladen, denn ihr neues Heim existiert erst auf Plänen. Niederhagenthal grenzt an Schönenbuch. «In die Stadt sind es bei flüssigem Verkehr mit dem Auto 20 Minuten», schwärmt Pennesi, die in Reinach bei einer Handelsfirma arbeitet. Freund Patrick ergänzt: «In Schönenbuch fährt der 33er-Bus und in Leymen das 10er Tram.» Der 53-jährige leitet in Basel einen Zeitungsverlag, wird also auch weiterhin fast täglich die Grenze überqueren.

Mit der Bürokratie hat Herr aber auch schon Bekanntschaft gemacht: «Man muss wahnsinnig viel beachten, denn mit dem Gang über die Grenze ändert sich viel. Das fängt beim Bankkonto an, geht zum Erbschaftsrecht bis hin zu kleinen, alltäglichen Sachen.» Er hat seine Erfahrungen in einem Blog festgehalten, «als Hilfe für andere, die noch ganz am Anfang stehen. Auswandern muss vorbereitet sein.»

Die Sache mit dem Dialekt

Das Architekturbüro, welches das Haus der beiden Reinacher plant, ist Maison Créages aus Brunstatt. Die Inhaberin schreibt, man würde etwas weniger Kundschaft aus der Schweiz betreuen als noch vor etwa 20 Jahren: «Es ist halt doch nicht so einfach für Schweizer, nach Frankreich zu ziehen. Die Kultur und die Lebensart der beiden Länder unterscheiden sich stark.» Von Vorteil seien sicherlich gute Französischkenntnisse.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nimmt die Zahl der Elsässer ab, die Mundart sprechen. Ein zuverlässiger Indikator sind die Grenzgänger-Ströme: Immer weniger Elsässer beherrschen Deutsch, und so können auch immer weniger von ihnen ihre Brötchen in der (Deutsch-)Schweiz verdienen. Ein gutes Französisch sei keine Bedingung für Auswanderer, aber sehr zu empfehlen, sagt Herr. Für ihn ist die neue Sprache kein Hindernis. Seine Mutter ist Welsche, er wuchs bilingue auf, zusammen mit seinem Bruder Dominique. (Ja, der Dominique Herr, der frühere Fussball-Nationalspieler.) Auch Partnerin Jeannine hat sprachlich keine Mühe: Sie lebte 20 Jahre in Genf und Lausanne. Trotzdem: Wäre ihre Tochter nicht schon aus der Schule, hätten sie mit dem Schritt zugewartet, sagt sie mit Bestimmtheit: «Kinder oder Jugendliche ohne Notwendigkeit zu entwurzeln, ist nie gut.»

Südbaden hat aufgeholt

Jedoch sei der Dialekt längst nicht ausgestorben, sagt Patrick Herr. Gerade bei den Älteren komme es häufig vor, dass diese plötzlich fänden, man könne jetzt doch auch auf Elsässisch parlieren. «Das ist doch der Charme des Dreiländerecks. Wir sind alle ein wenig anders, aber aus der gleichen Ecke und wir verstehen uns.»

Etwas nüchterner sieht das Beatrice Fuchs. Die Baslerin zog 1991 mit ihrem Mann nach Muespach in einen alten Bauernhof. «Damals hörte man fast überall noch Elsässisch. Aber das hat extrem abgenommen, die Jungen wollen nichts mehr wissen vom Dialekt.» Sie sagt, sie würde heute nicht mehr ins Elsass ziehen. «Wir verbringen viel mehr Zeit im Markgräflerland. So, wie Deutschland kulinarisch aufgestiegen ist, ging es mit dem Sundgau bergab. In grenznahen deutschen Restaurants sind jeweils viele Elsässer anzutreffen.»

Fuchs, die bis zu ihrer Pensionierung in Basel arbeitete, sagt, es sei nicht mehr derselbe Landstrich wie früher. «In Muespach zum Beispiel gibt es kein richtiges Restaurant und keinen Laden mehr. Gäste bestätigen uns immer wieder, dass die Dörfer wie ausgestorben wirken.»

«Würden niemals zurück»

Diesem Urteil kann sich wiederum Silvia Streiff nicht anschliessen. Zusammen mit ihrem Mann zog sie vor 32 Jahren nach Waltenheim. Das Paar sanierte eine alte Mühle und baute sie zum Landgasthof aus. Zum Anwesen gehört auch ein grosses Gestüt. Sie sagt, man könne im Elsass «ein wunderbares Leben» führen, man müsse sich aber um die Integration bemühen. «Wir gehen an fast jeden Dorfanlass.» Dass der Dialekt verschwinde, sei kein typisch elsässisches Problem, das gebe es anderswo auch. Manchmal habe sie Bedenken, wenn sie mit anderen Ausgewanderten spreche, sagt Streiff. «Ich habe das Gefühl, sie wollen den Batzen und das Weggli: günstige Preise hier und weiterhin alle Vorteile der Schweiz.»

Sie beide könnten sich nicht vorstellen, je wieder einmal in der Schweiz zu leben. «Wir haben hier unser kleines Paradies gefunden. Wir würden niemals zurück.»