Museum der Kulturen

«Afrika roch nach Ziegenleder»: Adrian Wisler kennt 300'000 Objekte im Schlaf

Treffen mit Adrian Wisler, der seit 30 Jahren im Depot des Museum der Kulturen arbeitet

Adrian Wisler Museum

Treffen mit Adrian Wisler, der seit 30 Jahren im Depot des Museum der Kulturen arbeitet

Seit dreissig Jahren arbeitet Adrian Wisler im Museum der Kulturen. Das Depot mit 300'000 Objekten kennt er wie seine Westentasche.

Eine Touristenstrasse in Mallorca. Die Touristen machen Fotos von den Kirchen, alten Bauten und dem Meer. Ein Mann steht mitten auf dem Platz. Gebannt starrt er auf einen Punkt. Dort steht eine Frauenbüste. Klein, bescheiden, auf den ersten Blick unscheinbar. Die Passanten sehen den Mann verwundert an, schauen, was es zu sehen gibt und gehen weiter. Er blendet die Welt aus und schaut sich die Gesichtszüge der Frau an. Das Material, die Form, die Abnutzungen an der Büste. Die Details sind verblüffend.

Adrian Wisler sieht Dinge, die andere in unserer schnelllebigen Zeit schlicht übersehen. Dies bemerkte er auf ein Neues in seinen Kurzferien in Mallorca. Er sieht die Schönheit im Kleinen und Unscheinbaren.

Das genauere Hinsehen lernte er in den vergangenen dreissig Jahren. Am 1. März 1988 trat er die Stelle als Sammlungsassistent im damaligen Museum für Völkerkunde an. Heute ist der 59-Jährige Leiter der Sammlungsverwaltung im Museum der Kulturen. Niemand kennt die Sammlung so gut wie er. Spätestens bei einem Besuch im Depot des Museums wird das klar. «Das ist eine Keramik-Vase aus Marokko», «Hier haben wir eine Maske aus Stein, die von den Aborigines stammt.» Er wandert durch das Labyrinth und zieht die verschiedensten Gegenstände aus den Schubladen. Von jedem Objekt, das er ansieht, kennt er die Geschichte. Jeden seiner Arbeitstage verbringt er mit der Sammlung. «Einsam fühle ich mich nie. Die Sammlungen sind so lebendig.»

Es roch nach Ziegenleder

Besonders schön findet er die Eigenständigkeit der Objekte. Hier sind sie auf sich allein gestellt. Nicht wie in einer Museumsausstellung, wo sie in einen Kontext gesetzt werden. Nur das Objekt, seine Ausstrahlung, seine Geschichte und sein Geruch. Obwohl das mit dem Geruch so eine Sache ist. «Früher ging ich in einen Raum und konnte mit geschlossenen Augen am Geruch erkennen, ‹auf› welchem Kontinent ich mich befinde. Afrika roch nach Ziegenleder.» Die Objekte wurden noch in Kellern oder Estrichen gelagert. Die Objektgruppen kamen meist aus Feldforschungsprojekten. Die Kuratoren hatten damit eine persönliche Beziehung zu den Objekten. Die Beziehung zu diesen habe sich verändert. Für die neuen Mitarbeitenden seien die Gegenstände eher anonym. Man arbeitet in Arbeitskitteln, die Objekte werden nur mit Handschuhen in die Hände genommen. Auch durch die Digitalisierung hat sich Wislers Arbeit verändert. «Früher nahm man noch einen Bleistift und eine Karteikarte und schrieb die Daten jedes einzelnen Objektes nieder.» Heute sei es viel einfacher.

Zudem sei heute alles sehr steril. Für den Zustand der Objekte sei dies optimal. Die Räume sind klimatisiert, die Fenster zugemauert. Bevor ein neues Objekt inventarisiert wird, kommt es für sieben Wochen in eine Stickstoffkammer. Dort wird es von Schädlingen befreit. Von Käfern, Motten, Schimmel. Die Schädlingsprävention ist für Wisler ein zentrales Thema. Schon immer. Anfang der 90er machte er eine Ausbildung zum Museologen. Seine Arbeit ermöglicht den Wissenschaftlern, ihre Recherchen zu betreiben und Sammlungen vorzubereiten. Sammlungsmanagement, Budgetierung und Sammlungsverschiebungen sind die zentralen Aspekte. «Ich erinnere mich noch genau an meine Diplomarbeit. Sie hatte einen ellenlangen Titel und handelte von der Schädlingsprävention», sagte er lachend. Auch heute setzt er alles daran, seine «Schätze» vor den Schädlingen zu schützen.

Ein kurioser Weg

Derzeit arbeitet er ein ganz neues System aus, dass es so in keinem anderen Museum gibt. Mit farbigen Klebern werden die Objekte markiert. Jede Farbe symbolisiert ein spezielles Material. Im ganzen Depot hängen Listen, die erklären, welches Material von welchem Schädling befallen werden könnte. Dies mache eine Notevakuierung viel einfacher – vor allem für Leute, die sich mit den Objekten nicht auskennen, beispielsweise Feuerwehrleute. Die Idee dafür kam aus Wislers Vergangenheit. Nachdem er mit 15 die Schule verlassen hatte, machte er eine Ausbildung zum Rheinmatrosen. Im Maschinenraum der Schiffe waren die Kabel mit verschiedenen Farben gekennzeichnet, sodass jedes richtig eingesteckt wird.
«Mein Weg zu meinen heutigen Beruf war ein wenig kurios», erzählt er schmunzelnd.

Schon immer wollte er ferne Länder und Kulturen «erreisen». Nach seiner Ausbildung zum Matrosen zog es ihn nach Israel, dann nach Frankreich. Er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

Zurück in der Schweiz begann er eine zweite Ausbildung zum Maurer. Der Beruf an sich interessierte ihn nicht besonders. Er war fasziniert von Renovationen und der Arbeit mit alten Bauten. «Die Archäologie hat mich schon immer angezogen.» Neben dem Erfahren über Vergangenes ist es auch hier wieder die Schönheit der einfachen Dinge, die Wisler berührt.

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Autor

Olivia Meier

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