Christine Dietrich

Affäre Dietrich nimmt kein Ende – die Synode ist gespalten

Christine Dietrich (oben rechts) stand gestern im Fokus der Synode.

Christine Dietrich (oben rechts) stand gestern im Fokus der Synode.

Die Synode ist in der Frage um eine umstrittene Pfarrerin gespalten. Sie streitet um die Deutung eines Statements der Synodenpräsidentin.

Christine Dietrich schüttelt den Kopf. Nein, sie möchte keine Stellung nehmen. «Ich nehme es zur Kenntnis», sagt sie lediglich über diesen Mittwochmorgen, und das Gespräch ist beendet. 
Dem vorangegangen sind Abläufe, wie sie die Evangelisch-Reformierte Kirche in Basel-Stadt nicht kennt. Eine politische Diskussion um eine Person zu führen – noch dazu Pfarrerin und Kirchenrätin – das ist für die Synode Neuland. Das zeigte die gestrige Sitzung der Synode. Seit diese Zeitung Recherchen veröffentlicht hat, welche die im September gewählte Kirchenrätin Christine Dietrich trotz wiederholter Distanzierungsbeteuerungen in die Nähe rechtsextremen Gedankenguts rücken, brennt der Baum.

An einer Einführungssitzung für neue Synodale einige Tage später kam die Vergangenheit Dietrichs erstmals intern aufs Tapet. Sie sollte erklären, weshalb sie vor einigen Jahren zu den führenden Köpfen des Hetzportals «Politically Incorrect» gehört hatte. Doch statt mit den Vorwürfen aufzuräumen, versuchte Dietrich, ihre Rolle und das Gesagte zu relativieren, berichten mehrere Synodale, die damals anwesend waren. Auch in einem Interview mit der bz zeigte Dietrich wenig Reue, lieber sprach sie von einer Hexenjagd gegen ihre Person.

Dies liess eine Gruppe von Synodalen zu einem aussergewöhnlichen Mittel greifen. Sie verfassten ein Memorandum, um ihrem «starken, bleibenden Unbehagen» gegen Dietrich Ausdruck zu verleihen. 22 von 80 Mitgliedern der Synode unterzeichneten das Papier, das gestern im Saal des Grossen Rates auflag. Zwölf davon taten dies allerdings anonym. Für kirchenpolitische Verhältnisse kommt das schlicht formulierte Schreiben einem mittleren Aufstand gleich. «So etwas hat es meines Wissens noch nie gegeben», sagte Kirchenratspräsident Lukas Kundert auf die Frage nach einer Einordnung. Was auch daran liegt, dass es ein Memorandum in der Geschäftsordnung der Synode als Instrument gar nicht gibt und das jetzige folglich keine Plenumsdiskussion zur Folge hatte. Dennoch griff Synodenpräsidentin Sabine Ammann das Thema auf und verlas ein Statement. Sie ging dabei darauf ein, dass eine Stellungnahme Dietrichs zu keiner Entspannung der Situation geführt hätte. «Ich persönlich fürchte, dass wir in einer Sackgasse stecken», sagte Ammann und forderte alle auf, konstruktiv zusammenzuarbeiten. Diesen Satz wiederholte sie: «Eine konstruktive Zusammenarbeit ist nur möglich, wenn die eigene Befindlichkeit zurückgesteckt wird und das Wohlergehen der Kirche im Vordergrund steht.»

So gespalten die Synode in der mittlerweile langwierigen Affäre um die Kleinhüninger Pfarrerin ist, so unterschiedlich fallen die Interpretationen von Ammanns Appell aus. Wer Dietrich nahe steht, erkennt darin einen Aufruf zur Mässigung an die Adresse widerständiger Synodaler. Wer Vorbehalte gegen Dietrich hegt, hörte hingegen eine kaum verhohlene Rücktrittsforderung.
Zu Letzteren gehört auch Brigitte Heilbronner. Das ist insofern bemerkenswert, dass sie selbst auch dem Kirchenrat angehört, also in den kommenden vier Jahren eng mit Dietrich zusammenarbeiten wird. Von den Kirchenräten hat sich bislang noch niemand öffentlich geäussert. Heilbronner hält indes nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg: «Die Situation kann nur gelöst werden, indem Christine Dietrich zurücktritt.»

Eine Frage von Schuld und Sühne

Was gestern aber auch ruchbar wurde: Sowohl im Kirchenrat als auch in der Synode sind die pointierten Kritiker Dietrichs in der Unterzahl. Sie heben die Diskussion sogar auf eine religiöse Ebene und werfen ihren Synodenkollegen vor, gegen eine urchristliche Tradition zu verstossen: das Vergeben von Schuld. Gleichzeitig reklamieren die Unterzeichner des Memorandums, Dietrich habe nie echte Reue gezeigt.

Eine Lösung in dieser Glaubensfrage steht aus. Der Handlungsspielraum aller Beteiligter ist jetzt ausgereizt – bis auf Christine Dietrich. Sie nimmt die Ereignisse zur Kenntnis.

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